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Atlantis Gab es dies sagenumwobene Reich? Wo lag es? Gibt es Auswirkungen bis zum heutigen Tag? Wie beeinflusste es unsere Entwicklung?

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Alt 31.08.2010, 16:24   #1
Atlantologe
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Standard Atlantis ist der falsche Name

I.

Wer mich kennt, weiß, dass ich zu den Skeptikern gehöre. Das versagt mir zwar den Genuss fantastischer Ideen und den Thrill atemberaubender Geschichten, bewahrt mich aber auch davor, mich im Dschungel wild wuchernder konkurrierender Utopien völlig zu verirren und am Ende das Gefühl verschwendeter Zeit haben zu müssen. Ich habe mich inzwischen 6 Jahre lang intensiv mit dem Thema Atlantis beschäftigt, das im Verlauf der Forschungen mehr und mehr zu der Frage nach einer potenziellen frühen (Proto-) Hochkultur wurde, zuletzt unter dem problematischen Aspekt, ob die späte Phase des Jungpaläolithikums nach dem Höhepunkt der letzten Eiszeit bzw. nach der maximalen Vergletscherung bis zum frühen Holozän und dem Beginn des Neolithikums, präzise gesagt, ob jene 6000 Jahre zwischen 17'000 und 11'000 BP Raum lassen für die Herausbildung einer frühen höher entwickelten Kultur, konkreter: ob der archäologische Befund aus jenen 6000 Jahren nur deshalb so dürftig ist, weil die wichtigsten Zeitzeugen – Ruinen von Siedlungen, vielleicht sogar von Monumentalbauten – im Meeresboden der heutigen Küstengewässer verborgen liegen, der heutigen Archäologie mit ihren noch relativ unterentwickelten Instrumenten vorerst verborgen – und damit wissenschaftlich «inexistent».

Wir hatten dieses Thema bereits – meine Dispute mit Restitutus zur Frage einer frühen Hochkultur in der Altsteinzeit künden davon. Es soll hier auch nicht weiter aufgewärmt werden, zumal die Debatte damals unter der Frage nach der Entwicklungsdynamik von Gesellschaften – Kulturen und Zivilisationen – generell stand und ein bisschen abstrakt war. Mir geht es jetzt weniger um die entwicklungssoziologische als vielmehr um die im weitesten Sinne archäologische Frage nach möglichen Anhaltspunkten – und um die geografische Frage, wo eine solche hypothetische frühe na sagen wir Proto-Hochkultur gelegen haben könnte. (Das ist nebenbei auch Thema des zweiten Buchs meines bald erscheinenden Doppelbands, von dem ich noch nicht weiß, ob ich ihn Trauminsel Atlantis oder Sehnsucht nach Atlantis nennen soll.)

Schauen wir uns mal die Welt an, wie sie vor 17'000 Jahren, als sich das Eis erstmals wieder zurückbildete, ausgesehen hat. Wir wissen, dass sich die Cro Magnons – für diese spätere «postglaziale» Phase nenne ich sie lieber Ur- oder Alteuropäer – für Jahrtausende in den Süden verzogen hatten, um dort zu überwintern und die kälteste Phase der Eiszeit auszusitzen. Aus dem phylogenetischen aber auch archäologischen Befund wissen wir, dass es 3 Überwinterungszentren für diese Ur-Europäer gab: Nordspanien, der mittlere und südliche Balkan, und die nördliche Schwarzmeerregion, heutige Ostukraine und die Steppenregion am Unterlauf der Wolga.

Doch das betrifft nur die Alteuropäer. Leider ist die Altertumswissenschaft immer noch recht eurozentrisch – und dies, obwohl Europa (neben Amerika) erst zuletzt besiedelt wurde. Die Musik spielte im Paläolithikum rund um den Indik mit Schwerpunkt Indien und Südostasien («Sundaland»). Gerade in Sundaland zeigten sich erste Ansätze zur Neolithisierung, und das 25'000 Jahre vor heute! Noch weniger wissen wir über eine im Paläolithikum relativ gut besiedelte Region – Ostafrika, das heutige Kenia und Tansania. Hier könnte neben Indien und Sundaland ein dritter größerer Siedlungsraum gelegen haben, denn in diesen 3 Regionen war das Klima (und damit Flora + Fauna = Nahrungsgrundlage) in der kältesten Phase der Eiszeit am angenehmsten. Dass Ostafrika gut besiedelt war, wissen wir aus dem genetischen und archäologischen Befund, auch, dass offenbar hier – Stichwort Enkapune Ya Moto im heutigen Kenia – zuerst der Umbruch vom Mittel- zum Jungpaläolithikum begann, im Englischen Sprachgebrauch geläufig als upper paleolithic revolution – in dem der moderne Mensch anfing sich auch tatsächlich modern zu verhalten und die Steinzeittechnologie zu verfeinern.

Was ich damit sagen will: Nur weil Altertumsforschung und Archäologie in den heutigen Entwicklungs- und Schwellenländern vergleichsweise unterentwickelt sind, da nur ein Bruchteil von den Summen in die Archäologie gesteckt wird, wie das in Europa der Fall ist, heißt das nicht, dass auch schon in der Altsteinzeit der Trend zur kulturellen Höherentwicklung in Europa stattgefunden hätte – im Gegenteil: Es war gerade Ostafrika, Indien und Südostasien, wo die Erde vergleichsweise am dichtesten besiedelt war und sich Neueres früher durchsetzte als bei Cro Magnon in Europa. Daher glaube ich, dass der größte archäologische Bestand unentdeckt im Boden jener Regionen um den Indik schlummert – und wohl auch am Meeresgrund.

