:: forum.grenzwissen.de :: Das andere Forum für Grenzwissenschaften ::

 

Zurück   :: forum.grenzwissen.de :: Das andere Forum für Grenzwissenschaften :: > Politik & Wirtschaft > Politik & Zeitgeschehen

Antwort
 
Themen-Optionen Ansicht
Alt Gestern, 10:31   #1
basti_79
Lebende Moderatoren-Legende
 
Benutzerbild von basti_79
 
Registriert seit: 18.11.2005
Beiträge: 9.690
Standard Ein weiteres Versagen der SPD

1987 hat die SPD gemeinsam mit der SED ein Papier veröffentlicht mit dem Titel:

Der Streit der Ideologien und die gemeinsame Sicherheit

witzigerweise zeigt sich darin, dass beide Parteien davon ausgegangen waren, dass die BRD und die DDR bis in alle Ewigkeit friedlich koexistieren könnten. Wie wir inzwischen alle wissen, war das eine krasse Fehleinschätzung: gute zwei Jahre später ist die Mauer gefallen und die Länder der DDR sind der Bundesrepublik beigetreten.

Noch viel schräger als die Ignoranz gegenüber den offensichtlichen Verfallserscheinungen am "Realsozialismus" ist die Verkennung der damaligen Realität. Was für einen Frieden sich SPD und SED ausgemalt haben, kann man an der Überlieferung erkennen:
  1. Hatte die DDR ein Außenhandelsvolumen von knapp 150 Mrd. Mark West (!). Das hat ungefähr einem Zehntel des BIP der BRD entsprochen, und einem Drittel dessen der DDR. Zum Vergleich: der heutige Staatshaushalt beträgt ebenfalls ein Zehntel des heutigen BIP.
  2. Es ist geläufig, dass es sich z.B. bei der Marke "Privileg" (!) um Ost-Produkte handelt - was den Leuten damals nicht bewusst war. Ich kann mich aber daran erinnern, den Namen "Schickedanz" zu dieser Zeit einige Male gehört zu haben, im Tonfall von Kritik.
  3. Ebenso deutlich ist die deutliche Trennung von Ostgeld und Westgeld. Westgeld durfte man im Osten nicht besitzen, die Verwendung als "Schattenwährung" wurde aber im beschränkten Rahmen immer geduldet. Damit hat man erreicht, dass zwei verschiedene "Märkte" entstanden. Einer für Erwerbsarbeit, Wohnraum, Lebensmittel und Güter des täglichen Bedarfs, der Andere für Luxusartikel und dringende oder ungewöhnliche Aufträge.

Die Behauptung, die DDR hätte das Arbeitslager der BRD dargestellt, ist nicht von der Hand zu weisen. Was ich mich an der Stelle frage, ist:
  • Hat die SPD damals wirklich nicht bemerkt, in welcher Sackgasse die DDR gelandet war?
  • War das Papier tatsächlich so zynisch gemeint, wie es jetzt den Eindruck macht? Mit etwas Ironie könnte man behaupten, dass beide Systeme immer noch koexistieren - der reiche, kapitalistische Westen und der arme Osten, wo ausser Arbeit (bzw. heute Arbeitslosigkeit) nichts passiert.
  • Haben sich die jeweiligen Eliten (der USA und der UdSSR) tatsächlich als "spirituelle Führer" begriffen, und ihr Urteil über das Wirtschaftssystem "der beiden Deutschlands" als Norm verstanden? Das wirkt auf mich heute wie krasse Hybris, die sich kein Regierungschef erlauben dürfe.

Die krasse Hybris in den USA und der UdSSR wurde ja bekanntermaßen fortgeführt - und findet sich heute beim cholerischen Giftzwerg Trump und beim Bärenreiter Putin in deren "Personae", also in deren Auftritten und in den Darstellungen Ihrer. In der BRD findet man so etwas nicht mehr in Bezug auf Wirtschaft (auch nicht in Bezug auf Religion, was da ab und zu als Vehikel taugt) - wohl aber in Bezug auf "Arbeit und Bildung". Ein Schelm, wer Böses dabei denkt. Was noch dazu kommt, sind die derzeitigen "Koalitionsverhandlungen", bei denen es schon professionelle Exegeten braucht, damit man überhaupt noch Konturen der zukünftigen Regierungspolitik ausmachen kann. Dass das ein Totalversagen der demokratischen Mechanismen darstellt, juckt derzeit anscheinend noch niemanden... Man will ja schon wissen, was man "kauft", wenn man in der Wahlkabine sein Kreuzchen macht...

