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Alt 15.09.2013, 15:19   #1
Der Phoenizier
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Beitrag Postsozialistische Länder und meine Erfahrung

In einem Thread über Syrien wurde Bezug auf postsozialistische Länder genommen, und meines Erachtens kann man das nicht vergleichen. Weil aber das Thema zur Sprache kam, eröffne ich diesen Thread und beginne mit meinen Erfahrungen.

Nach der Wende war es geradezu mein Hobby, postsozialistische Länder auf Urlaubsreisen zu erkunden. Die neuen Bundesländer standen am Anfang. Dann bereiste ich der Reihe nach folgende Länder: Polen, Litauen, Rumänien, Mazedonien, Ungarn, Aserbaidschan, Bulgarien, den Kosovo, Moldawien und zuletzt noch Serbien. In allen diesen Ländern fand kurz nach der Wende eine ähnliche Entwicklung statt. Durch Schließung ehemaliger Staatsbetriebe standen viele Menschen auf der Straße. Es erfolgte eine Teilprivatisierung, wobei ich die Kriterien nicht ganz durchschaue. Zumindest einige Familien erhielten Privateigentum an Grundstücken und Gebäuden. Seitdem partizipieren diese Menschen am Tourismus und verdienen auf die Weise ihren Lebensunterhalt. Sie bieten Fremdenzimmer, Mahlzeiten und weitere Dienstleistungen an. Genau mit solchen Menschen kam ich auf meinen Reisen zusammen. Politisch spreche ich von einer Grauzone. Natürlich ist das keine organisierte Partei, denn jede Familie wirtschaftet für sich selber. Innerhalb ihrer eigenen vier Wände äußern die Leute sehr wohl ihre politische Meinung. Somit kann ich einigermaßen gut erkennen, wie weit es dort mit der Demokratie her ist. Im Prinzip besteht ein großes Ost-West-Gefälle.

Im Osten nenne ich das eine Staatsmafia. Das funktioniert wie staatlich organisierte Korruption. Polizei und Justiz sind käuflich, und die reiche Oligarchie hat sich dort eingekauft. Somit entscheidet eine Clique von Machthabern über die Geschicke des Staates. In geographischer Nähe zu demokratischen Ländern ist mir das nicht aufgefallen. Man muss weiter nach Osten reisen, um zu erkennen, dass der Übergang zur Demokratie nicht automatisch abläuft.

Dieses System ist weder kapitalistisch noch sozialistisch, denn die Clique vermischt private und staatliche Gelder. Weiter unten ist das wie Kapitalismus ohne Kapital. Vom Staat werden diese Menschen alleine gelassen, und ihre Freiheit besteht darin, dass sie selbst schauen müssen, wie sie zurecht kommen. Dort äußert sich die Wende im Abschied von jeglicher Ideologie. Stattdessen gibt es jetzt das Mäntelchen der Scheindemokratie. Als ich in Mazedonien war, fand gerade der Wahlkampf statt. Zwei Personen kandidierten für das Amt des Präsidenten. Auf Wahlplakaten sagte jeder von beiden das Gleiche: “Ich kann es besser”. Nun darf man kritisch hinterfragen, was denn der jeweilige Kandidat besser kann. Das einfache Volk wird im Glauben gehalten, das Leben würde irgendwann mal besser. Insgeheim meint jeder Kandidat, er könne die Interessen der Oligarchie besser vertreten. Das kann man drehen wie man will. Wenn es politisch opportun scheint, dann lassen die privates Großkapital auf dem Papier verschwinden, ohne dass sich an den Fakten etwas ändert. Oder mal umgekehrt. Dann werden auf dem Papier Firmen gegründet, obwohl die gleichen Machthaber die Kontrolle beibehalten. Zu meiner Zeit siegte der rechte Kandidat und führte einen Scheinkapitalismus ein.