Wenn es also irgendwo eine frühe jungpaläolithische Kultur mit Ansätzen zu ner Proto-Hochkultur gegeben hat – dann eher in diesen heute tropischen Regionen, die in der Eiszeit klimatisch begünstigt waren. Dennoch glaube ich nicht, dass es so früh schon zu ner höheren Kulturbildung gekommen war, da in einer Umwelt, die jagdbares Wild, üppige Flora und ein fischreiches Meer im Überfluss bietet, Anreize für eine Neolithisierung nicht gegeben sind.

Das könnte sich nach Ende der kältesten Zeit ab 17'000 vor heute grundlegend geändert haben. Es gab drei feuchtmilde Perioden, nämlich das Meiendorf-Interstadial ab etwa 15'000 BP, das Bølling-Interstadial ab ca. 14'000 BP und das Allerød-Interstadial ab ca. 13'500 BP. Mit diesen relativ kurzen aber ausgeprägten Warmzeit-Intermezzi wanderten Flora- und Fauna jeweils 1500 km nach Norden und zwangen die Leute, mitzuwandern und ihre angestammten Siedlungsräume zu verlassen. In den Stadialen (Älteste, Alte und Jüngere Dryas) wiederum mussten sie zurück in den Süden, aber die alten Siedlungsräume an den Küsten waren teilweise schon überflutet. Vielleicht weigerten sich einige Volksgruppen, dauernd mit rumzuwandern und begannen in einer der kühleren Phasen in begünstigten Regionen mit neolithischen Experimenten in Sachen Ackerbau. Dabei denke ich nicht nur an den bekannten «fruchtbaren Halbmond» (Ägypten, Levante, Südanatolien, Mesopotamien nach Osten bis zum Zagrosgebirge), sondern auch an Indien (Belutschistan, Pakistan, Indien, Bangladesh) und Südchina. Außer dem Orient ist da wenig erforscht.

In einem Aspekt gebe ich Restitutus nachträglich recht: die Abwesenheit von archäologischen Funden, die auf eine frühe Kultur hinweisen könnten, beweist nicht die Abwesenheit einer solchen (hypothetischen, vielleicht auch postulierten) frühen Kultur. Und auch in einem weiteren Punkt gebe ich ihm recht: In Zeiten unsicherer Küstenlinien, in denen das Meer immer mehr Land frisst und alte Siedlungsräume überflutet und unbewohnbar macht, könnten sich mit diesem späteiszeitlichen Auf und Ab (zwischen 3 Stadialen und 3 Interstadialen innerhalb von nur 4000 Jahren) die Zentren der Siedlungsräume von den Küstenregionen ins Binnenland am Lauf großer Flüsse verlagert haben. Für den Alten Orient bedeutet das de Verlagerung von der Küste des Arabischen Meers und des Mittelmeers ins Binnenland an den Nil, Euphrat/Tigris (Mesopotamien), Indus und Ganges (Pakistan bzw. Indien), Yangtse und Mekong (China).


II.

Kommen wir nun zu «Atlantis». Hier möchte ich zwei Aspekte hervorheben, die in der «Atlantis-Forschung» m.E. viel zu wenig berücksichtigt werden. Selbst wenn – was ich glaube – sich Platon die Atlantis-Geschichte ausgedacht hat, kann er «sein» Atlantis nur aus ihm bekannten Elementen zusammengesetzt haben. Jeder Science Fiction oder besser jeder utopische Roman setzt sich aus «topischen» Elementen zusammen, also aus Teilen der real existierenden Welt, anders geht’s gar nicht. Zu diesen Elementen zählen etwa Landschaftsbeschreibungen, Flora und Fauna, die Architektur der Städte, das Klima, die Wirtschaft, Regierung, Verwaltung und die Streitkräfte, insgesamt die Arbeits- und Lebensweise des Volks in diesem «utopischen» Land oder Reich. All das finden wir in Kritias bis ins Detail beschrieben.

Und noch etwas gehört dazu, wenn man über eine utopische Kultur spricht oder das, was man über eine Kultur gehört hat, von der man nicht weiß, ob es sie gab oder nicht: Mythen, Sagen und Legenden. Selbst wenn Platon «sein» Atlantis erfunden hat, dürften ihm, was den «Kriegszug» des Seevolks, insbesondere aber seinen katastrophischen Untergang anbelangt, Gerüchte zu Ohren gekommen sein, die vielleicht in den Hafenkneipen die Runde machten. Zu Platons Zeit waren Hafenkneipen das, was für uns heute das Internet ist: die schnellste Form, in der sich Gerüchte verbreiten, die latest news aus weit entfernten Ländern, die man nur vom Hörensagen kennt, auch wenn wahrscheinlich 3/4 davon, wie das Hafenkneipen so an sich haben, Seemannsgarn war.

Heute kennen wir ca. 300 Sintflutlegenden, die wohl überwiegend auf regionale Flutkatastrophen verweisen. Es gab zwei Phasen, in denen der Meeresspiegel sehr schnell stieg: im frühen Holozän nach Ende der Eiszeit, also vor ca. 11'000 Jahren, und im so genannten neolithic subpluvial, einer extrem feuchtwarmen Phase vor rund 7500 Jahren. Möglicherweise beziehen sich einige der Sintflutlegenden auf diese zweite Phase der schnellen, teils auch kataklystischen Überflutungen. Das ist keine neue Hypothese, die auch gar nicht so abwegig erscheint.

