:: forum.grenzwissen.de :: Das andere Forum für Grenzwissenschaften ::

 

Zurück   :: forum.grenzwissen.de :: Das andere Forum für Grenzwissenschaften :: > Grenzwissen kreuz & quer > Diverses

Diverses Alles rund um Grenzwissenschaften, was nirgendwo anders so recht rein passt....

Antwort
 
Themen-Optionen Ansicht
Alt 21.02.2016, 13:40   #1
basti_79
Lebende Moderatoren-Legende
 
Benutzerbild von basti_79
 
Registriert seit: 18.11.2005
Beiträge: 9.144
Standard Die geisteswissenschaftliche Methode

Nach langjährigen Feldversuchen habe ich die geisteswissenschaftliche Methode eingrenzen und deutlich von der Wissenschaftlichen abgrenzen können. Hier eine Modellvorstellung:

Das Subjekt der Methode ist ein Geisteswissenschaftler. Da müssen wir zunächst zwei Untergruppen unterscheiden: der Akademiker und der Bürger. Der Akademiker unterscheidet sich vom Bürger dahingehend, dass er dafür bezahlt wird, diese Methode anzuwenden. Der Bürger sieht Geisteswissenschaft als einzigen Ausweg aus den Komplexitäten, die die Moderne so mit sich bringt.

Beiden ist eine gewisse intellektuelle Wurstigkeit gemein. Umdenken ist schwierig und tut auch manchmal weh. Nichts schätzt der Mensch so wenig wie Umzudenken. Die Geisteswissenschaft hält dafür eine unnachahmliche Methodik bereit, deren Wirksamkeit für das betroffene Subjekt ausser Frage steht. Die folgenden Axiome scheinen alle Geisteswissenschaftler zuverlässig anwenden zu können:
  1. Wenn es bereits einmal gedacht wurde, kann man sich weitere Mühen sparen. Jeder Gedanke wird zu Papier gebracht. Die Frage, wer einen Gedanken zuerst hatte, ist weit wichtiger als jene, was der Gedanke bedeutet, oder was man damit anfangen könnte.
  2. Weiter wie bisher: Keine Nachricht kann bedeutend genug sein, als dass man selber umdenken müsse. Viel eher ist noch der Überbringer der Nachricht, oder ihre Ursache das eigentliche Problem. Anderswo nennt man das "Vogel-Strauß-Taktik". Straußen stecken übrigens ihre Köpfe nicht in den Sand, nicht, um sich vor Feinden zu verstecken, und auch sonst nicht. Dieser merkwürdige Gedanke scheint nur Menschenkindern in einem gewissen Alter beim Versteckspielen eigen.
  3. Autorität geht vor Sinn: wenn man einen Gedanken bei Plato wiederfindet oder bei Kant, ist das mehr wert, als wenn man ihn bei Wittgenstein, Popper oder Derrida wiederfindet. Schlicht und einfach, weil die erstgenannten die besseren Geisteswissenschaftler waren. Dieses Argument ist dann besonders perfide, wenn der Akademiker es einsetzt, denn der akademische Geisteswissenschaftler hat auf jeden Fall Priorität gegenüber "Amateuren" oder anderen Kritikern seiner Werke.
  4. Umkehrschluß: Lieber läßt man eine Autorität (oder den Inhalt eines schriftlichen Werks) bestehen, als dass man sein eigenes Denken oder Handeln auch nur in Frage stellt oder gar ändert.
  5. Mal eine Frage offen lassen: so ergeben sich prachtvolle Diskussionen, mitunter auch im akademischen Umfeld. Geklärte Fragen sind doof, weil danach die Diskussion zuende ist.
  6. Jeder führt seine eigenen Ideen ins Feld.
Mit diesen sechs Grundregeln lässt sich das gesamte Phänomen der zeitgenössischen Geisteswissenschaft erklären. Der Keim wurde ihnen in die Wiege gelegt: spätestens, als man sich da in Elfenbeintürme zurückgezogen hat und somit jeden Kontakt zur Realität abgebrochen hat, wurde aus einstmals vielleicht erquickenden Unterhaltungen das Elend der geistigen Endlosschleife, aus der kein Entrinnen möglich ist.


Solange ein Geisteswissenschaftler regelmäßig gefüttert wird (bzw. sich selber Essen kaufen kann), ist er eigentlich recht zugänglich. Nur, wenn er hungert, oder seine Fundamente angegriffen sieht, wird er garstig. Das ist von daherein drollig, weil Geisteswissenschaftler sich ja ihre Fundamente selber aussuchen. Das bringt es mit sich, dass in einer "Diskussion" jederzeit hysterisiert werden kann, dass man da irgendwas persönlich nehmen wollte. Das nutzt wiederum zur Grundregel "Weiter wie bisher". Selbst die Darstellung totaler Polarisierung ist nützlicher als umzudenken. Der Geisteswissenschaftler denkt an sein Publikum. Wenn das Publikum umdenken müsste, würde es sich angestrengt fühlen und mitunter sogar Schmerzen leiden. Lieber betrachtet es einen Hahnenkampf unter Geisteswissenschaftlern. Da kann es, das Bewußtsein um den Schmerz, der beim Nachdenken entsteht, vorausgesetzt, klammheimlich dem Konservativeren der beiden zustimmen.



Die Abgrenzung zur Naturwissenschaft kann verhältnismäßig einfach vorgenommen werden. In den Naturwissenschaften wird wenigstens gelegentlich umgedacht. Nur in der Geisteswissenschaft kann man sich eine derart dekadente Position leisten, ohne auch nur einen Hauch von Gewissensbiss verspüren zu müssen.


Da bleibt dann auch noch die Erkenntnis, dass, wenn man eine Religion, Gesetze oder überhaupt irgendwelche Dogmen benötigt, um herauszufinden, was richtig ist und was falsch, man wohl irgendeinen Mangel hat. Witzigerweise trauen sich diejenigen, die diesen Mangel haben, selten, diesen zuzugeben.



Ganz böse wird der Geisteswissenschaftler, wenn Dogmen angegriffen werden, vor allem, wenn diese sein Leben einfacher zu machen scheinen. Auch nur ein Dogma zu haben, dessen Wert über den jedes anderen, auch jedes Gesetzes erhaben ist, ist für den Geisteswissenschaftler das höchste der Gefühle. Ganz besonders lustig ist das, weil man diese Dogmen aufgrund von Höflichkeit gar nicht in Frage stellen darf. Und so hocken sie da in ihren Webforen, und in den Seminarräumen der Universitäten, streiten um des Kaisers Bart, und lernen einander nicht einmal richtig kennen.


Das einzige, was man mit Geisteswissenschaft tatsächlich tun kann, ist, etwas zu rechtfertigen. Man beobachtet irgend etwas in der Realität, fragt sich - ganz philosophisch - "was war das denn?", und dann entwickelt man einen länglichen Text. Ob es nun um eine antike oder moderne Tyrannei geht, oder um millionenfaches Leid, dank der Auffassung, dass Ethik selber ein Thema der Geisteswissenschaft sei, kann man diese nach dem Prinzip des geringsten Widerstands so verändern, dass alles für ethisch erklärt werden kann.



Glückseligkeit scheint für Geisteswissenschaftler immer auch eine Komponente der Ignoranz zu enthalten. "Ignorance is bliss", sagt man im englischen. Solange die Ignoranz nicht allgemein auffällt, ist ja auch noch alles in Ordnung. Aber wehe, jemand bemerkt z.B. einen inneren Widerspruch oder irgend etwas unerfreuliches.


Am beeindruckensten daran ist in der Praxis die Heuchelei, mit der z.B. die eigene Perspektive als "kritisch" dargestellt wird. Jedem "kritischen Wissenschaftler" ist bewußt, dass Akademien (jedenfalls die geisteswissenschaftlichen Institute) nur betrieben werden, um in diesem Sinne "Opium für das Volk" zu liefern. Jetzt hatte man jahrzehntelang Gelegenheit, Faschismus und andere Formen der Menschenfeindlichkeit am lebenden Beispiel zu untersuchen, zu diskutieren, Strategien zu entwickeln und pädagogisch zu wirken. Und das Ergebnis?


Die Leute sind so menschenfeindlich wie eh und je. Ein paar dumpfe Parolen, und schwupps, sind die Straßen voll, die Medien halten drauf, und jede Form von Ethik wird auf politischem Wege beseitigt. Weiche Kekse kann man leicht verformen.


Die Geisteswissenschaft eiert mindestens seitdem die Reallöhne nicht mehr steigen im Nirwana herum. Unter den angeblich so wachsamen Blicken hochrangiger Philologen, Sprachwissenschaftler und Philosophen hat sich in den letzten 60 Jahren ein politischer Wandel vollzogen, der nicht davon besser wurde, dass er so lange gedauert hat. Es war nur einfacher für die Geisteswissenschaftler, so lange zu zögern.
__________________
Perfidulo: Ich hatte erst vor, einen Roman darüber [über das verschwundene Mittelalter] zu schreiben.
Groschenjunge: Was ist der Unterschied zum Jetzt?
Perfidulo: Es quasseln nicht dauernd Leute dazwischen.
basti_79 ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 21.02.2016, 14:24   #2
Lupo
Super-Moderator
 
Benutzerbild von Lupo
 
Registriert seit: 19.10.2007
Beiträge: 6.351
Standard

Zitat:
Zitat von basti_79 Beitrag anzeigen
Mit diesen sechs Grundregeln lässt sich das gesamte Phänomen der zeitgenössischen Geisteswissenschaft erklären. Der Keim wurde ihnen in die Wiege gelegt: spätestens, als man sich da in Elfenbeintürme zurückgezogen hat und somit jeden Kontakt zur Realität abgebrochen hat, wurde aus einstmals vielleicht erquickenden Unterhaltungen das Elend der geistigen Endlosschleife, aus der kein Entrinnen möglich ist.
Wow, ich erschauere ob der Realitätsferne dieses Beitrages.
__________________
"Die Psychiater hatten einige Spezialausdrücke für meinen Fall. Naja, ich hatte auch einige Spezialausdrücke für die Psychiater." (Charles Bukowski)
Lupo ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 22.02.2016, 18:50   #3
Lawrence P. W.
Lebendes Foren-Inventar
 
Benutzerbild von Lawrence P. W.
 
Registriert seit: 10.07.2004
Ort: dort
Beiträge: 3.146
Standard

Da hilft ja nur eins, Geisteswissenschaften abschaffen?!
__________________
Letztendlich muss jeder Atheist dran glauben
Der Glaube ist eine Realität von den Dingen, die wir hoffen.
"Gott ist tot" Nietzsche ............................................ "Nietzsche ist tot" Gott
Lawrence P. W. ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 24.02.2016, 13:32   #4
basti_79
Lebende Moderatoren-Legende
 
Benutzerbild von basti_79
 
Registriert seit: 18.11.2005
Beiträge: 9.144
Standard

Zitat:
Zitat von Lawrence P. W. Beitrag anzeigen
Da hilft ja nur eins, Geisteswissenschaften abschaffen?!
Nö. Warum auch? Die tun ja nichts...
__________________
Perfidulo: Ich hatte erst vor, einen Roman darüber [über das verschwundene Mittelalter] zu schreiben.
Groschenjunge: Was ist der Unterschied zum Jetzt?
Perfidulo: Es quasseln nicht dauernd Leute dazwischen.
basti_79 ist offline   Mit Zitat antworten
Antwort

Lesezeichen

Themen-Optionen
Ansicht

Forumregeln
Es ist Ihnen nicht erlaubt, neue Themen zu verfassen.
Es ist Ihnen nicht erlaubt, auf Beiträge zu antworten.
Es ist Ihnen nicht erlaubt, Anhänge hochzuladen.
Es ist Ihnen nicht erlaubt, Ihre Beiträge zu bearbeiten.

BB-Code ist an.
Smileys sind an.
[IMG] Code ist an.
HTML-Code ist aus.
Gehe zu

Ähnliche Themen
Thema Autor Forum Antworten Letzter Beitrag
Quantenheilung - 2 Punkte Methode Quantenheilung Alternative Heilverfahren 1 31.07.2011 11:41
Neue Methode zur Altersbestimmung von Holz Zwirni Rund um Naturwissenschaft 0 22.06.2004 20:02
Neue Methode zur Altersbestimmung von Gestein Zwirni Rund um Naturwissenschaft 0 15.04.2004 00:16
Neue Methode zur Altersbestimmung von Quarzteinen entwickelt Desert Rose Rund um Naturwissenschaft 1 14.04.2004 13:38


Alle Zeitangaben in WEZ +2. Es ist jetzt 01:10 Uhr.


Powered by vBulletin® ~ Copyright ©2000 - 2017 ~ Jelsoft Enterprises Ltd.


Das forum.grenzwissen.de unterliegt der Creative Common Lizenz, die Sie hier nachlesen können.
Wir bitten um Benachrichtigung, falls Sie Inhalte von uns verwenden.