Hypothese: Das, was die SPD damals verblendet hat gegenüber dem erbärmlichen Zustand der DDR, ist es, was sie und andere Parteien heute gegenüber den erbärmlichen Zuständen im Schulsystem und in den Jobcentern verblendet. Es handelt sich um denselben - psychischen oder meta-psychischen, sozialen, gruppenpsychologischen - Mechanismus.

Die Frage nach dem Zusammenhang zur individuellen Psychologie möchte ich einfach nur in den Raum stellen. Vielleicht fällt ja jemandem etwas Kluges dazu ein.
__________________
Perfidulo: Ich hatte erst vor, einen Roman darüber [über das verschwundene Mittelalter] zu schreiben.
Groschenjunge: Was ist der Unterschied zum Jetzt?
Perfidulo: Es quasseln nicht dauernd Leute dazwischen.
basti_79 ist offline   Mit Zitat antworten
Alt Gestern, 12:44   #2
perfidulo
Lebendes Foren-Inventar
 
Benutzerbild von perfidulo
 
Registriert seit: 10.12.2005
Ort: Hauptstadt des Grauens
Beiträge: 9.015
Standard

Zitat:
Zitat von basti_79 Beitrag anzeigen
witzigerweise zeigt sich darin, dass beide Parteien davon ausgegangen waren, dass die BRD und die DDR bis in alle Ewigkeit friedlich koexistieren könnten. nur in den Raum stellen. Vielleicht fällt ja jemandem etwas Kluges dazu ein.
Hinterher ist man immer schlauer.

Damals ging niemand (auch nicht Franz Josef Strauss) von einen baldigen Zusmmenbrechen aus.

Die Zusammenarbeit diente auch dazu, mehr ideologischen Einfluss auf die DDR (Rundfunk, Fernsehen, Literautur) ausüben zu können. Reisen einfacher zu gestalten (für beide Seiten). Insgesammt Kommunikation zu verbessern (Internet gab es ja nicht) und das hiess reisen, veröffentlichen, reden.
__________________
Vor jeder Antwort beachten: Ich bin kein Adept der Fantomzeit!
perfidulo ist offline   Mit Zitat antworten
Alt Gestern, 13:08   #3
Venkman
Foren-As
 
Benutzerbild von Venkman
 
Registriert seit: 18.08.2016
Ort: Im Kornfeld
Beiträge: 721
Standard

Zitat:
Zitat von basti_79 Beitrag anzeigen
Westgeld durfte man im Osten nicht besitzen, die Verwendung als "Schattenwährung" wurde aber im beschränkten Rahmen immer geduldet.
Woher beziehst du nur immer dein "Halbwissen"?

Zitat:
Bis 1974 war es Bürgern der DDR offiziell verboten, Valuta zu besitzen (siehe Westgeld). Durch Erlass des Ministerrates der DDR wurde dieses Verbot aufgehoben und auch DDR-Bürger durften seitdem in den meisten Intershops einkaufen.
Quelle:
https://de.wikipedia.org/wiki/Intershop_(Handel)

Sagt dir der Begriff "Intershop" etwas? (siehe obigen Link)

Das Westgeld "durfte" der DDR Bürger in "Forumschecks" tauschen (damit kam der Staat dann an die Westmark vom Bürger) und mit diesen ging man in die "Intershops" (in denen es so herrlich nach Westen roch) und kaufte sich die Artikel der jeweiligen Begierde.
__________________
„Wir werden von Desinformation und Halbwahrheiten geradezu überschüttet.“
- Jack Nicholson - (Süddeutsche Zeitung 23. Januar 2008)

Geändert von Venkman (Gestern um 13:36 Uhr).
Venkman ist offline   Mit Zitat antworten
Alt Gestern, 13:34   #4
Nobby Nobbs
Foren-As
 
Benutzerbild von Nobby Nobbs
 
Registriert seit: 29.06.2013
Beiträge: 599
Standard

Valuta waren bis 1974 verboten. Westgeld
Feierabendbrigaden arbeiteten auch für Ost-Mark. Westgeld war natürlich begehrter.

Zitat basti:
Zitat:
Hypothese: Das, was die SPD damals verblendet hat gegenüber dem erbärmlichen Zustand der DDR, ist es, was sie und andere Parteien heute gegenüber den erbärmlichen Zuständen im Schulsystem und in den Jobcentern verblendet. Es handelt sich um denselben - psychischen oder meta-psychischen, sozialen, gruppenpsychologischen - Mechanismus.
Meinst du das Bedürfnis, Änderungen zu negieren und alles so weiterlaufen zu lassen, wie gewohnt?
Nobby Nobbs ist offline   Mit Zitat antworten
Alt Gestern, 15:44   #5
basti_79
Lebende Moderatoren-Legende
 