Die Frage wäre: Könnte es ein Volk, eine Kultur gegeben haben, die in diesen fast 10'000 Jahren zwischen dem Ende der Hochphase der Eiszeit und dem neolithic subpluvial bzw. dem Atlantikum, in dessen Hochzeit der Meeresspiegel 8–12 m höher war als heute (in dem der Persische Golf z.B. das heutige Bagdad zur Küstenstadt gemacht hätte) nicht nur Zeit genug hatte, sondern diese Zeit auch genutzt hatte, um sich zu einer (Proto-) Hochkultur aufzuschwingen? Ich möchte diese Frage mit einem «Jein» bzw. mit einem «Ja, aber» beantworten. Ausgeschlossen ist es nicht. Wir haben nur keine Hinweise auf eine solche frühe Kultur. Auch nicht in der Mythologie? Das ist eine spannende Frage. Könnte Platons Atlantis nicht dazu gehört haben?


III.

Falls Platons Atlantis zumindest teilweise auf Gerüchten (Sagen, Mythen, Legenden) beruht, wäre die Frage, in welcher Region diese ominöse Kultur X gelebt haben und untergegangen sein könnte. Verbunden mit der entscheidenden Frage, ob diese ominöse Kultur X hochseefähige Schiffe baute, um sich damit am sehr frühen «Welthandel» zu beteiligen.

Und jetzt komme ich mal etwas ins wüste Spekulieren. Auszug aus meinem Manuskript (den ich dort ausdrücklich hochspekulativ und unwissenschaftlich nenne):

Um 14700 BP wurde es warm auf der Erde, für fast 2000 Jahre, unterbrochen nur von einer 300-jährigen kälteren Periode. Mit den steigenden Temperaturen wurde es auch feuchter; die Wüsten schrumpften, das Land wurde fruchtbarer, auch die Tierbestände mehrten sich. Wahrscheinlich kam es zu einer ersten Bevölkerungsexplosion. «Offiziell» begann der Ackerbau in der Levante zwar erst um 13000 BP (11000 BC), man kann aber davon ausgehen, dass mit dem wärmeren Klima Vorformen des Ackerbaus schon 1500–1700 Jahre früher entstanden. Viehhaltung begann um 14000 BP mit der Domestizierung des Hundes zum Haushund. Wahrscheinlich wurden sie ursprünglich auch gegessen. Die Leute kamen aus ihren Höhlen und bauten Lehm- und Holzhütten; die Werkzeuge verfeinerten sich und wurden vielfältiger. In den fruchtbarsten Regionen (wahrscheinlich Mesopotamien vom Golf von Oman bis zum Taurusgebirge und im Industal) tendierten die Leute allmählich zur Sesshaftigkeit. Es herrschte Aufbruchstimmung; die Erde schien von einem viele Jahrtausende dauernden Winterschlaf allmählich zu erwachen; der Frühling der Menschheit begann; eine erste Vorahnung von Neolithikum lag in der Luft.

Der Anfang der Geschichte begann «offiziell» vor 13.000 Jahren mit obermesopotamischen Bauern, die anfingen, das fruchtbare Land am heutigen Mittellauf von Euphrat und Tigris aktiv zu bewirtschaften.[1] Aber auch hier dürfte man 1500 Jahre aufschlagen können, denn um 14500 BP herrschten mit dem feuchtwarmen Bølling-Interstadial hervorragende klimatische Bedingungen; der Ackerbau garantierte in Mesopotamien zwei Ernten pro Jahr.[2] Der ständige Kreislauf der täglichen Nahrungssuche, des täglichen Einerleis, in dem Wandel allein durch den Wechsel der Jahreszeiten bestimmt war, der seinerseits ein Kreislauf war, wurde durchbrochen; Zeit wurde aus ihrem naturgegebenen Rahmen herausgelöst und ein Aktivposten, der nur eine Richtung kannte: hinein in die Zukunft, und das bedeutete: Die Zukunft sollte besser werden als die Vergangenheit und die Gegenwart. Der Zeitpfeil entstand, von nun an konnte man Jahre zählen, Änderungen und Ereignisse, die diese bewirken, datieren. Plötzlich war die ganze Welt in Bewegung.

Denn aktiv betriebene Landwirtschaft bedeutete Vorratshaltung und Fesselung an die Scholle, bedeutete Grundbesitz und die Herausbildung von Eigentum und damit verbundenen Rechten, bedeutete Verteidigung des Eigentums und oft auch Krieg, bedeutete Mehrung des Eigentums und damit den Beginn des Tauschhandels. Und die Region, in der sich erstmals in der Geschichte Mehrwert bildete, ein Surplus, das getauscht werden konnte gegen andere Waren, die nicht nur der Subsistenz dienten, sondern auch dem Pläsier, letztlich der Kultur, und entsprechende Begehrlichkeiten weckte, war das Zweistromland.

Vielleicht war die Geburt der Geschichte auch die Geburt des Kriegs und damit die Geburt des Staats. Mit dem Privateigentum wurde auch der Feind geboren. Man musste sein Eigentum verteidigen gegen Feinde, gegen feindliche Nachbarn, die das Eigentum begehrten, gegen Intrigen und Überfälle. Und das Land als Ganzes musste sich und seinen Besitz verteidigen gegen äußere Feinde. Da die Verteidigung des Privateigentums auch die Verteidigung des Landes, das dieses Privateigentum ermöglichte und garantierte, voraussetzte, konnte sich eine überregionale Verwaltung herausbilden, die für diese Verteidigung gegen äußere Feinde sorgte und Sicherheit schaffte und die dafür von der Bauern Steuern verlangen konnten, von denen ein Heer von Kämpfern und «Beamten» unterhalten wurde, das für die überregionale Verwaltung dieser Obliegenheiten sorgte.

