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Alt 23.04.2018, 17:24   #1
basti_79
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Standard Schule statt Kinderarbeit

Beim Felix von Leitner auf dem Blog gibt es einen recht interessanten "Leserbrief" zu lesen zu Fragen von Kapital und Bildung. Hier ist ein Link, auf dem Blog gibt es auch Links zu "weiterführender Literatur", die allerdings nur so vor Fehlschlüssen strotzt.

Grundlage war eine UN-Resolution gegen Kinderarbeit. Auf dem Wege eines Reflexes fordert der anonyme Einsender stattdessen "Bildung". Der Gedankengang krankt schon daran, dass "Bildung" im besten Fall in vielen Jahren etwas ändern kann und im schlechtesten Fall überhaupt nichts ändert. Da braucht man sich bloß mal die BRD angucken.

Zitat:
Man sollte dann doch erwähnen, dass die Weltbank sich schon auf wissenschaftliche Ergebnisse bezieht und den aktuellen (mehrheitlichen) akademischen Konsens widergibt, was Arbeitnehmerrechte und insbesondere Kinderarbeit in den ärmsten Ländern der Welt angeht.
Es wäre mir neu, dass die Weltbank dazu auch nur den Auftrag hätte. Darüber hinaus ist die Wahrheit nicht davon abhängig, was eine (welche?) Mehrheit will, und auch nicht davon, was als "wissenschaftliches Ergebnis" gelten soll.

Zitat:
Die tl;dr-Version ist, dass es keine realistischen Alternativen für die betroffenen Kinder gibt. Man impliziert das bei einem Verbot der Kinderarbeit die betroffenen Kinder dann einfach zur Schule gehen würden.
Ich würde sagen, das ist noch sehr optimistisch gedacht. In der Praxis wird man natürlich zusätzlich verlangen, eine gewaltsam durchgesetzte Schulpflicht im jeweiligen Land zu etablieren, da jedem klar ist, dass niemand "einfach zur Schule geht".

Zitat:
Genau das ist nicht der Fall, da es oftmals gar keine Schule gibt und wenn es sie gibt, dann sind die in der Regel qualitativ so schlecht, dass die Kinder Einkommensnachteile bekommen im vgl. zum Gewinn an Arbeitserfahrung den sie während ihrer Kinderarbeit bekommen hätten.
Seit Neuestem messen wir Schulen an den "Einkommensvorteilen", die die Absolventen (im Durchschnitt?) erzielen? Warum machen wir das nicht auch in Europa?

Zitat:
Dann sind die Kinder auch noch in der Regel auf die Einkommen zu ihrem eigenen Existenzerhalt oder dem ihrer Familien angewiesen.
Wie in Deutschland auch. Nur, dass man sich einredet, dass es hier irgendwie besser wäre.

Zitat:
Also arbeiten sie illegal (und sind noch mehr Willkür und Missbrauch ihrer Arbeitgeber ausgesetzt) oder rutschen eher in die Kriminalität und Prostitution.
Ich halte es für selbstverständlich, dass eine UN-Resolution "zum Schutz der Kinder" nichts anderes bewirken kann. Man muss den lieben Kleinen doch zeigen, in was für eine Welt sie geboren wurden...

Zitat:
Ich weiß, das klingt nicht nur zynisch, das ist wahrscheinlich auch wirklich sehr zynisch, aber der einzige wissenschaftlich schlüssige Weg Kinderarbeit zu bekämpfen ist das Erreichen eines gewissen gesellschaftlichen Wohlstands, so dass die Kinderarbeiter von heute genug verdienen können, um ihre Kinder mal auf ordentliche Schulen schicken zu können.
Das ist ein sehr merkwürdiger Satz. Zum Einen ist nicht ganz klar, was ein "gesellschaftlicher Wohlstand" sein soll (Wohlstand der gesamten Gesellschaft? Im Schnitt? Gini-Index? Oder Wohlstand einzelner, die dann den Ton angeben?), zum Anderen scheint der Einsender zu unterstellen, dass das eintritt, was er einen "Einkommensvorteil" nennt, nachdem (in einigen Jahrzehnten) die Leute reich geworden sind und dann auch (natürlich notwendig) "ordentliche Schulen" aufgebaut haben.

Man kann auch sagen: "Keine Arme, keine Kekse".

Zitat:
Du musst auch immer bedenken, dass die betroffenen Staaten zu arm sind, um ihren Bürgern den Bildungsweg zu subventionieren.
Da wird ein Missverständnis deutlich. "Bildung" ist nicht dazu gut, "Einkommensvorteile" zu erzeugen. "Bildung" dient erst einmal dazu, die Massen mit dem Versprechen von solchen "Einkommensvorteilen" unter Kontrolle zu halten. Weiter vorn im Text wird das ja deutlich: selbst unter optimalen Bedingungen würde es noch Generationen brauchen, bis tatsächlich die Armut "aussterben" würde.

https://de.wikipedia.org/wiki/Belohnungsaufschub

Zitat:
Also es ist eine Abwägung zwischen zwei Übeln, wobei man sich für das scheinbar kleinere entscheidet…
Das ist inhaltlich richtig, wobei die beiden Übel gar nicht so richtig deutlich geworden sind:
  • Flächendeckende Kinderarbeit
  • Flächendeckende Zwangsbildung

Dazu kommt noch, dass es den Machthabern vermutlich gleichgültig ist, ob die Kinder in Bergwerken arbeiten müssen oder in Schulen. Das wichtigste ist, sie möglichst lange "vom Arbeitsmarkt" fernzuhalten (wo es Reste von Menschenrechten für die Arbeiter zu kaufen gibt und solche Dinge), bestenfalls verhungern zu lassen und dann zu sagen "selber Schuld".

