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Naturphänomene Kurioses und Rekorde aus der Tier- und Pflanzenwelt, atmosphärische und andere Naturschauspiele, verändertes Verhalten von Tieren ...

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Alt 21.04.2004, 14:57   #1
Desert Rose
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Böse Warum es 2,7 Millionen Euro kostet, 90 Nager umzusiedeln

Zitat:
EINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTE

Der Hamsterflüsterer

Warum es 2,7 Millionen Euro kostet, 90 Nager umzusiedeln.

An klaren Tagen reicht der Blick im Mainzer Süden fünf Kilometer in jede Richtung, über blanke, baumlose Äcker. Die Krumen oben an der Kruste sind ockergelb, und wenn man sie zwischen den Fingern zerquetscht, stauben sie auf wie Blütenpollen. Aber tiefer, wo der Lössboden die Feuchtigkeit noch gehalten hat, klebt er lehmig und fest.

Guter Boden ist das, im Mainzer Süden. Guter Boden für den geplanten Wirtschaftspark-Süd, eine blühende Landschaft mit hoffentlich irgendwann 6000 Arbeitsplätzen und hoffentlich irgendwann 600 Millionen Euro Investitionen. Guter Boden für Ferdinand Graffé, der die Ackerflächen als Prokurist der städtischen Grundstücksverwaltungsgesellschaft zusammengekauft und erschlossen hat, um sie an Firmen weiterzureichen. 42 Millionen Euro hat sich die Stadt Mainz diesen Boden schon kosten lassen.

Guter Boden, dachte auch Holger Hellwig, guter Hamsterboden. Das hat der Biologe, 33 Jahre alt und von Beruf Landschaftspfleger, sofort gesehen, als er im April 2002 an den Pfosten für die geplante Westumgehung vorbeikam. Er stieg aus. Er stiefelte über das Feld. Keiner weiß über Hamster so viel wie er, sagt Graffé über Hellwig. Keiner findet Hamster so schnell wie er, sagt Hellwig über Hellwig. Er schaute nach Löchern. So wie er das immer tut, wenn er mal wieder einen Auftrag braucht. Und nach ein paar Minuten hatte er alles, was er suchte. Die Löcher. Die Hamster. Den Auftrag. Kurz danach schrieb er an die Stadt. Es gebe da ein Problem. Aber er könne helfen. Er, der Geschäftsführer des "Landschaftspflegeverbandes Rheinhessen-Nahe" und Umzugsexperte für Feldhamster, die Baugebieten im Weg sind.

Das Problem mit dem Hamster: Früher erschlugen ihn die Landwirte, ersäuften ihn, erstachen ihn, und für jeden Schwanz, den sie bei der Gemeinde ablieferten, bekamen sie 50 Pfennig. Millionen Nager fraßen sich damals durch die Felder. In Polen wird er auch heute noch verfolgt, in Ungarn gern gebraten, in der EU aber hat sich 1992 die Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie seiner erbarmt. Seitdem darf er weder erschlagen noch erstochen, noch ersäuft werden, und die Missachtung von Hamsterrechten kann mit Stilllegung von Baugebieten nicht unter zwei bis drei Jahren geahndet werden.

Allerdings weiß kein Mensch, wie viele Hamster es noch gibt in Deutschland, denn er lässt sich nicht gern blicken, schon gar nicht am helllichten Tag. Auch Hellwig hat in seinem Leben erst einen frei laufenden Hamster gesehen, aber im Gewerbegebiet von Mainz-Süd 90 Hamsterlöcher gezählt. 90 Löcher, also 90 Tiere, so seine Analyse.

Zuerst hörte Hellwig nichts auf seinen Brief an die Stadt. Dabei war er sich sicher, dass er "hier hamstermäßig eines der Epizentren" aufgespürt hatte. Dann aber, nach drei Tagen, rotierten sie im Rathaus. Der Umweltdezernent. Der Baudezernent. Der Wirtschaftsdezernent. Und mittendrin Graffé, der Prokurist. In vier Wochen sollte der Straßenbau beginnen. Am liebsten hätte Graffé dem Hamster-Mann "den Hals umgedreht", hätte ihn einfach fortgejagt.

Aber, was will man machen, er hat Hellwig beauftragt, der Kerl ist ja der Einzige, der sich mit Hamstern auskennt.

Erste schnelle Maßnahme der Rettungsaktion: Die Nager, die mit ihren Löchern den Bau der Zugangsstraße blockierten, musste Hellwig einfangen, um den Baubeginn zu retten. Aber eigentlich will er die Tiere nicht anfassen, er sieht sich als Freund der Hamster. Außerdem ist ihm mal einer krepiert, Herzschlag; da musste er einen Bericht schreiben, wie das passieren konnte.