Die friedliche Form des Austauschs mit anderen ist der Handel. Auch hier gibt es wie beim Krieg lokalen, regionalen und überregionalen Handel. Wahrscheinlich haben sich mit Beginn dieser ersten wärmeren Zeit ab 14700 BP zwei «Wirtschaftszentren» herausgebildet: Mesopotamien und Indien, hier speziell die Indus-Region. Aber ebenso wie in Mesopotamien gab es zwei Völker, die Anspruch auf die Region hatten. Zwar hatten die Dravidier die «Ur-Inder», die einst das untere Indusbecken besiedelt hatten, zurückgedrängt, aber West-Belutschistan war der Osten von «Ostmesopotamien», und da der östliche Teil Belutschistans, nämlich das untere Indusbecken, wesentlich fruchtbarer war als der westliche, gebirgige Teil, dürfte Ost-Belutschistan, den zunächst noch die «Ur-Inder»[3] hielten, stets umkämpft gewesen sein. Um ihre Hegemonie nicht zu verlieren, war also auch «Dravidien» zu einer überregionalen Selbstorganisation und zur Vorform einer Staatsbildung gezwungen. Da an dieser Nahtstelle die drei großen Völker und «Wirtschaftsmächte» aufeinander prallten, boten sich natürlich auch Handelsbeziehungen zwischen ihnen an. Da «Ostmesopotamien» auf einem wenn auch teilweise recht schmalen Streifen von Anatolien über Obermesopotamien und dem Land östlich des Euphrat/Tigris im Norden bis zum Kaukasus, im Osten über ganz Iran bis Belutschistan reichte und «Dravidien» im Osten bis Bangladesh, im Nordosten aber durch intensive Handelsbeziehungen zu den «Altai-Asiaten», wahrscheinlich den Nachkommen einer einstigen gemeinsamen Einreisewelle vor rund 50.000 Jahren, Einfluss gehabt haben dürfte auf ganz Zentralasien, konnte Handel getrieben werden bis in Regionen am Ural, den Karakum-Steppen und bis zur Mongolei. Auf der anderen Seite war «Westmesopotamien» aufgrund der geographischen und kulturellen Nähe – teilten sie doch den gleichen Wirtschaftsraum – der natürliche Nachbar und Rivale. Auch wenn «Westmesopotamiens» Einflussbereich vergleichsweise geringer war, umfasste er doch die Levante, das westliche Mittel- und Untermesopotamien und die gesamte südöstliche Küstenregion der arabischen Halbinsel. Und da das Niltal auch damals schon gut besiedelt gewesen sein dürfte, konnte der Handel auch das Niltal aufwärts bis Nubien geführt werden. Die südlichen Küstenregionen der arabischen Halbinsel wären für «Westmesopotamien» aber relativ wertlos gewesen, wenn es nicht die zumindest theoretische Möglichkeit gegeben hätte, den Bab el Mandeb, die Meerenge bei Aden, zu überqueren, um das fruchtbare Äthiopien zu erreichen und jenseits davon wiederum Nubien. Ist es zu verwegen zu behaupten, dass bereits im späten Pleistozän, also im späten Jungpaläolithikum, die Geburtstunde der Schifffahrt schlug? Um ein gigantisches Handelsnetz zu entwickeln, dessen Erfolg und Scheitern an der Überwindung einer Meerenge hing, die so schmal war, dass man bei klarem Wetter das gegenüber liegende Ufer sehen konnte, dürften die gemeinsamen Anstrengungen groß genug gewesen sein, um primitive Schiffe zu bauen, die in der Lage waren, von einem Ufer zum anderen zu fahren und zurück. Den interessierten Handelsmächten dürfte es also recht frühzeitig gelungen sein, an beiden Ufern der Meerenge einen Hafen zu bauen und eine primitive Schiffswerft zu errichten, wo Schiffe gebaut wurden in der Zahl, dass der Nachfrage Genüge getan werden konnte; wofür man horrende Transfergebühren für den Warentransit fordern konnte, so dass auf afrikanischer und asiatischer Seite des Bab el Mandeb zwei kleine, aber potente Wirtschaftszentren entstehen konnten. Man hätte dann bereits in der Geburtsstunde der Geschichte ein Handelsnetz gehabt, das von Nubien bis in die Mongolei reichte!

Und die Entwicklung des Schiffsbaus und der Schifffahrt war ein Produktivitätsfaktor, der der neolithischen Revolution bei der Herausbildung einer Vorrats- und Surpluswirtschaft durch entwickelten Ackerbau und Viehhaltung in nichts nachstand. Man kam schlicht zu der nüchternen Erkenntnis, dass Waren sich per Schiff schneller, vor allem aber komfortabler und sicherer über große Entfernungen transportieren ließen als auf dem umständlichen, unwegsamen Landweg, wo die Karawanen noch dazu von allen möglichen feindlichen Stämmen und organisierten Banditenclans bedroht waren, die sie überfielen und ihren Tribut forderten. Zudem war längst noch nicht das Rad erfunden und ebensowenig das Kamel domestiziert, so dass die Waren auf Rücken und Köpfen wandernder Händler transportiert werden mussten – eine absolut unwirtschaftliche Form für jede Art von Fernhandel, sofern es sich nicht um ausgesprochen kostbare Waren handelte, die nicht schwer waren und nicht allzu sperrig, wie z.B. Tücher, Schmuck, Gewürze, Tee, Kaffee (aus Äthiopien), Mohn und Haschisch aus Pakistan und Afghanistan, feine Werkzeuge und Holzstatuetten, die den «Käufern» am anderen Ende der Handelskette Prestige eintrugen.