Benutzerbild von basti_79
 
Registriert seit: 18.11.2005
Beiträge: 9.690
Standard

Zitat:
Zitat von perfidulo Beitrag anzeigen
Damals ging niemand (auch nicht Franz Josef Strauss) von einen baldigen Zusmmenbrechen aus.
Die Kapitalisten (und ihre Unterstützer, wie FJS) hatten ja anscheinend auch verstanden, dass die DDR das Arbeitslager der BRD war, und das die Integration am Ende nur eine Formsache war. Und dass man sie dann auch noch als Gewinn würde verkaufen können. An der "Abwicklung" der DDR (u.A. durch "die Treuhand") hat man ja erkennen können, inwiefern man da sozial oder nachhaltig gedacht hat. Gar nicht nämlich. Das war der reinste Ausverkauf.

Zitat:
Die Zusammenarbeit diente auch dazu, mehr ideologischen Einfluss auf die DDR (Rundfunk, Fernsehen, Literautur) ausüben zu können. Reisen einfacher zu gestalten (für beide Seiten). Insgesammt Kommunikation zu verbessern (Internet gab es ja nicht) und das hiess reisen, veröffentlichen, reden.
Welche Ziele hätte man denn - außer die Extreme "Beitritt zur BRD & Ausverkauf" und "Mauer bleibt stehen, Wirtschaftssysteme bleiben getrennt" überhaupt ansteuern können?

Zitat:
Zitat von Venkman Beitrag anzeigen
Das Westgeld "durfte" der DDR Bürger in "Forumschecks" tauschen (damit kam der Staat dann an die Westmark vom Bürger) und mit diesen ging man in die "Intershops" (in denen es so herrlich nach Westen roch) und kaufte sich die Artikel der jeweiligen Begierde.
Darüber hinaus war Westgeld aber während der ganzen Zeit, in der die Mauer stand, als Schattenwährung verbreitet.

Die Intershops hatten anscheinend hauptsächlich den Zweck, das Westgeld "abzusaugen" und der (realsozialistischen) Regierung zur Verfügung zu stellen. Das sieht nicht nur heutzutage aus wie ein innerer Widerspruch.

http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-40693621.html

(Witzigerweise werden in diesem Artikel von 1978 u.A. die von perfidulo unterstellten Ziele genannt. Die subtileren, die nicht durchgesetzt werden konnten, wie Demokratisierung und Einschränkung der politischen Strafjustiz, scheinen ähnlich wie bei diesem Papier von SPD und SED, untergegangen zu sein)

Zitat:
Zitat von Nobby Nobbs Beitrag anzeigen
Valuta waren bis 1974 verboten. Westgeld
Feierabendbrigaden arbeiteten auch für Ost-Mark. Westgeld war natürlich begehrter.
Eben. Die Marke "Intershop" wurde übrigens schon 1962 ins Leben gerufen (12 Jahre vor der Erlaubnis des "Westgelds"), kurz nach dem Mauerbau. Man darf davon ausgehen, dass Westgeld vorher auch schon verwendet wurde.

Zitat:
Meinst du das Bedürfnis, Änderungen zu negieren und alles so weiterlaufen zu lassen, wie gewohnt?
Ja. Auf individualpsychologischer Ebene würde ich von einer Art Zwangsstörung sprechen. Da kommt aber zuverlässig eine ignorante Komponente dazu, so eine Note von "nicht-wahrhaben-wollen". Das passt zum Schema "Neurose". Auf politischer Ebene scheint das (oberflächlich betrachtet) Konservativismus zu entsprechen, da hast Du recht.
__________________
Perfidulo: Ich hatte erst vor, einen Roman darüber [über das verschwundene Mittelalter] zu schreiben.
Groschenjunge: Was ist der Unterschied zum Jetzt?
Perfidulo: Es quasseln nicht dauernd Leute dazwischen.
basti_79 ist offline   Mit Zitat antworten
Alt Gestern, 16:27   #6
perfidulo
Lebendes Foren-Inventar
 
Benutzerbild von perfidulo
 
Registriert seit: 10.12.2005
Ort: Hauptstadt des Grauens
Beiträge: 9.015
Standard

Zitat:
Zitat von basti_79 Beitrag anzeigen
Witzigerweise werden in diesem Artikel von 1978 u.A. die von perfidulo unterstellten Ziele genannt.
Was wundert Dich daran? Das waren eben die Ziele.

Klar gab es immer "Westgeld" - Die Mauer war auch ein eher unglücklicher Versuch, etwas dagegen zu machen.

Wer dringend etwas gebraucht hat, hat eben "blaue Fliesen" im Tausch geboten.

Aber solange vom Westen provoziert viel Wirtschaftskraft in die Rüstung und Grenzsicherung ging, waren Erfolge schwer zu bekommen. Die Entspannungspolitik ging vom Osten aus (!!!!) um diese Bürde zu vermindern.

