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Alt 16.10.2018, 17:29   #1
basti_79
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Standard "Hidden Tribes": Naive Vorstellungen von der UdSSR

Felix von Leitner hat mal wieder Futter bei der Washington Post gefunden:

Zitat:
Die Washington Post hat ein Op-Ed zum Kommunismus und zur Angst. Sie eröffnen mit der Prämisse, dass im Kommunismus das eigentlich Schlimme war, dass du nicht frei sagen konntest, was du denkst, aus Angst vor Spitzeln oder Polizeistaat.
Na gut, mit Ausnahme der Tatsachen dass:
  1. Die Sorge der meisten Leute nicht war, dass sie ihre Meinung nicht hätten frei äußern dürfen, sondern die Befürchtung, dafür (für 8 oder 10 Jahre oder so) ins GULAG zu kommen. Die mit Abstand härteste Strafe in der BRD für ein Äußerungsdelikt der letzten Jahrzehnte waren zwei Jahre Gefängnis für Ursula Haverbeck. Und die ist nur zustande gekommen, weil Haverbeck mehrfach einschlägig vorbestraft ist.
  2. Das gemeinte politische System besser "Stalinismus" genannt werden sollte als "Kommunismus". Kommunistisch war in der betreffenden Zeit nicht viel. Meines Wissens hat spätestens in den 70ern der politische Druck auf die Bevölkerung auch stark nachgelassen, so dass man ab dann nicht einmal mehr von Stalinismus sprechen kann. Ob das die Ursache hatte, dass die UdSSR etwa um diese Zeit "Geopolitisch" (d.h. in den Bereichen "Raumfahrt" und "Nuklearenergie") in den Vorteil kam, würde ich gerne einmal untersuchen.
  3. Wie so oft sich die Frage stellt, warum das Wort "eigentlich" benutzt wird. Es handelt sich um ein "Wieselwort", um ein Füllsel, das zum Ausdruck bringt, dass man die Aussage nicht mit absoluter Sicherheit trifft.
  4. Wenn man von Leitners Kommentar irgendeine Bedeutung beimessen kann, dann diejenige, dass er denkt, dass diejenigen, die er "SJW" zu nennen pflegt, eine vergleichbare Bedeutung zu "Spitzeln" und "Polizei" haben. Das ist wenigstens eine krasse Übertreibung, wenn nicht gar offene Lüge.

Zitat:
Dann kommt das Money Quote:
Until now, perhaps. A new study of political attitudes in the United States offers stunning evidence that most Americans censor themselves, except among people they regard as like-minded, on a bundle of sensitive topics: immigration and immigrants; race and racism; gay, lesbian and gender issues; and Islam and Muslims.
Übersetzung des zitierten Absatzes:

Zitat:
Bis jetzt, vielleicht. Eine neue Studie der politischen Einstellungen in den USA gibt überwältigende Hinweise [offers stunning evidence] darauf, dass die meisten Amerikaner sich selbst zensieren, bis auf vielleicht unter Leuten, die sie in Bezug auf einige sensible Themen [sensitive topics] als ähnlich denkend wie sie selber betrachten: Immigration und Immigranten; Rasse und Rassismus; Schwule, lesbische und Gender-Themen; und Islam und Muslime
Da kann man ja sogar schon mehrere Ebenen des Framing erkennen:
  1. Die Fragen, die gestellt wurden, haben offensichtlich keine Kontrollfragen beinhaltet (Seite 22 der Präsentation, unten verlinkt). Im Gegenteil scheinen wirklich nur so genannte "kontroverse" politische Themen abgefragt worden zu sein. Kontrollfragen wären in diesem Zusammenhang z.B.: "Was ist mehr Wert, Menschenrecht oder der Wille des Präsidenten?", "Würden Sie sich bei einem Raubüberfall lieber mit Gewalt zur Wehr setzen oder lieber fliehen?" - aber auch: "Wieviel Zärtlichkeit haben sie im vergangenen Jahr erfahren?", "Betrachten sie sich als Opfer der Umstände oder als handlungsfähiges Subjekt?" etc.
  2. Es wird das Wort "evidence" verwendet, dessen Übersetzung ins Deutsche eben nicht klar "Beweis" ist, sondern auch "Anhaltspunkt" oder "Hinweis" bedeuten kann.
  3. Wie sollte denn Äußerungsrecht überhaupt umgesetzt werden, außer letztendlich durch "Selbstzensur"? Ist nicht schon der Hinweis, dass man Probleme lieber durch Diskussion lösen sollte als durch Gewalt eine Art von Aufruf zur Selbstzensur? Was wird da überhaupt kritisiert, und wer kritisiert das?
  4. Es wird das Wort "sensitive" verwendet, das zwar eine klare Übersetzung ins Deutsche zulässt, allerdings ein emotionales "Frame" setzt bezüglich der von den Fragestellern ausgewählten Themen.