Hauptumschlagsplätze dieses Fernhandels dürften zum einen die beiden Hafenstädte «Westmesopotamiens» und «Ostmesopotamiens» an der Südwest- bzw. Nordostküste des Golfs von Oman gewesen sein, von wo aus die für die eigene Region oder zur Ausfuhr bestimmten Waren durch das schmale Nadelöhr von Hormuz mit Binnenschiffen den Euphrat/Tigris flussauf und flussab transportiert und an zahlreichen kleinen Binnenhäfen be- und entladen wurden.


IV.

Schlagen wir den Bogen zurück zu Platons Atlantis. Einer dieser Proto-Hochkulturen könnte irgendwann in der wärmsten Phase des Holzäns vor rund 7500 Jahren das letzte Stündlein geschlagen haben, und zwar wie von Platon beschrieben (erfunden) «über Nacht». In der geologisch aktiven Region des Arabischen Meers südlich von Iran, wo gleich 3 Kontinentalplatten sich aneinander reiben, kommt es hin und wieder zu heftigen Seebeben, die dann Megatsunamis gegen die iranische, omanische und indisch-pakistanische Küste senden mit verheerenden Folgen. Ein solcher Killer-Tsunami könnte einen großen Teil der im Neolithikum am dichtesten besiedelten Region der Erde (nämlich genau die Region zwischen Oman und der Westküste von Indien) verwüstet und den größten Teil der kulturell bis dato am höchsten entwickelten Region ertränkt und die frühe Proto-Hochkultur im Mark getroffen haben.

Erst nach dieser Flut setzt die eigentliche Geschichtsschreibung ein. Ein Teil der Überlebenden könnte – zusammen mit dem bereits «vorsintflutlichen» neolithischen Mehrgarh in Belutschistan die Keimzelle für die spätere Induskultur gelegt haben; der westliche Teil der Überlebenden könnte entlang des Persischen Golfs als Proto-Sumerer ins Zweistromland gezogen und dort die frühen Städte Uruk, Eridu, Bad-tibira und Lagasch errichtet haben – damals allesamt Küstenstädte, die heute bis zu 150 km im Landesinnern liegen.

Einen dritten Teil der Überlebenden, nämlich jene von der arabischen Südostküste, könnte es auf der Suche nach neuem Siedlungsraum ins Rote Meer und über den Sinai ins Mittelmeer verschlagen haben, wo sie dann mit der dortigen Vorbevölkerung in kriegerische Gemetzel um Land gerieten – Vorlage für Legenden eines frühen Seevölkerkriegs, der nicht identisch ist mit dem bekannten Seevölkerkrieg zur Zeit Ramses II, sondern sich 4000 Jahre früher zutrug? Einige Haplogruppen von Mittelmeervölkern enthalten auch Hinweise auf Vorfahren aus einer Region aus dem heutigen Eritrea / Aden / Jemen.

Demnach könnte Platons Atlantis-Erzählung das letzte Glied einer Gerüchtekette aus (mündlichen, teils vielleicht auch schriftlichen) Mythen, Sagen und Legenden über den dramatischen Untergang einer «lost civilization», einer untergegangenen «vorsintflutlichen» Zivilisation gewesen sein, die an der Schwelle zur Hochkultur stand – 5000 Jahre vor Sumer, Ägypten, Elam und Harappa.

«Atlantis» wäre dann aber der falsche Name – denn diese Zivilisation kannte nicht den Atlantik.
«Kumari Kandam» wäre der passendere Name – allerdings auch nicht zutreffend, denn Kumari Kandam war ein mythologischer Kontinent südlich von Indien, der sich besser bekannt unter dem Namen Lemuria in der tamilischen Mythologie nach Westen bis Madagaskar, nach Osten bis Australien erstreckte. Aber es war natürlich keine Insel, die da unterging, sondern überflutete Küstenregionen des Arabischen, zu Platons Zeit des Eritreischen Meeres.



Anmerkungen

[1] http://www.anth.uconn.edu/faculty/mu...tteilungen.pdf

[2]
Allerdings ist auch hier wieder die Frage erlaubt, ob es sich unter diesen hervorragenden Bedingungen des feuchtwarmen Interstadials nicht vielleicht doch um eine «Neolithisierung wider Willen» gehandelt haben dürfte, denn die an eiszeitliche Verhältnisse gewöhnte Fauna, die bis dahin die Nahrungsgrundlage der Bevölkerung bildete, hatte sich sicherlich als erste dem Klimawandel angepasst und sich 1000 Kilometer oder mehr nach Norden in kühlere Regionen verzogen, womit es bereits im Bølling-Interstadial.trotz optimaler Wetterbedingungen einen Nahrungsengpass in den Regionen des Alten Orients gegeben haben dürfte. Leider gibt der Forschungsstand der Agrargeschichte für solche Überlegungen nicht viel her. Und die Erkenntnisse zur Neolithisierung sind zu allgemein gehalten und erklären nur das Prinzip.

[3]
Gemeint ist damit die indigene Vorbevölkerung Indiens, die mit der ersten Einreisewelle gekommen war und sich in Indien niedergelassen hatte – möglicherweise schon vor der Toba-Katastrophe, definitiv aber die Bevölkerung aus der zweiten Ausreisewelle (um 60.000 BP), als deren Nachfahren man die Veddas von Sri Lanka (die genetisch mit den Aborigines verwandt sind) und die Andamanesen (genetisch mit den Papuas verwandt) vermutet. Erst in einer weiteren Einreisewelle kamen Dravidier, deren bekannteste nachkommen die Tamilen sind.
http://en.wikipedia.org/wiki/Genetic..._of_South_Asia

http://www.biomedcentral.com/1471-2156/5/26

http://www.biomedcentral.com/content...2164-7-151.pdf

http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC1380230/

http://www.pnas.org/content/103/4/843.full

http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/arti...5/?tool=pubmed

http://en.wikipedia.org/wiki/Vedda_people

http://vedda.org/

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Alt 31.08.2010, 19:52   #2
Restitutus
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Wenn man 99% von dem fröhlich ignoriert, was Platon schreibt, ja dann kann man sich natürlich auch solche Ergebnisse herbeibremern.