Nun fasst man sich an den Kopf und stellt die Frage, warum die Menschen dort überhaupt noch zur Wahlurne gehen. Auch dort gibt es subjektive Meinungen. Der Inhaber einer Pension hat heute Chancen, die er zu sozialistischen Zeiten nicht hatte. Der steht eher rechts. Der private Taxifahrer ist ein Mensch, der sonst keinen Job findet. Dem geht es nicht besser, und der steht eher links. Beide zusammen wissen, dass die dortigen Politiker kaum etwas ändern werden. Aber sie wollen ein Zeichen setzen.
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Alt 15.09.2013, 19:27   #2
kfir007
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Pardon, schon geschehen..

Ok, dann Frage an Phoenizier:
Denkst du, dass es den Leuten in den postsozialen Ländern heute besser oder schlechter geht, als zu Zeiten der kommunistischer Diktatur?
Denn es kann ja wohl Niemand ernsthaft abstreiten, dass in den Baltischen Staaten, Polen, "DDR", Tschechien/Slowakei, Ungarn, Rumänien, Bulgarien von 1945 bis 1990 eine Sowjetische Diktatur stattfand.

Geändert von kfir007 (15.09.2013 um 19:35 Uhr).
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Alt 15.09.2013, 21:37   #3
Der Phoenizier
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Zitat:
Zitat von kfir007 Beitrag anzeigen
Pardon, schon geschehen..

Ok, dann Frage an Phoenizier:
Denkst du, dass es den Leuten in den postsozialen Ländern heute besser oder schlechter geht, als zu Zeiten der kommunistischer Diktatur?
Denn es kann ja wohl Niemand ernsthaft abstreiten, dass in den Baltischen Staaten, Polen, "DDR", Tschechien/Slowakei, Ungarn, Rumänien, Bulgarien von 1945 bis 1990 eine Sowjetische Diktatur stattfand.
Die sowjetische Diktatur streite ich auch nicht ab. Doch stelle ich fest, dass das Ende einer Diktatur nicht automatisch Demokratie bedeutet. Am ehesten enstanden dort demokratische Verhältnisse, wo demokratisches Bewusstsein gegeben ist. Ein Beispiel sind die baltischen Staaten, welche bereits vor sowjetischer Zeit unabhängig waren. Weiter östlich möchte ich die "Staatsmafia" mit einer "Kleptokratie" gleichsetzen. Gemeint ist die Herrschaft der Diebe. Ja, den Dieben geht es besser, und den Bestohlenen geht es schlechter. Damit wird die Moral auf den Kopf gestellt. Nutznießer sind kriminelle Vereinigungen.
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Alt 16.09.2013, 07:36   #4
kfir007
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Na ja, im Osten Deutschland geht es eindeutig bergauf, nicht zu vergleichen mit der damaligen "DDR".
Und auch in Polen herrscht riesige Aufbruchstimmung, das weiss ich von meinen bisherigen Besuchen in Warschau, Breslau und Danzig. Und auch in Ungarn sieht es viel besser aus als noch zu sowjetischen Zeiten.
Natürlich muss man sich überall an die "Demokratie" gewöhnen, aber im grossen, ganzen geht's vorwärts.

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Alt 16.09.2013, 12:09   #5
Analogie
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Zitat:
Zitat von Der Phoenizier Beitrag anzeigen
Im Osten nenne ich das eine Staatsmafia. Das funktioniert wie staatlich organisierte Korruption. Polizei und Justiz sind käuflich, und die reiche Oligarchie hat sich dort eingekauft. Somit entscheidet eine Clique von Machthabern über die Geschicke des Staates.
Spricht man am Stammtisch nicht auch so ähnlich über Italien?

