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Religion Von Animismus bis Zen...

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Alt 28.09.2018, 18:05   #1
basti_79
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Standard Krise bei der katholischen Kirche?

Der SPIEGEL titelt diese Woche, dass die katholische Kirche in einer Krise wäre. Abgesehen davon, dass das nicht erst seit Montag so ist (Auf dieser Seite kann man z.B. die jährliche Zahl der Austritte nachvollziehen) laufen da zur Zeit eigentlich nur soziale und mediale Prozesse ab - Skandale werden aufgedeckt und skandalisiert, irgendwelches Personal wird rochiert, irgendwelche Leute erzählen irgend etwas. Aber am Ende bleibt dann doch immer wieder alles beim Alten.

Das ist an und für sich kein Wunder: "Datenschutz" und verkrustete Strukturen verhindern zuverlässig die Aufklärung von Verbrechen, die katholische Kirche "vordemokratisch" zu nennen wäre ein Kompliment und durch die enge Verknüpfung mit dem Staat, die übrigens bei Protestanten nicht anders abläuft, sind Vorteilsnahmen, Vertuschungsmaßnahmen und andere unethische Praktiken an der Tagesordnung. Dass das den proklamierten Werten widersprechen würde, stört längst nur noch Leute, die naiverweise oder bösen Willens davon ausgehen, dass die Kirche das tut, was sie erzählt.

Da sich die Strukturen der Kirche und die des Staates auch noch geradezu verblüffend ähneln (beide Sekten sind dogmatisch, autoritär, nach dem "Lebensbund"-Prinzip organisiert), darf nicht verwundern. Immerhin war die Kirche bis zur Aufklärung auch eine Politische, eine Machtorganisation. "Reformen", die die Behörden vorgenommen haben - an sich selber wie an den Kirchen - haben sich zuverlässig als symbolisch erwiesen. Am Ende hat sich immer derjenige "durchgesetzt", der die Regeln am weitesten in seinem Sinne dehnen konnte, und den man dafür am wenigsten kritisieren durfte.

Wo jetzt allerdings bei der Kirche immerhin in der öffentlichen Kommunikation gewisse Grundsätze eingehalten werden (z.B. gibt es wohl in der Kirche niemanden, der Gewalt gegen Kinder begrüßt hätte - und noch lange im Amt geblieben wäre), wird im Laufe der Zeit deutlich, dass die Behörden überhaupt keine Grenzen mehr kennen. Nicht nur, dass man Ärzte und andere Heiler direkt bei ihrer Arbeit behindert oder sogar ausbeutet, das zentrale Motiv des Staats ist nach wie vor die Sprachgewalt: Wenn wir nur die richtigen Worte verwenden, ist alles in Ordnung.

Das sich hinter den schönen Worten der Beamten Verbrechen verbergen, mitunter sogar klar erkennbare Störungen des Geistes der Betroffenen, darf man nur unter größten Sicherheitsvorkehrungen überhaupt sagen. Wer z.B. andeutet, dass ein Richter auch mal im Unrecht sein könnte, wird in aller Regel von bekennenden "Unpolitischen" angegriffen. Als ob es bei der Wahl zwischen den Worten "Migrant", "Ausländer" oder "Kulturbereicherer" keine politischen Aspekte gäbe. Nicht einmal diesen Spielraum gibt es für manche.

Im Kern liegt natürlich immer ein Unterschied zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Einer zwischen Sein und Sollen, zwischen dem Bild, das im Kopf besteht und dem Bild, das die Augen machen. Ich komme nicht umhin, diejenigen "Idealisten" zu nennen, die davon ausgehen, dass man durch die Verwendung der richtigen Worte irgendwelche Probleme lösen könnte. Das scheinen die Gemeinten (ob es nun Kirchenleute sind, "Unpolitische" oder bekennede Politiker) nie richtig zu begreifen. Das erklärt wohl auch, warum sich Leute wie wild auf das "Gendern" stürzen - entweder in Hinrichtung oder in Gegenrichtung. Als ob irgendein Problem in diesem Umfeld gelöst wäre, wenn das Sexismusopfer in irgendeiner Datenbank ein neutrales Geschlecht eingetragen hat.

Das Problem der Kirche hat genau diese Struktur. Im Prinzip kann man ja nichts gegen die Kirchen haben. Aber wenn man mal hinter den Vorhang schaut, wendet man sich bald mit Grausen ab. Es gibt wohl kaum Institutionen, bei denen die Distanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit so ausgeprägt ist.

Ich sehe das als ein historisches Erbe der vor-Internet-Zeit. Selbstverständlich wird es überall, wo es Menschen gibt, Fehler geben und auch große Fehler wie Verbrechen. Da man vor der weiten Verbreitung des Internet jeden Fehler vertuschen konnte (wenn nur am Jahresende die Zahlen stimmten), sind die Methoden dazu den Leuten, die für diese Institutionen arbeiten, gewissermaßen "in Fleisch und Blut übergegangen", und genauso haben die Methoden sich in den Regeln, mit denen diese Menschen ferngesteuert werden, niedergeschlagen. Kürzlich wurde ich hier dafür kritisiert, dass ich angeblich "ganz normale" kapitalistische Gier kritisiert hätte. Als ob es eine Rechtfertigung darstellen würde, irgendeine Möglichkeit des Profits, wie schmal auch immer sie sein mag, zu nutzen. Man kann eigentlich kaum anders sagen, dass das Geld den höchsten Wert darstellt, und nicht etwa die Ethik, das Recht oder "soft skills" wie Menschlichkeit.

Die Wissenschaft hat da große strategische Vorteile. Da man davon ausgehen kann, dass jeder Wissenschaftler im engeren Sinne zumindest menschenwürdig behandelt wird, kann die Wissenschaft auch z.B. die Fundamente des Lebens untersuchen - und erzeugt so einen dauerhaften "Hot Spot" von Diskussionen. Dieser "Hot Spot" hat sich nach dem zweiten Weltkrieg von Atomphysik erst zur Medizin (Herztransplantation, Abtreibung und künstliche Befruchtung, Psychiatrie) und zur Philosophie bewegt und befindet sich heutzutage bei dem, was man so "Life Sciences" nennt - und, wenig überraschend, bei "KI".

Es erstaunt ein wenig, dass sich die Parlamente nur selten solchen "Hot Spot"-Debatten widmen. Und auch, dass in Deutschland nach wie vor "über Geld redet man nicht" gilt. Da lassen sich aber Parallelen erkennen, einerseits zum Begriff des "Herrschaftswissens", andererseits zu der in der katholischen Kirche gängigen Formel vom "Geheimnis des Glaubens". In beiden Fällen wird eine offene Diskussion, der Grundstein jeder Wissenschaft, zu vermeintlich guten Zwecken unterdrückt. In beiden Fällen ist das Resultat eine Katastrophe. Die der Staat immer noch besser verschleiern kann als selbst die katholische Kirche.

Dieser Text enthält einige rhetorisch bedingte Auslassungen. Ich bitte darum, entsprechend Rückfragen zu stellen oder in Kommentaren die entsprechenden Inhalte zu ergänzen.
__________________
Perfidulo: Ich hatte erst vor, einen Roman darüber [über das verschwundene Mittelalter] zu schreiben.
Groschenjunge: Was ist der Unterschied zum Jetzt?
Perfidulo: Es quasseln nicht dauernd Leute dazwischen.
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