Ich will dem nur mal entgegen halten, dass die Atlantikküste auch in historischer Zeit äußerst variabel war und gerne mal während einer Sturmflut ganze Landstriche aufgetaucht oder verschwunden sind. Solch ein Mythos könnte durch keltische und massaliotische Vermittler zu Platon gekommen sein. Dann stimmt zumindest die Himmelsrichtung!

Wahrscheinlicher scheint mir aber, dass der ganze Untergang nur ein gelehrtes Konstrukt ist, um Atlantis elegant von der Bildfläche verschwinden zu lassen. Deshalb wird er ja auch nur so oberflächlich und nebensächlich abgehandelt.

Könnte aber auch sein, dass das hier Platons Inspirationsquelle war. Was hältst du denn davon? Zumindest hast du da eine versinkende Insel!
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(André Brahic, französischer Astronom, zum Nutzen der Grundlagenforschung)

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Alt 31.08.2010, 21:22   #3
Atlantologe
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Zitat:
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Wenn man 99% von dem fröhlich ignoriert, was Platon schreibt, ja dann kann man sich natürlich auch solche Ergebnisse herbeibremern.
Entweder schreibe ich so unverständlich oder du erkennst den Punkt nicht, wahrscheinlich Letzteres. Wenn Platon sich die Geschichte ausgedacht hat, kann er nur aus bekannten Elementen gebastelt haben. In der klassischen Antike zu Platons Zeit gab es überdurchschnittlich viele Informationen aus Kleinasien, besonders aber Ägypten und dem Orient, eben weil dort die alten Kulturen saßen. Wenn Platon also Gerüchte über eine untergegangene uralte Kultur gehört hat ("9000 Jahre vor Solon"), dann höchstwahrscheinlich eine betreffend, die in der damaligen kulturellen alten Welt beheimatet war und schon auf ein paar Jahrtausende Entwicklungsgeschichte zurückblicken konnte - vor ihrem Untergang, und das war geologisch, genetisch, klimatologisch und nicht zuletzt archäologisch begründet die Region um das Eritreische Meer. Die Vorläuferkulturen von Harappa und Sumer lagen am Indik, nicht am Atlantik, "vorsintflutliche" Stätten wie Göbekli Tepe, Catalhöyük, Nevali Cöru, Jericho, Nabta Playa und Mehrgarh lagen nicht am Atlantik, sondern im Osten (Nabta Playa im tiefen Süden), alles zu einer Zeit, wo die Mittelmeerleute noch in fellen mit Pfeil und Bogen rumliefen und die "Griechen" noch ein Traum der Proto-Indoeuropäer in Kasachstan waren. Du soltest dich vielleicht mal etwas mit Vorgeschichte befassen, wenn du das getan hast, kannst du gerne so rumbremern. Atlantis war nun mal der falsche Name.

Zitat:
Ich will dem nur mal entgegen halten, dass die Atlantikküste auch in historischer Zeit äußerst variabel war und gerne mal während einer Sturmflut ganze Landstriche aufgetaucht oder verschwunden sind.
Wer bestreitet das denn?

Zitat:
Solch ein Mythos könnte durch keltische und massaliotische Vermittler zu Platon gekommen sein. Dann stimmt zumindest die Himmelsrichtung!
Dummerweise gab es zur Zeit der "Flut" gar keine Kelten, denn die waren, ebenso wie die späteren Griechen, noch ein Traum der Proto-Indoeuropäer in Kasachstan. Wenn Platon sich auf eine wahre Geschichte aus historischer zeit, in der es schon Griechen und Kelten gab, berufen hätte, dann hätte er sein bronzezeitliches Atlantis nicht ins Epipaläolithikum platziert. Und dass die Atlanter von Westen ins Mittelmeer einfielen und nicht von Osten, mag vielleicht daran liegen, dass er sich nicht vorstellen konnte, dass es 5000 Jahre vor seiner Zeit Werften an der östlichen und ägyptischen Mittelmeerküste gegeben haben könnte, denn wenn man im Mittelmeerraum Land gewinnen will, kommt man am besten nicht ausschließlich auf dem Landweg, sondern gleichzeitig auch von See her.

Zitat:
Wahrscheinlicher scheint mir aber, dass der ganze Untergang nur ein gelehrtes Konstrukt ist, um Atlantis elegant von der Bildfläche verschwinden zu lassen. Deshalb wird er ja auch nur so oberflächlich und nebensächlich abgehandelt.
Das sowieso, aber die Sache mit den Fluten - inklusive deukalischer Flut - können nur aus einer Kultur bzw. von einem Volk kommen, das sich mit Fluten bestens auskennt. Platon kannte zwar die Flut, die Helike versenkt hatte, aber die Sintflutlegenden sind nachweislich ein paar Jahrtausende älter.