Zitat:
Wir haben sozusagen Sozialismus nur mit mehr Militarisierung des Polizeistaats, mit zwei Bullshit-Parteien statt einer, mit mehr Produkten im Laden, die aber alle entweder uns oder unsere Umwelt umbringen.
Das ist nun, je nach politischer Blickrichtung, ein klarer Hohn gegenüber den Opfern des politischen Systems der DDR (der will doch nicht ernsthaft z.B. die NVA mit den deutschen Polizeien vergleichen?) oder aber eine Kritik am System der BRD, die man schon seit 1950 anbringen kann. Da kann man mal die Frage stellen, was sich in den letzten 10 Jahren so sehr geändert haben soll, dass letztendlich

Außerdem ist der letzte Gliedsatz ziemlich klar paranoid. Das größte Problem der heutigen "Produktionsweise" (des heutigen politischen Systems) ist, dass zwar alle Arbeiten müssen, aber dafür kein Geld mehr bekommen, und dann auch noch den letzten Dreck essen müssen. Das ist an sich richtig. Die Gesundheitsgefahren liegen aber nicht etwa in der Tüte Milch für 70 ct. (obwohl ja gerade über die von Milch ausgehenden Gefahren im Kontext mit Veganismus lang und breit berichtet wird) oder im Reis für 50 ct. das Kilo, sondern eher in Dingen wie Zigaretten, das billige, aber sparsame Auto, auf das man so stolz ist, und in einem Alltag, der die Menschen schlicht und einfach krank macht. Ich denke, das ist einer Gründe, warum man immer wieder versucht, Veganismus und Systemkritik zu verbinden, und warum das nie so richtig funktioniert: Die Veganer haben im Grunde Recht - aber solange es das doppelte kostet, sich ohne Fleisch richtig zu ernähren, werden die nie einen Fuß auf den Boden bekommen. Und, ja, ich weiß, dass ich da mit dem Wort "richtig" einiges impliziere.

Was dann noch dazukommt ist, dass die gesamte Studie erstmal deskriptiv ist, und jede Form von politischer Beteiligung, vermutlich im Sinne eines Versuchs, "die Ergebnisse nicht zu verfälschen", außer acht lässt. Jetzt muss man natürlich dazusagen, dass das politische System der USA noch weniger partizipativ ist als das der BRD (was ja für sich schon erstaunlich ist). Stattdessen wird unterstellt, Menschen mit nicht ganz rückständigen politischen Ideen wären "progressive Aktivisten" - was ja gelegentlich zutreffen mag, aber es gibt eben auch Leute, die vernünftig denken, nicht aber progressiv, oder gar auch noch Aktivisten wären.

Das zweite grundlegende Problem der Studie ist, dass es sich um eine "Meinungsumfrage" handelt - nicht um einen Versuch, einen guten politischen Kurs zu bestimmen. Das ist an und für sich schon ersichtlich, aber es ist eben Framing, diese Studie so zu präsentieren, als hätte sie gewissermaßen bewiesen, dass wir im Stalinismus leben. Das ist aber der Eindruck, der bei mir entsteht, sowohl, wenn ich FvL lese, als auch, wenn ich die Washington Post lese.

Das kommt am Besten zum Ausdruck in einem der "Fragenbereiche":

Zitat:
– Perceived threat: extent to which people see the world as a dangerous place
Zitat:
– Wahrgenommene Bedrohung: Ausmaß, zu dem Menschen die Welt als einen gefährlichen Ort sehen
Abgesehen davon, dass man mit der Frage: "Was stellt die größere Gefahr dar: Polizeistaat oder Umweltverschmutzung?" vermutlich etwa 90% der angewendeten Skala abdecken würde, geht es hier ja nur um die Frage, was die Menschen sehen, nicht etwa um die Frage, inwiefern die Welt tatsächlich ein für Menschen gefährlicher Ort ist. Da kommt es natürlich auch immer ein bisschen auf subjektive Erfahrungen an. Wenn jemand 99% seines Lebens von Menschen umgeben war, wird er wohl kaum denken, dass es überhaupt Orte gibt, an denen er allein sein könnte, vielleicht sogar schon Angst vor dem Alleinsein entwickeln.

https://blog.fefe.de/?ts=a53b77b6

https://static1.squarespace.com/stat...s_report-2.pdf
__________________
Perfidulo: Ich hatte erst vor, einen Roman darüber [über das verschwundene Mittelalter] zu schreiben.
Groschenjunge: Was ist der Unterschied zum Jetzt?
Perfidulo: Es quasseln nicht dauernd Leute dazwischen.
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Stichworte
äpfel, birnen, framing, politische naivität

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