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Alt 26.10.2014, 15:11   #1
basti_79
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Registriert seit: 18.11.2005
Beiträge: 10.962
Standard Die Sache mit den Zensuren

In dem Thread über die zwei Arten des Wissens tauchte die Frage nach den Zensuren auf. Da ich das Thema für wichtig halte, möchte ich hier einige wesentliche Argumente wiedergeben.
  • Inwertsetzung von Menschen
Schulzensuren dienen zur Begründung von Selektionsmaßnahmen und auch dazu, die Qualität von Schülern darzustellen. Im besseren Fall soll tatsächlich nur die Qualität gewissermassen fachlicher Arbeit gemessen werden, in der Praxis fließen jedoch auch persönliche und soziale Faktoren ein. Schon eine Zensur überhaupt zu geben stellt die Markierung eines Menschen dar.
  • Kopfnoten
Es ist anscheinend sogar innerhalb der Lehrercommunity salient, dass fachliche Leistung allein nicht ausreicht für Zensuren. Seit gefühlt Ewigkeiten wird von Seiten der Lehrer darum gerungen, Zensuren abzusondern, die über soziale Verhältnisse Auskunft geben sollen, die sogenannten "Kopfnoten".
  • gepflegte Statistik
Es scheint ein gegebener Umstand, dass es eben - wie beim Sport - immer nur einen besten geben kann, dass Spitzenleistungen erreicht werden sollen usw. - dass Zensuren damit bestenfalls den Realitätsbezug der Medallie "Held der Arbeit" der DDR haben können, wo man nicht klar unterscheiden kann zwischen "richtig" und "falsch", dürfte auf der Hand liegen.
  • Öffentlichkeit
Es scheint zumindest so, als ob erteilte Zensuren dann in einer zusammengefassten Form, die man Zeugnis nennt, irgendwie einen Ausweis darstellen sollen, Möglichkeiten eröffnen sollen, die ohne ein solches Zeugnis eben verschlossen bleiben. Abseits von der Frage, ob man Menschen überhaupt lebenslang katalogisieren und mit Datenmerkmalen versehen darf oder nicht (darf man in Deutschland nicht, Volkszählungsurteil, inbegriffen in der Personalkennziffer), bleibt das Verhältnis von Zensuren zur Mitteilung an die Öffentlichkeit gespalten. Wird man etwa genötigt, Zensuren mit einem "Arbeitgeber" zu erörtern, könnte man schon sagen, dass eine Art von Öffentlichkeit vorliegt. Das Verbot lebenslager Kennzeichnung wird durch diese Frage jedoch nicht berührt. Selbst die Erhebung "geheimer" (nur den Behörden zugänglicher) Merkmale wird durch das Volkszählungsurteil untersagt.
  • Freiwilligkeit
Wie immer in der Bildungsdebatte spielt hier Freiwilligkeit eine entscheidende Rolle. Ich persönlich habe nichts gegen irgendwelche Zensuren, die auf freiwilliger Basis vergeben werden. Da jedoch Schüler Zwangsmitglieder sind und keine Alternativen zur allgemeinen Verfügung stehen, kann man im Sinne der Diskussion erst einmal davon ausgehen, dass Zensuren, vergleichbar mit Brandzeichen, unfreiwillig vergeben werden, ja sogar davon, dass die Abwesenheit einer Zensur einen Makel darstellt, der nicht wieder gutzumachen ist. In einer Zensur schwingt immer mit: der Schüler war in der Schule und hat sich Widerspruchslos von Beamten mit dem entsprechenden Wissen befüllen lassen. Eine Kategorie "nicht erteilt" oder ähnlich existiert zwar, spielt aber nur eine untergeordnete Rolle.
  • Vorher/Nachher
Ein wesentlicher Teil der Debatte dreht sich anscheinend darum, ob Schüler das Wissen, das sie in einer entsprechenden Prüfung abspulen müssen, von den Lehrern geliefert wird, oder ob es selber (etwa in "Transferleistungen") ermittelt werden kann. Da man Reproduktionsleistungen an Computer auslagern kann und ein Urteil über Transferleistungen immer eine subjektive Note enthalten wird, sind beide Pole ungefähr gleich schlecht geeignet, irgendeine Tauglichkeit festzustellen.


Zusammenfassen möchte ich so, dass ein Nutzen von Zensuren nicht erkennbar scheint. Viele Jahrzehnte Schulbetrieb haben nichts bewirkt außer ein hoffnungslos elitäres Weltbild zu fixieren und gegen Argumente zu immunisieren. Dergleichen war zu erwarten, trotzdem ist der Zustand mangelhaft und gehört dringend verändert.
__________________
Perfidulo: Ich hatte erst vor, einen Roman darüber [über das verschwundene Mittelalter] zu schreiben.
Groschenjunge: Was ist der Unterschied zum Jetzt?
Perfidulo: Es quasseln nicht dauernd Leute dazwischen.
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