Zitat:
Könnte aber auch sein, dass das hier Platons Inspirationsquelle war. Was hältst du denn davon? Zumindest hast du da eine versinkende Insel!
In Timaios+Kritias kommt nicht ein einziger Schiffbrüchiger vor. Das Meer spielt nur insoweit eine Rolle, dass es Atlantis versenkt hat, aber keine Schiffe auf dem Meer, allenfalls im Hafen. Daher ja auch der Name Hafenwelle.
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Alt 25.10.2010, 04:47   #4
Bernhard Beier
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Pfeil 'Atlantis' ist kein Name!

Sorry, aber der Titel dieses Threads ist irreführend, bzw. sachlich unrichtig. 'Atlantis' (Άτλαντὶς / Átlantìs) kann weder der richtige noch der falsche "Name" - für was auch immer - sein, denn es ist überhaupt KEIN NAME (das ist übrigens ein sehr weit verbreiteter Irrtum), sondern im Altgriechischen Teil einer BEZEICHNUNG bei zusammengesetzten Begriffen, die im Zusammenhang mit ATLAS bzw. mit dem ATLANTIK stehen - was vermutlich auch jeder Altphilologe bestätigen wird.

Als Adjektiv ins Deutsche übersetzt, bedeutet 'Atlantis' letztlich nichts anderes als "zum Atlas gehörend", oder "atlantisch", und mit dieser Bedeutung taucht das Wort auch erstmals bei Herodot ('Klio' / Historien, Buch I, 202) auf, der es in Zusammenhang mit dem Hauptwort θάλασσα (thálassa = Meer) als geographischen Terminus zur Bezeichnung des Meeres außerhalb der Säulen des Herakles - Ἀτλαντἰς θάλασσα (Átlantìs thálassa = Das Meer des Atlas, Atlantische See) - benutzt hat. Analog dazu verwendete dann später auch Platon den Begriff 'Atlantis' in den Dialogen Timaios und Kritias für eine zusammengesetzte, geographische Bezeichnung, nämlich in Verbindung mit dem Wort νῆσος (nē̂sos = Insel) zur Bezeichnung einer, von ihm beschriebenen, vorzeitlichen Insel im Atlantik (Άτλαντὶς νῆσος / Átlantìs nē̂sos = "Zum Atlas gehörende Insel" - "Atlantische Insel"; lat.: "Atlantis insula").

Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts scheint es auch allgemein üblich gewesen zu sein, korrekt von der "Atlantis insula" (Pauly, 1866) zu reden, aber danach hat es sich im allgemeinen Sprechgebrauch offenbar eingebürgert, nur noch von 'der Atlantis' zu sprechen, und da die meisten Leute nicht in der Lage waren, den Ausdruck etymologisch abzuleiten, kam schließlich die irrige Auffassung auf, bei 'Atlantis' handele es sich um einen Namen. Bezeichnender Weise scheint heute sogar in Vergessenheit geraten zu sein, dass das grammatische Geschlecht von 'Atlantis' Femininum ist. So wird das Genus von Atlantis z.B. bei Wiktionary unzutreffend mit Neutrum angegeben (siehe dort das Stichwort: 'Atlantis'), und da man den Ausdruck dort ebenfalls fälschlicher Weise für einen Eigennamen hält, wird sogar behauptet, es gebe dazu keinen Plural (tatsächlich müsste es heißen: Einzahl = 'Atlantis' / Mehrzahl = 'Atlantiden').

Der explizit geographische Charakter der Bezeichnung 'Atlantis insula' (im Sinne von: 'Atlantik-Insel') ergibt sich jedenfalls nicht nur aus der Analogie zur Verwendung von Ἀτλαντἰς durch Herodot, sondern auch vor dem Hintergrund der 'mythologisierten Erdkunde' der Hellenen, insbesondere was die Gebiete im fernen Westen anging, zu denen es in ihrer Kultur keinen direkten historischen Bezug gab. So wurde z.B. Iberien mit Pluto assoziiert, Nordwestafrika - und das angrenzende Meer - mit Atlas, und diverse Inseln, die sich in diesem Meer befinden sollten, mit Pluto, Proserpina und eben Atlas sowie mit dessen Töchtern, den Atlantiden. Als eine solche, namentlich ungenannte, Atlantide ist eindeutig auch die von Platon beschriebene Insel zu verstehen - und zwar unabhängig davon, ob es sich bei ihr um ein literarisches Kunstprodukt des Philosophen, oder um eine reale, prähistorisch-geographische Entität handelt.

Übrigens:

Zitat:
Zitat von Restitutus Beitrag anzeigen
Könnte aber auch sein, dass das hier Platons Inspirationsquelle war. Was hältst du denn davon? Zumindest hast du da eine versinkende Insel!
Also: Wenn man sich wirklich auf die Suche nach konkreten Inspirationsquellen Platons für seinen Atlantisbericht machen will, dann kommen vermutlich eher Hellanikos von Lesbos und seine 'Atlantias' in Frage. An dem 'Knochen' ist, wie ich annehme, wenigstens etwas 'Fleisch' zum 'abnagen'.
__________________
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Geändert von Bernhard Beier (25.10.2010 um 11:27 Uhr). Grund: Wort vergessen & Tippfehler enfernt!
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Alt 25.10.2010, 09:48   #5
Dieter Bremer
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Zitat:
Als Adjektiv ins Deutsche übersetzt, bedeutet 'Atlantis' letztlich nichts anderes als "zum Atlas gehörend"
Genau so sehe ich das auch.