Spaß beiseite, was mich an derartigen Diskussion stört, ist die ewige Schwarz-Weiß-Malerei. Jeglicher Fortschritt im "falschen" politischen System wird geleugnet oder - wenn er nicht zu leugnen ist - herabgewürdigt, in der Regel mit Scheinargumenten, die am eigentlichen Punkt vorbei gehen.

z.B.: "Kostenloses Gesundheitswesen, Bildungssystem zugänglich für jedermann? Niedrige Mieten? Marktunabhängige niedrige Nahrungsmittelpreise? Vielleicht - aaaaber das war oder ist vor allem zu Propagandazwecken so./aaaaber wohin hat es geführt?/aaaaber Freiheit hatten sie nicht/etc. pp..." Bei Diskussionen zu solchen Dingen wäre m. E. ein Blick auf die menschlichen Bedürfnisse und Motivationen hilfreich, vielleicht auch anhand der Bedürfnispyramide. Es könnte ja sein, dass die "niedrigeren Stufen", die Grundbedürfnisse, von einem nichtkaptalistischen System besser erfüllt werden können, aber diese Systeme dann an den höheren Stufen grandios scheitern.

Eine Demokratie sollte doch Halbwahrheiten und Einseitigkeit nicht nötig haben, zumal m. E. die Gefahr besteht, dass "demokratische Propaganda" auch als Propaganda erkannt wird und somit Angriffsfläche bietet sowie direkt einen unangenehmen Beigeschmack entwickelt.

Hauptproblem sind dabei m. E. die gewählten Maßstäbe: Wenn ich ein nicht-bürgerliches System an bürgerlichen Maßstäben messe, schneidet es zwangsläufig schlecht ab. Wenn Lügen für die Demokratie wahrer sind als Lügen für irgendein nicht-demokratisches System, wenn Menschenrechte nur dann als wichtig gelten, wenn sie der "Demokratisierung" helfen, dann stimmt etwas an den Maßstäben nicht.
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Alt 16.09.2013, 13:11   #6
aule
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Mich stört bei der diskussion die bezeichnung demokratie ein bischen. Ich glaube nicht das wir in einer vollkommenen demokratie leben, aber wir haben die möglichkeit diese zu erreichen. Vieles was besser lief kann man doch aus dem ostblöcken übernehmen, z.b. das bildungssystem, vieles aus dem jetzigen weiter ausbauen und vieles revidieren. Beim revidieren meine ich die banken, diese müssen in Staats/Volkshand. Wehm nützt es denn sonst, wenn diese instituten millarden gewinn machen oder besser von wem kommen den die gewinne? Wo jemand gewinne macht muss doch logischer weise ein anderer verluste machen. Geld ist ein grundbedürfniss und sollte nicht als ausbeutungsmittel verwendet werden!
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Alt 16.09.2013, 14:43   #7
Der Phoenizier
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Beitrag Kleptokratie

Ich komme nochmals auf den Begriff der "Kleptokratie" zurück und möchte ergänzen, dass dieser Begriff von West nach Ost seine Bedeutung ändert. Litauen liegt geographisch weiter im Westen. Direkt nach der Wende wurden dort Staatsbetriebe geplündert, und gewissenhafte Litauer sagten zu mir, eigentlich sei das Diebstahl von Staatseigentum gewesen. Zu einem bestimmten Stichtag erfolgte die Legalisierung nach folgender Logik: Produktionsmittel gehören demjenigen, der produziert. Ein Landwirt sagte in eigenen Worten, er habe fünf Traktoren "geklaut". Am Stichtag musste er Hilfskräfte einstellen und die Traktoren fahren lassen, nur um den produktiven Einsatz zu beweisen. Wenn man so will, war das einmal eine "Kleptokratie" von unten. Heute ist das ein abgeschlossenes Kapitel und die Eigentumsrechte sind so, wie wir sie kennen.

Aserbaidschan liegt weiter im Osten, und dort ist es eine Kleptokratie von oben. Ölquellen sind der Reichtum des Landes und die haben sich politische Machthaber unter den Nagel gerissen. Dadurch kann sich ein elitärer Clan masslos bereichern, und das einfache Volk hat nichts davon. Die Leute können unter sich nur noch den Rest aufteilen, der dann übrig bleibt. Dazu zählt auch der Tourismus. Der Clan will keine ausländischen Zeugen und kümmert sich nicht um Touristen. Es kommen aber nur wenige, und die Gesamtausgaben sind wie ein Tropfen auf den heißen Stein.
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kapitalsimus, osten, sozialismus

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