Die SPD hat immer laviert: Wieviel können wir zulassen um den ideologischen Einfluss zu stärken ohne den wirtschaftlichen Druck allzusehr zu reduzieren (totrüsten).

Wackere SPD-Genossen, etwa Porst, haben in der DDR produzieren lassen. Revuechrome-Filme waren Orwo. Jede Menge Haushaltsgeräte, Heimelektronik. Es hätte fast mit einem Auto geklappt.

Ich habe heute noch Bettzeug aus einem VEB über Quelle gekauft. Überaus haltbar. Leider hat die DDR diese Stärke nicht ausgespielt und eher auf Konsum und Verschleiss gesetzt.
__________________
Vor jeder Antwort beachten: Ich bin kein Adept der Fantomzeit!
perfidulo ist offline   Mit Zitat antworten
Alt Gestern, 17:08   #7
Venkman
Foren-As
 
Benutzerbild von Venkman
 
Registriert seit: 18.08.2016
Ort: Im Kornfeld
Beiträge: 721
Standard

Zitat:
Zitat von perfidulo Beitrag anzeigen
Ich habe heute noch Bettzeug aus einem VEB über Quelle gekauft. Überaus haltbar.
Sicher, es mußte ja auch zwecks Versorgungsengpässen generell lange halten. Deshalb ja auch die Nachhaltigkeit vieler Produkte. Ich kenn Leute die haben noch funktionierende DDR Kühlschränke als 2tes Gerät im Nebengelass/Keller stehen...

Zitat:
Zitat von perfidulo Beitrag anzeigen
Leider hat die DDR diese Stärke nicht ausgespielt und eher auf Konsum und Verschleiss gesetzt.

Das ist so nicht richtig. Zu DDR Zeiten wurden einfach die Rohstoffe knapp, die meist teuer mit Divisen vom z.B. "Westen" eingekauft werden mussten. Daher rührt die nachlassende Qualität mancher/einiger Produkte.

Auf Verschleiß wird in der Marktwirtschaft gesetzt. Denn ohne diesen (Verschleiß) würde es für viele Wirtschaftszweige/Firmen schnell "ungemüdlich" werden... Stichwort: "stetiges Wachstum", immer was Neues, kaufen, kaufen, kaufen ...

Hast du schonmal was von geplanter Obsoleszenz gehört?

Es gab u.a. mal einen sehr interessanten Film darüber... Titel: "Kaufen für die Müllhalde"

Ein Beispiel daraus: "Die langlebigste Glühlampe der Welt."

Die Produkte heute werden mit "Sollbruchstelle", (größtenteils) billig in Fernost produziert und teuer verkauft. Egal ob Fahrzeuge, Elektrowaren, Bekleidung...
__________________
„Wir werden von Desinformation und Halbwahrheiten geradezu überschüttet.“
- Jack Nicholson - (Süddeutsche Zeitung 23. Januar 2008)

Geändert von Venkman (Gestern um 17:24 Uhr).
Venkman ist offline   Mit Zitat antworten
Antwort

Lesezeichen

Themen-Optionen
Ansicht

Forumregeln
Es ist Ihnen nicht erlaubt, neue Themen zu verfassen.
Es ist Ihnen nicht erlaubt, auf Beiträge zu antworten.
Es ist Ihnen nicht erlaubt, Anhänge hochzuladen.
Es ist Ihnen nicht erlaubt, Ihre Beiträge zu bearbeiten.

BB-Code ist an.
Smileys sind an.
[IMG] Code ist an.
HTML-Code ist aus.
Gehe zu

Ähnliche Themen
Thema Autor Forum Antworten Letzter Beitrag
Phobos: Furchen Hinweis auf strukturelles Versagen? Zeitungsjunge astronews.com 0 11.11.2015 15:40
VLA: Weiteres Schwarzes Loch in Kugelsternhaufen Zeitungsjunge astronews.com 0 06.11.2013 13:40
weiteres lebendes Fosil: Hydrolagus matallanasi Zwirni Kryptozoologie 1 21.06.2004 15:00
Ein weiteres Stück unterdrückten deutschen Erfindergeistes! HaraldL Verschwörungstheorien 0 30.01.2004 13:32


Alle Zeitangaben in WEZ +2. Es ist jetzt 22:36 Uhr.


Powered by vBulletin® ~ Copyright ©2000 - 2018 ~ Jelsoft Enterprises Ltd.


Das forum.grenzwissen.de unterliegt der Creative Common Lizenz, die Sie hier nachlesen können.
Wir bitten um Benachrichtigung, falls Sie Inhalte von uns verwenden.