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Alt 29.03.2018, 15:19   #1
basti_79
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Standard Wie man Aussagen verzerrt

Wer schon immer einmal wissen wollte, wie man Aussagen so verzerrt, dass der Sinn vollkommen entstellt wird, findet derzeit überall wahre Reichtümer. Ausgangspunkt ist dieser Artikel bei Telepolis:

https://www.heise.de/tp/features/Bei...o-4005704.html

Auffällig: Es geht um Antidepressiva - also eine Substanzgruppe, die bei der ätiologisch unklaren Diagnose "Depression" eingesetzt wird. Wobei man noch dazu sagen sollte, dass diverse Ursachen bekannt sind - dass jedoch der letzte verbleibende Schluss: "Viele Diagnosen von Depression sind ursächlich einer toxischen sozialen Umgebung des Patienten zuzuschreiben" ausbleibt, weil man so auch in Frage stellen müsste, ob "das System", das viele Leute tatsächlich in eine ausweglose Lage bringt (eine wichtige subjektive Ursache für Depressionen), nicht vielleicht sehr häufig die Ursache wäre.

Bei Depressionen hat man es mit einer Krankheit zu tun, für die es im System notwendig keine Therapie gibt. Gäbe es wirksame Therapien, würden die auch darauf hinauslaufen, dass man Menschen z.B. aus ausweglosen ökonomischen Situationen (etwa: Zeitarbeit oder andere Lohnsklaverei) befreit. Auch darauf, dass man schädliche soziale Situationen (Abhängigkeit von Psychopathen z.B.) irgendwie eindämmen könnte. