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Alt 10.07.2015, 19:59   #1
tinabina
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Standard naturalistische these - Alkohol als Vererbung

Hallo,

ich habe folgendes Problem. Ich bin auf der Suche nach einem Drama aus dem Naturalismus, welches sich mit Alkoholismus als Krankheit und der damit verbundenen Ansicht Alkoholismus sei vererbbar beschäftigt.
Mir ist dazu schon Hartmanns „Vor Sonnenaufgang“ und Holz, Schlafs Dramen „Papa Hamlet“ und, nicht ganz so den Alkoholismus eingehend, "Familie Selige" eingefallen. Entsprechende Sekundärliteratur, am besten neuere, sind ebenfalls willkommen. Vielen Dank!!
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Alt 10.07.2015, 20:37   #2
Lupo
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Zitat:
Zitat von tinabina Beitrag anzeigen
Entsprechende Sekundärliteratur, am besten neuere, sind ebenfalls willkommen. Vielen Dank!!
Na, Seminarbibliothek schon geschlossen?

Ich habe irgendwann im letzten Jahrtausend auch mal Germanistik studiert, aber die Dramen habe ich gemieden, wo ich nur konnte.

Prosa könnte ich dir nennen, bei Dramen muss ich leider passen, sorry
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"Die Psychiater hatten einige Spezialausdrücke für meinen Fall. Naja, ich hatte auch einige Spezialausdrücke für die Psychiater." (Charles Bukowski)
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Alt 10.07.2015, 21:21   #3
tinabina
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he Lupo,

wenn du paar Prosawerke kennst immer her damit So kann ich mir auch schon einen Überblick erarbeiten, inwieweit die Thematik in "Vor Sonnenaufgang" ausgeweitet wurde, oder eben nicht.

Vielen Dank schonmal!
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Alt 11.07.2015, 08:08   #4
perfidulo
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Zitat:
Zitat von tinabina Beitrag anzeigen
Ich bin auf der Suche nach einem Drama aus dem Naturalismus, welches sich mit Alkoholismus als Krankheit und der damit verbundenen Ansicht Alkoholismus sei vererbbar beschäftigt.
Das ist interesseant.
Ich habe mich im Zusammenhang mit Max Josef Metzger mit dem Alkoholismus und der Abstinentenbewegung beschäftigt.

Metzger hat nach seiner Priesterweihe in Karlsruhe und Mannheim bewußt in Arbeitervierteln gearbeitet und sich für die Abstinenzbewegung engagiert. Mehr als seinen Oberern lieb war.

Er kam im schweizerischen Fribourg während seines Studium zum Verzicht auf Alkohol, weil er sah, welche sozialen Probleme aus dem Alkoholismus entstehen.

Ich hatte bisher den Eindruck, daß das Problem des Alkoholismus weitgehend als Teil der sozialen Frage betrachtet wurde, nicht als erbliches Problem.

von Klaus Dede gibt es eine umfassende Auswertung der Literatur zur zum Alkoholismus und zur Abstinenz: Klaus Dede
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Alt 11.07.2015, 09:43   #5
tinabina
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Hallo perfidulo,

die Thematik aus der Richtung der Abstinentenbewegung heraus zu betrachten, ist mir noch gar nicht in den Sinn gekommen!

Grade in der Schweiz gab es rege Diskussionen um 1900 wegen Alkoholismus und die folgenden Probleme, abgesehen von einer möglichen Vererbbarkeit.

Max Josef Metzger und die Auswertung von Klaus Dede schau ich mir gleich mal an! Vielen Dank für den neuen Ansatz und die Sekundärliteratur!!
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Alt 11.07.2015, 10:12   #6
perfidulo
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Zitat:
Zitat von tinabina Beitrag anzeigen
Grade in der Schweiz gab es rege Diskussionen um 1900 wegen Alkoholismus und die folgenden Probleme, abgesehen von einer möglichen Vererbbarkeit.
Nicht nur in der Schweiz.
Die Bewegung kam aus den englischsprachigen Ländern und hatte mit der Prohibition in den USA den größten Erfolg.

Allerdings war die Reaktion der "normalen" Gesellschaft sehr verhalten. Metzger als katholischer Priester hatte mit der Amtskirche zu kämpfen, die am Alkoholismus verdiente. Viele Klöster haben bis heute Brauereien und Brennereien.

Wenn es um die Vererblichkeit geht, kommt man ziemlich rasch auf die Debatte, daß man Leute mit krankem Erbgut an der Fortpflanzung hindern sollte. In der Schweiz war Auguste Forel so eine Schnittstelle. Ich habe aber noch nicht gecheckt, inwieweit er das mit dem Alkoholismus verbunden hat.

Viele aus der Abstinenzbewegung werden beschuldigt zur Euthanasie verleitet zu haben und damit ist man schnell ein Nazi. Das gilt auch für Johannes Ude in Graz, der Metzger 1916 engagiert hat.

Aber mein Eindruck ist eher, daß Alkoholismus als heilbare Krankheit betrachtet wurde (Trinkerheilanstalt) und durch lebenslange Abstinenz in den Griff zu bekommen wäre.

Allerdings bedeutet das auch, daß irgendwas im Körper dazu führt, daß es bei geringsten Mengen Alkohol zu einem Rückfall kommt.

Es ist spannend zu untersuchen, wie man das Anfang des 20. Jahrhunderts gesehen hat.

Hier eine interessante Quelle:

http://www.sante.public.lu/fr/expose...ool/07-UHL.pdf

Es gibt zwei Arten von Trunksucht:
1. Die erworbene Trunksucht, die durch die jeweils genau indizierten Mittel sehr leicht heilbar ist.
2. Die erbliche Trunksucht, die dadurch entsteht, dass die Zeugung im Rausch stattfand oder die Eltern der Trunksucht verfallen waren.
Um sie zu heilen oder besser ihrer Entwicklung vorzubeugen, muss man schon vor ihrem Manifestwerden in der Jugend oder Kindheit eine Behandlung von zwei bis drei Jahren Dauer durchführen, indem man die folgenden dreizehn Mittel nacheinander in der angegebenen Reihenfolge verordnet:
1. Sulfur, 2. Nux vomica, 3. Arsenicum, 4. Mercurius vivus, 5. Opium, 6. Ladiesis, 7. Pulsatilla, 8. Petroleum, 9. Conium, 10. Causticum, 11. Magnesia carbonica, 12. Sta-physagria, 13. Calcarea carbonica.

Gallavardin, J.P. (1889): Alkoholismus und Verbrechen. In: Triebel, H. (Übersetzer): Jean Pierre Gallavardin - Homöopathische Beeinflussung von Charakter, Trunksucht und Sexualtrieb -9. Auflage. Haug, Heidelberg



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Alt 11.07.2015, 10:35   #7
perfidulo
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Zitat:
Zitat von tinabina Beitrag anzeigen
Mir ist dazu schon Hartmanns „Vor Sonnenaufgang“ und Holz, Schlafs Dramen „Papa Hamlet“ und, nicht ganz so den Alkoholismus eingehend, "Familie Selige" eingefallen.
Das kennst Du vermutlich schon

http://www.literaturwissenschaft-onl...turalismus.pdf

XI. Gerhart Hauptmann:Vor Sonnenaufgang
Holz/Schlaf:
Papa Hamlet


Zur Diskussion um 1903

https://archive.org/details/alkoholismussei02alkogoog

Alkoholismus: Seine Wirkungen und seine Bekämpfung


um 1909


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Alt 11.07.2015, 23:49   #8
basti_79
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Meines Wissens vertragen Europäer, Kaukasier und Afrikaner Alkohol verhältnismäßig gut, da sie ein Enzym besitzen, das den Alkohol verarbeiten kann und so als Energiequelle nutzen. Menschen anderer Abstammung vertragen Alkohol schlechter und werden so auch seltener abhängig. Man könnte also die (mehr oder minder gewagte) These aufstellen, dass Alkoholismus so manchen unserer Vorfahren vor dem Verhungern gerettet hat. Bier zum Beispiel könnte man als verdorbene Überreste eines Versuchs, Brot zu backen, entdeckt haben. Schon der Codex Hammurabi (eine Sammlung von "Gesetzen" oder vielleicht eher "Richtersprüchen" eines antiken babylonischen - also irakischen - Königs, einer der ältesten erhaltenen Texte der Welt überhaupt) erwähnt relativ häufig Bier und den Umgang damit. Asiaten und den Ureinwohnern Amerikas fehlt dagegen dieses Enzym und damit eine bestimmte Kalorienquelle.
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Perfidulo: Ich hatte erst vor, einen Roman darüber [über das verschwundene Mittelalter] zu schreiben.
Groschenjunge: Was ist der Unterschied zum Jetzt?
Perfidulo: Es quasseln nicht dauernd Leute dazwischen.
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Alt 12.07.2015, 08:22   #9
perfidulo
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Zitat:
Zitat von basti_79 Beitrag anzeigen
Meines Wissens vertragen Europäer, Kaukasier und Afrikaner Alkohol verhältnismäßig gut.......
Mir will sich nicht so recht erschließen, was dieser Beitrag soll.

Es geht um den Alkoholismus, nicht um den Abbau von Alkohol im Körper.

Ende des 19. Jahrhunderts wurde wohl eher von Bürgerlichen und Intellektuellen die Beobachtung gemacht, daß zuviel Alkohol (vornehmlich Branntwein, weniger Bier) zerstörereisch wirkt. Das "Elend" weiter Bevölkerungsschichten (Proletarier) wurde darauf zurückgeführt.

Es gab verschiedene Vorschläge zur Abhilfe. Die "Mäßigungsbewegung" empfahl eine veränderung zu einem bewußten Trinkverhalten. Bier statt Branntwein war eine der Forderungen. Auch ein Gläschen Wein war gestattet.

Es ist die Frage, ob der Alkoholismus der Unterschichten nicht lediglich hochgespielt wurde. Statt die Arbeitsbedingungen zu verbesseren und die Löhne zu erhöhen, wurde das Trinken gegeißelt. Lohnerhöhung hätte sogar zu noch mehr Alkoholkonsum geführt, da die Proleten alles nur versoffen haben.

Auch der Staat hat durch die Branntweinsteuer kräftig mitverdient und der Schnaps wurde von den Preußischen Junkern geliefert.

Die Sozialdemokratie war auch auf Distanz zur Anti-Alkoholkampagne. Viele ihrer Abgeordnete konnten das passive Wahlrecht nur erhalten, weil sie Kneipen betrieben haben (also Unternehmer waren), die gleichzeitig Versammlungsräume der Sozialdemokratie waren.

Die Verstrickung der Kirche (Klosterbrauereien und -brennereien) waren genannt.

Man ging schon irgenwie davon aus, daß es beim Alkoholismus zumindest der unteren Schichten eine erbliche Komponente gab und Säufer sollten an der Fortpflanzung gehindert werden.

In den "besseren Kreisen" wurde auch maßlos gesoffen, aber es war nicht so offensichtlich. Viele Künstler, vor allem Schriftsteller, waren stramme Alkoholiker. Aber wenn es zuviel wurde, wurden sie auf Kur geschickt. Die soziale Stellung, die Famile und das Einkommen waren nicht nicht in Gefahr. Obwohl es Ausnahmen gibt. Aber es gab auch Spielsüchtige, die ihr ganzes Vermögen verzockt haben, wie die Mutter der Bertha von Suttner. Die Tochter der Gräfin Kinsky mußte sich als Hauslehrerin und Sekretärin verdingen als die Mama alles verspielt hatte.

Rituelles Komasaufen war bei den Burschenschaften integraler Bestandteil ihrer "Kultur". Niemand wäre auf die Idee gekommen, sie an der Fortpflanzung zu hindern. Leider.

Der hart arbeitende Prolet pichelte allein oder in kleiner Runde bis er sein hartes Los vergessen konnte. Also typische Drogenproblematik.

Aber auch die Industrie begann den Alkohol als Proble zu erkennen. Wurden anfangs noch Branntwein (wie in der Marine) als Teil des Lohns ausgegeben, so erforderten die verfeinerten Arbeitsprozesse und die höhere Genauigkeit mehr Intelligenz und Disziplin als rohe Kraft. Zittrige Alkoholikerhände waren an den empfindlichen Maschinen nicht zu gebrauchen.

Alkoholika wurden vom Werksgelände verbannt, umso wichtiger wurde der Schluck nach Feierabend. Da die Lebensverhältnisse in den Wohnungen nicht gerade anziehend waren, bekamen die Eckkneipen als "erweitertes Wohnzimmer" für die Männer eine zentrale Bedeutung.

Die Anti-Alkoholbewegung versuchte dagegenzuhalten. Aber ihre "Speisehäuser" waren meist auch vegetarisch und geraucht werden durfte auch nicht. Man mußte den Kampf an vielen Fronten führen. Ein großer Teil der Abstinentenbewegung war religiös motiviert, was die mögliche Zielgruppe nochmal reduzierte.
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Geändert von perfidulo (12.07.2015 um 08:29 Uhr).
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alkohol, naturalismu, vererbung

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