Zitat:
Daher würde ich in diesem Kontext auch die Forderung der Weltbank, Arbeitnehmerrechte generell abzubauen, nicht so ultra-kapitalistisch betrachten.
Da fehlt ein "als", oder der Typ weiß einfach nicht, was er schreibt...

Zitat:
Das ist eine Position die auch von vielen NGOs mittlerweile vertreten wird, da bisher einfach keine funktionierende Alternative gefunden wurde, um Gesellschaften aus der absoluten Armut rauszuholen.
Doch, schon.

Erst einmal ist es westliche Hybris, davon zu sprechen, was "Gesellschaften" (in Afrika oder so) nötig hätten. Dass bestehende Institutionen und Organisationen keine Ahnung haben, kann man mitunter daran erkennen, dass in Europa seit 70 Jahren überhaupt nichts voran gegangen ist. Dazu kommt noch, dass "absolute Armut" meiner Meinung nach nicht das richtige Kriterium ist. Wie nennen wir das hier in Deutschland denn? "relative Armut"? "nicht-absolute Armut"?

Ich denke, man könnte den Vorgang besser so darstellen: Die Weltbank (und auch alle anderen "Entscheidungsträger") weiß genau, was sie da tut - nämlich leere Hüllen verkaufen, potjemkinsche Dörfer. Meiner Meinung nach ist das die andere Seite der Medaille "Entfremdung" (der Begriff bezieht sich ja erst einmal auf Individuen). Wo die Menschen die Ursachen für ihr Elend nicht erfahren dürfen, beginnt das System, solcherlei Scheinlösungen zu produzieren.

Dass die allesamt zum Kern haben, dass sich nichts ändern dürfe und dass vor allem erst einmal gearbeitet werden müsse, ist dann nur noch folgerichtig. Tatsächlich sind ja die Mittel, mit denen sich eine Gesellschaft auf der Falle des Elends befreien kann, bekannt: Demokratie und Recht. Dass beide Formen in Deutschland derzeit marktförmig sind, spielt da in meinen Augen erst einmal eine untergeordnete Rolle. Es geht mir um die Konzepte, nicht um das, was diese Psychopathen daraus machen.
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Alt 23.04.2018, 19:21   #2
Lupo
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Zitat:
Zitat von basti_79 Beitrag anzeigen
Grundlage war eine UN-Resolution gegen Kinderarbeit. Auf dem Wege eines Reflexes fordert der anonyme Einsender stattdessen "Bildung". Der Gedankengang krankt schon daran, dass "Bildung" im besten Fall in vielen Jahren etwas ändern kann
Ja und nein.
Wenn die Forderung Bildung statt Kinderarbeit lautet, ändert sie natürlich sofort etwas an der Situation des arbeitenden Kindes, wenn es statt zu arbeiten in die Schule geht.

Die sog. Früchte der Bildung (also eine qualifizierte Arbeit) wird man logischerweise erst später ernten können.
Aber das is' ja 'ne Binse.





Zitat:
Zitat von basti_79 Beitrag anzeigen
und im schlechtesten Fall überhaupt nichts ändert. Da braucht man sich bloß mal die BRD angucken.
Ja, und wenn man wirklich hinschaut, wird man sehen, dass man mit einer guten Bildung (meint in diesem Kontext ein guter Schulabschluss) tatsächlich besser fährt als ohne.
Auch wenn dir das nicht gefällt, ist das ein Faktum.
__________________
"Die Psychiater hatten einige Spezialausdrücke für meinen Fall. Naja, ich hatte auch einige Spezialausdrücke für die Psychiater." (Charles Bukowski)
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Alt 27.07.2018, 09:55   #3
basti_79
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Zitat:
Zitat von Lupo Beitrag anzeigen
Wenn die Forderung Bildung statt Kinderarbeit lautet, ändert sie natürlich sofort etwas an der Situation des arbeitenden Kindes, wenn es statt zu arbeiten in die Schule geht.
Ja, und wenn die Alternative zur Kinderarbeit eben ein Leben ein Freiheit ist, sieht das ganz anders aus.

Zitat:
Die sog. Früchte der Bildung (also eine qualifizierte Arbeit) wird man logischerweise erst später ernten können.
Was ist denn "eine qualifizierte Arbeit", und warum überlässt man den Leuten nicht die Entscheidung, wann sie welche "Früchte" ernten?

Warum überhaupt diese passive Formulierung?

Zitat:
Zitat von Balvan Beitrag anzeigen
Da kann ich euch zustimmen!
Du willst Lupo zustimmen, nicht mir.
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