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Ökonomie - BWL & VWL Disziplinen, die große Probleme mit der wissenschaftlichen Methode haben. Banken, Geldschöpfung, Inflation, Goldstandard, Banking-Theorie

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Alt 18.09.2017, 16:48   #1
basti_79
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Standard Die Finanzmärkte - Versuch einer Definition

In diesem Artikel wird viel über die Finanzmärkte geredet, ohne allerdings genau zu definieren, was überhaupt gemeint ist. Ein bisschen wird die FDP-Gebetsmühle gedreht, dass es ja längst keine freien Märkte mehr gäbe, dass alles unter staatlicher Kontrolle sei und dass es deshalb auch nichts schönes mehr gäbe. Aber im Wesentlichen werden "die Finanzmärkte" als (in der heutigen, spezifischen Form) gegeben dahingestellt, d.h. nicht strukturell hinterfragt.

Die neue Supermacht: Die Finanzmärkte

Das geht ja auch gar nicht. Der Mangel an Kritik folgt auf den Mangel an strukturellem Durchblick. Was meinen wir also mit "die Finanzmärkte"?

In der Wikipedia findet man eine - allerdings recht abstrakte - Definition:

Zitat:
Finanzmarkt ist ein Oberbegriff für alle Märkte, auf denen ein Handel mit Kapital stattfindet. Der Unterschied zum Gütermarkt liegt vor allem in der Zukunftsbezogenheit der erworbenen Rechtsansprüche und darin, dass ausschließlich Geldzahlungen – allenfalls ergänzt durch weitere Rechtsansprüche – getauscht werden. Der Finanzmarkt gliedert sich einerseits in nationale und internationale Finanzmärkte und andererseits, abhängig vom Gegenstand der gehandelten Finanzmittel in:
  • Geldmarkt
  • Kapital- und Kreditmarkt
  • Devisenmarkt
Diese Aufgliederung wird vorgenommen, da auf den verschiedenen Teilmärkten diverse Teilnehmer sowie Marktgegebenheiten vorhanden sind. Finanzmärkte sind somit Märkte, auf denen Kapital in Form von Wertpapieren, unverbrieften Rechten, Zentralbankgeld sowie Darlehens- und Kreditverträgen gehandelt wird[1]. Ein Nachfrager hat auf dem Finanzmarkt die Möglichkeit, sein Geld bzw. Vermögen gewinnbringend anzulegen. Der Anbieter ermöglicht sich durch den Handel am Finanzmarkt die Finanzierung von Investitionen. Finanzmärkte bringen Kapitalanleger und Kapitalgeber direkt oder aber indirekt über Finanzintermediäre zusammen.

Der zweite Satz ist meiner Meinung nach der Kern:


Zitat:
Der Unterschied zum Gütermarkt liegt vor allem in der Zukunftsbezogenheit der erworbenen Rechtsansprüche und darin, dass ausschließlich Geldzahlungen – allenfalls ergänzt durch weitere Rechtsansprüche – getauscht werden.

Das trennt tatsächlich "Finanzmarkt" von "Gütermarkt". Was ein bisschen untergeht ist die Natur des "Arbeitsmarkts". Dort wird ja für (zukünftiges) Geld (zukünftige) Arbeitsleistung versprochen. Nach der obigen Definition wäre der Arbeitsmarkt also ein Finanzmarkt. Im weiteren wird klar, dass solche Geschäfte auf keinen Fall gemeint sind.


Ein wichtiger Sonderfall sind Staatsanleihen (oder allgemeiner: Anleihen von Gebietskörperschaften, etwa "Kommunalobligationen"), weil die Regierung der entsprechenden Körperschaft darauf direkten Einfluss hat. D.h. die Bundesregierung kann theoretisch z.B. entscheiden, Bundesschatzbriefe nur noch teurer als 1% p.A. zu verkaufen.


