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Alt 27.12.2012, 18:46   #1
basti_79
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Standard Die tote Brieftaube

Hallo Leute,

Es ist zu einem interessanten Vorfall gekommen, der helfen könnte, die Entstehung und Verbreitung von Fehlinformationen zu verstehen und in anderen Fällen besser einschätzen zu können.

Ende Oktober wurden in einem Schornstein in Surrey (ein Landstrich ['county'] in England) Überreste einer Brieftaube aus dem zweiten Weltkrieg gefunden. Im zweiten Weltkrieg wurden Brieftauben eingesetzt, um Nachrichten schnell, zuverlässig und vor allem unauffällig über große Distanzen zu transportieren. Die Funktechnik war noch problematisch, da Funksender angepeilt werden konnten und damals recht sperrig waren. Nachrichten zu schmuggeln war möglich, aber schwierig. Brieftauben hatten die Vorteile, dass sie sehr schnell unterwegs sind (bis zu 100 km/h), einmal im Flug kaum aufzuhalten waren, mehr oder minder unauffällig transportiert werden konnten und die übermittelte Nachricht sehr zuverlässig an einen bekannten Ort zustellten.

Die in diesem Fall übermittelte Nachricht war, wie oft, verschlüsselt worden, und konnte zunächst nicht entziffert werden. Einige Teile der Nachricht waren offensichtlich codiert, aber nicht verschlüsselt, so der Empfänger (X02) eine Art Signatur (27 - 1525/6) und die Buchstabenfolge "Sjt W Stout", die vermutlich den Absender identifiziert.

Für uns interessant sind neben dem Inhalt die Vorgänge um die Nachricht herum. Zunächst könnte es sein, dass die Nachricht ohne den (unterstelltermaßen verlorenen) Schlüssel tatsächlich nicht zu entziffern ist, wenn nämlich ein sogenanntes "One Time Pad" benutzt wurde. Da diese Methode aufwändig ist, wird und wurde sie selten eingesetzt. Dennoch hat man entsprechend Experten befragt, die sich zurückhaltend äußerten.

Zitat:
"The most helpful suggestion we had through all of this was from a member of the public who suggested that, since the message was found in the chimney, the first two words were most likely to be 'Dear Santa'," Tony said.
Es kam dann zu dem für uns eigentlich interessanten Zwischenfall: Jemand behauptete, er habe die Nachricht entziffert. Obwohl die vorgeschlagene Decodierung alle Züge einer Ad-Hoc-Hypothese trug, ja gar teilweise deutlich unglaubwürdig war, wurde diese Nachricht weiter verbreitet. Im einzelnen erregte bei mir Anstoß:
  1. Die vorgeschlagene Interpretation war schon sehr grobschlächtig, sie Bestand im wesentlichen aus freier Assoziation von Wörtern zu den Buchstaben, die als Anfangsbuchstaben herhalten sollten. AOKAN sollte "Artillery observer at 'K' sector Normandy" bedeuten. PABUZ wurde offensichtlich als PABLIZ gelesen und als "Panzer attack - blitz." verstanden, was nur in bestimmten Deutungen überhaupt Sinn ergibt.
  2. Da die Nachricht in 5-Buchstaben-Gruppen unterteilt war, hatte der Entschlüsseler offenbar den Eindruck, jede dieser Gruppen entspräche einem Satz, einer Informationseinheit. Codes funktionierten weder damals noch heute so. Im Gegenteil, die unterteilung in Fünfergruppen geschah wohl aus technischen Gründen - weil die Verschlüsselung dies erforderte z.B.
  3. Der Inhalt der solchermaßen "entschlüsselten" Nachricht war absolut beliebig und bar jeder überprüfbaren (falsifizierbaren) Information. Dass da im zweiten Weltkrieg Panzer rumfuhren und Artilleriebeobachter tätig waren, dass Angriffe geplant und durchgeführt worden, ist völlig selbstverständlich. Der Empfänger dieser Nachricht hätte nicht mehr erfahren als durch die Mitteilung "Hier ist gerade Krieg". Solche Nachrichten braucht man im Krieg aber gar nicht schicken. Echte entschlüsselte Nachrichten wimmeln hingegen von Informationen - Orte, Uhrzeiten, Planung etc.
  4. Angeblich habe der Codeknacker ein echtes (also historisches) Codebuch zur Entschlüsselung benutzt. Dieses Codebuch wurde nie wieder erwähnt und ist scheinbar nicht mehr auffindbar.
Trotz aller dieser offenslichtlichen Schwächen wurde die Nachricht von der angeblichen Entschlüsselung weit verteilt. Es fiel eben nicht auf, wie schwach dieser Versuch war. Die Behörde, die sich offiziell um die Entschlüsselung kümmern mag, GCHQ, hat sich entsprechend süffisant geäußert.


Zitat:
GCHQ has followed with interest media reporting on possible solutions to the encoded message found on a dead pigeon in Bletchingley, Surrey. Hundreds of these proposed solutions have been carefully examined by our expert cryptanalysts at GCHQ. So far none have proved credible.

Nicht einmal derartiges "Debunking" scheint Hobby-Entschlüsseler aufzuhalten. Uns entgehen sogar offensichtlich hunderte Versuche, nur dieser eine hat es geschafft.



Ich frage mich hier:
  1. Wieviele Enten werden pro echter Nachricht erzeugt und "abgefangen", bevor sie an die Öffentlichkeit gelangen?
  2. Was zeichnet diese eine Ente aus? War sie besonders geeignet, oder war es einfach nur Zufall, dass sie durchgekommen ist?
  3. Was können wir daraus für andere Falschinformationen lernen?
__________________
Perfidulo: Ich hatte erst vor, einen Roman darüber [über das verschwundene Mittelalter] zu schreiben.
Groschenjunge: Was ist der Unterschied zum Jetzt?
Perfidulo: Es quasseln nicht dauernd Leute dazwischen.
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Alt 21.07.2013, 22:43   #2
Der Phoenizier
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Registriert seit: 17.11.2010
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Passend dazu habe ich erst jüngst einen Artikel gelesen. Der amerikanische Geheimdienst NSA vermochte eine verschlüsselte Botschaft erst zu entschlüsseln, nachdem der Verfasser auf andere Weise entdeckt wurde. Der hatte nämlich in einem Buch gelesen, welchen Code die deutsche Wehrmacht im zweiten Weltkrieg verwendete. Nur hatte er diesen Code falsch verstanden und fehlerhaft codiert. Deshalb kam die NSA nicht dahinter. Unter anderem hatte der Schreiber die Buchstaben C und Y verwechselt. (In der deutschen Sprache sind das seltene Buchstaben, während sie im Englischen häufiger vorkommen). Zudem hatte der Schreiber die Leerzeichen falsch interpretiert. Dazu beispielhaft der berühmte Satz von Obama: "Yes we can". In falscher Codierung wurde daraus "Casw eyan". Natürlich erkannte die NSA keinen Sinn dahinter.
__________________
Cuiusvis hominis est errare, nullius nisi insipientis in errore perseverare. (Cicero)

Geändert von Der Phoenizier (21.07.2013 um 22:48 Uhr).
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