Und da ein Atlas den Himmel getragen hat, ist das Atlantische Meer als Himmelsmeer durchaus naheliegend. Insbesondere unter dem Gesichtspunkt, dass

1.) in vielen alten Texten vom Himmels- oder Luftmeer berichtet wird und

2.) gerade im Zeitalter Platons (auch unter dem Einfluss der Sophisten) eine zumindest teilweise Abwendung von "Gott" erfolgte und es so durchaus nachvollziehbar wäre, wenn man sich infolge dieser Abwendung von "Gott" auch vom Atlantischen Meer als Himmelsmeer entfernt hat und dieses - ohne "Gott" - auf der Erde versuchte anzusiedeln.
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Alt 25.10.2010, 12:25   #6
Atlantologe
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@BB

Jetzt hast du aber - wahrscheinlich unfreiwillig - eine wunderschöne Erklärung dafür geliefert, warum Atlantis auch aus einem anderen Grund der falsche Name ist, da irreführend, weil kein Eigenname, sondern eigentlich als "zum Atlantik gehörende Insel" meinend. Und da wir wissen, dass es im Atlantik keine Großinsel vom Ausmaß des von Platon beschriebenen Atlantis (mit 212.000 km² allein die Küstenebene so groß wie Großbritannien, die Insel) gegeben haben kann, die dann irgendwie untergegangen sein muss, was geologisch unmöglich ist, ist das ein weiterer Beleg für den utopischen Charakter von Platons Atlantis.

Dies alles berührt nicht meine in Form des Essays vorgestellte Erklärung, warum Atlantis der falsche Name ist. Es kann möglicherweise eine frühe hochstehende Kultur (nicht Hochkultur, allenfalls Proto-) gegeben haben, die durch eine Naturkatastrophe (Überschwemmung) ihr Land verloren hat. Das kann aber nicht im Atlantik der Fall gewesen sein, sondern muss, wenn überhaupt, in einer geologisch aktiven Region gewesen sein. 99% aller Tsunamis werden durch Seebeben verursacht. Auch gab es in jener frühen Zeit vor 10.000 Jahren an den atlantischen Küsten Europas und Afrikas keine Kulturen, die reif dafür waren sich aus Steinzeitverhältnissen zu emanzipieren - im Alten Orient, Indien und Südostasien dagegen schon eher. Dann müsste diese untergegangene Kultur, von dessen Tragik Platon vielleicht das letzte Echo eines Gerüchtes gehört hat, aber nicht Atlantis heißen, sondern "Indis".
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Alt 25.10.2010, 13:47   #7
Restitutus
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Zur Namensfrage gab es schon Diskussionen hier und hier.

Eine Atlantis gab es schon bei Homer; dort ist das ein Spitzname der Kalypso, da sie als Tochter des Atlas gilt (und keineswegs in der Luft hängt, lieber Herr Bremer). Später wurden auch einzelne Plejaden, ebenfalls Töchter des Atlas, als Atlantis bezeichnet, insbesondere die Plejade Maia, wodurch ihr Sohn Hermes den Beinamen Atlantios verpasst bekam.

"Atlantis" als Eigenname, ohne insula, findet sich übrigens schon Plinius VI, 31ff und später bei Aelian XV, 2.
__________________
"Radiokommunikation entstand nicht aus einer Weiterentwicklung der Brieftaube."
(André Brahic, französischer Astronom, zum Nutzen der Grundlagenforschung)
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Alt 25.10.2010, 15:01   #8
Dieter Bremer
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Beiträge: 725
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Zitat:
Zitat von Restitutus Beitrag anzeigen
und keineswegs in der Luft hängt, lieber Herr Bremer
Das ist reine Ansichtssache und ich akzeptiere (im Gegensatz zu Ihnen) die Sichtweise anderer.

Nach einem von mehreren Hinweisen in Wikipedia haben die Töchter des Atlas aber durchaus "in der Luft gehangen":

Zitat:
Nach einer anderen Erzählung nahmen sich alle aus Betrübnis über den Tod ihrer Schwestern, der Hyaden, das Leben, bevor sie in den Himmel erhoben wurden.
Dass sind längst nicht alle Hinweise. In Niederösterreich gibt es - an das ringförmige Atlantis erinnernde - Kreisgrabenanlagen, bei einer ist das Tor so gebaut, dass die aufgehenden Plejaden darin zu sehen sind.

Aber ich will mich hier keineswegs weiter einmischen. Ich wollte nur das Atlantische Meer Platons ins Bewusstsein gerückt sehen in Bezug zum himmeltragenden Atlas und das sich daraus wie von selbst ableitende Himmelsmeer.

Wenn es der heutige Atlantische Ozean aus geologisch nachgewiesenen Gründen nicht sein kann, dann ist das Himmelsmeer des Atlas erster Anwärter auf den Standort von Atlantis, WENN man Platon mit dem Atlantischen Meer WÖRTLICH nimmt.
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Alt 25.10.2010, 15:25   #9
Spöckenkieker
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Beiträge: 1.191
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Zitat:
Άτλαντὶς νῆσος / Átlantìs nē̂sos = "Zum Atlas gehörende Insel" - "Atlantische Insel"; lat.: "Atlantis insula"
Ich kann auf die Schnelle gerade nicht nachschauen und griechisch is schon lange her aber die Deklination von Atlas sollte doch einfach die konsonantische sein?
Dann würde der Genitiv von Atlas, Atlos und nicht Atlantis heisen, das wäre ja ne lateinische Deklination.
Als Adjektiv würde aus Atlas auch nur "atlatoi" werden wenn ich mich jetzt nicht irre.

Mist wo ist Perrti wenn man ihn mal brauch LOL.
Spöckenkieker ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 25.10.2010, 16:03   #10
Frank D
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Registriert seit: 03.11.2007
Beiträge: 893
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Laut Schenkel (bekannter Ägyptologe und Philologe) ist Atlantis ein Lehnwort aus dem Ägyptischen und heißt schlicht "Land ohne Namen"...
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