Eine weitere wichtige Wechselwirkung ergibt sich mit den Banken (Mindestreservesystem, Kapitalmarkt). Diese besteht darin, dass die jeweilige Zentralbank am "Geldhahn" sitzt - mit den Geschäftsbanken direkt davon abhängig. Die Zentralbank kann entscheiden, zu welchem Kurs sich Geschäftsbanken Geld leihen können, und damit auch, welchen Kurs man als Endkunde einer Bank bekommt. Meine Ursprünglich ziemlich harsche Kritik am Verhalten der Banken musste ich mittlerweile teilweise zurücknehmen, da es Banken gibt, die für etwa 2% p.A. Kredit gewähren - natürlich nur, wenn der Kunde nachweist, dass er eine feste Arbeit hat, bei guter Schufa-Bonität usw.


Der Teil der Kritik, der übrig geblieben ist, befasst sich eben damit: Nach den heutigen Regularien ist damit die Hälfte der Bevölkerung von dieser Geldquelle abgeschnitten. Dazu zählen selbstverständlich beispielsweise Kinder. Aber es bleibt eine riesige Schar von Leuten, die nicht die geringste Chance hat, einen Kredit gewährt zu bekommen.



Dazu kommt noch, dass diese (relativ) günstigen Angebote gar nicht allen geläufig sind. Meine Hausbank hängt z.B. seit Jahren (für Verbraucherkredite, nicht z.B. für Immobilienkredite) auf 5-7% fest, was meiner Meinung nach den Tatbestand des Wuchers erfüllt. Leider kenne ich keine Bank, die gleichzeitig halbwegs Service bietet und nicht derart brutal wuchert.


Über das Mindestreservesystem können Endkunden der Banken direkt (wenn auch in geringem Maße) auf den (wichtigen) Geldmarkt Einfluß nehmen.


Wichtig ist auch noch, dass eben diese Endkunden (manchmal höhnisch "Verbraucher" genannt) keine realistische Möglichkeit haben, durch das Finanzsystem zu profitieren. Zinsen und Dividenden (und sonstige Gewinnerwartungen wie z.B. Kursgewinne) sind einfach zu gering. Wenn wir nicht darüber reden, Millionen zu investieren, kann man sich die Mühe sparen.


Ich sehe das einerseits als gesund, als erfolgte Selbstreinigung nach der Finanzkrise 2008. Andererseits ist es natürlich eine bittere Pille für all jene, die nicht schon mit dem goldenen Löffel im Mund auf die Welt gekommen sind. Der einzige Weg aus der Dauerkrise heraus ist meiner Meinung nach konsequente Umverteilung von oben nach unten, und zwar im Laufe der nächsten Jahrzehnte. Dieser Eispanzer des Kapitalismus wird nicht von der Erderwärmung aufgeschmolzen werden. Man wird sich auf das Primat der Politik berufen müssen, und vor allem an den drei "Sine Qua Non" des Faschokapitalismus ansetzen müssen:
  1. Dem "Arbeitsmarkt" mit seinen verfassungswidrigen Gesetzen (die Schulgesetze kann man da übrigens mit dazuzählen, die befassen sich ja ausschließlich damit, junge Leute für den Arbeitsmarkt "vorzubereiten")
  2. Dem "freien Markt" (der Anomie) vor allem der Geld- und Machteliten
  3. Die Geldschöpfung, die heutzutage (beinahe nur) in der Hand von Neoliberalen und von Leuten liegt, die noch nie in ihrem Leben gearbeitet haben. Da gibt es aber den Silbstreif "Kryptowährungen" am Horizont, die zwar noch lange nicht die nötigen Volumina erreichen, die aber zumindest prinizpiell diese Probleme beseitigen können
Meiner Meinung nach sollte man die überlieferten demokratischen Formen verwenden, um die nötigen Änderungen zu erreichen.

Am 24. ist Bundestagswahl. Geht wählen!
__________________
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