Also darf Hellwig jetzt im Wirtschaftspark Mainz-Süd etwas ganz Neues ausprobieren: die Vergrämung. Obwohl "Verlockung" richtiger wäre. Der Hamster, sonst erdverwachsen und heimattreu, wird mit Futterringen zum Wandern animiert; je weiter weg, desto leckerer. Ring eins: Zuckerrüben; Ring zwei: Roggen, Weizen, Gerste; Ring drei: Hafer, Klee, Luzerne.

Leider schaffen die Nager so nur 100 Meter im Jahr, weshalb das Umzugsprogramm auf mindestens fünf Jahre angelegt ist. Leider haben ältere Tiere auch gar keine Lust auf einen neuen Bau, sie müssen also - leider - doch gefangen werden. Und leider schlafen die meisten Hamster jetzt noch, also kann der Umzug erst in einigen Wochen beginnen. Und das Bauen noch später.

Schade auch, dass die Ersatzflächen, die Graffé jetzt besorgen musste, und die wissenschaftliche Begleitung und die satellitengestützte Kartierung der Hamsterlöcher, dass all das die Stadt insgesamt 2,7 Millionen Euro kosten wird. Natürlich ohne dass Hellwig versprechen kann, die Hamster wirklich in Bewegung zu bringen. Und ohne dass er so recht verrät, wie viel Honorar er als Hamsterlobbyist für seinen Verband hereinholt, für seinen "Landschaftspflegeverband", der ein Ein-Mann-Unternehmen ist.

Manchmal wünscht sich Graffé einfach nach Italien, Griechenland, Spanien. Was man in Südeuropa mit Hamstern im Baugebiet machen würde? 2,7 Millionen Euro zahlen? In Südeuropa? "Ha, ha", prustet Graffé und setzt sich erst mal auf die Ladefläche seines Toyotas. Und mit Hellwig? Was würden die mit dem machen in Südeuropa? "Na", sagt Hellwig und gibt die Antwort selbst, "die würden mich wohl am Frontlader aufhängen."

JÜRGEN DAHLKAMP
Spiegel-Online

Kleine Ursache, große Wirkung.
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Alt 21.04.2004, 16:28   #2
V.A.
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Man kann es mit der Tierliebe auch wirklich übertreiben.
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Alt 21.04.2004, 17:05   #3
Desert Rose
Gast
 
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Zitat:
Original von V.A.
Man kann es mit der Tierliebe auch wirklich übertreiben.
Naja, also soweit würde ich nicht gehen, denn schliesslich ist der Feldhamster eine bedrohte Tierart das vor dem Aussterben bewahrt werden muß.

Zitat:
Vom „Erntedieb“ zur geschützten Tierart – Der Feldhamster ist vom Aussterben bedroht

Früher gehörte der Feldhamster zu den häufigsten Nagetieren Deutschlands, inzwischen wird er auf der „Roten Liste“ als gefährdet eingestuft. Jahrzehntelang wurde er gezielt verfolgt. Er galt als Schädling, wurde mit behördlicher Genehmigung getötet und professionell für die Pelzwirtschaft gefangen.

Heute bedrohen ausgeräumte Landschaften, die Verwendung von Agrarchemikalien und der Einsatz landwirtschaftlicher Großmaschinen den Bestand des Feldhamsters. Es fehlt ihm seit langem an Nahrung, geschützten Nist- und Brutmöglichkeiten und Deckung vor Witterungseinflüssen. In vielen Gemeinden mit traditionellem Hamstervorkommen ist er heute völlig verschwunden.
Quelle


Feldhamsterprojekt
Feldhamster als Stadtbewohner
Bild
SCHUTZGEMEINSCHAFT DEUTSCHES WILD
Der Feldhamster (Cricetus cricetus) (einige Daten)


Zitat:
Obwohl der Feldhamster nach dem Bundesnaturschutzgesetz gesetzlich streng geschützt ist, gilt er deutschlandweit inzwischen als "stark gefährdet" bis "vom Aussterben bedroht". In einzelnen Regionen, etwa in Schwaben, sind Feldhamster schon ausgestorben. Da dieser Rückgang in ganz West- und Mitteleuropa beobachtet wird, hat die EU den Feldhamster unter den Schutz der Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie gestellt. Alle betreffenden Mitgliedstaaten sind zur Einführung eines strengen Schutzsystems verpflichtet. Mit dem neuen Hilfsprogramm für den Feldhamster setzt Bayern diese Forderung nun erfolgreich in die Praxis um.
Weiter hier


Ich dachte eher gerade daran, ob man nicht eine Alternative für den Bauvorhaben hätte. Ein anderes Gebiet zum Beispiel. Auch wenn das schwierig wäre, aber die haben ja schliesslich 5 Jahre Zeit.
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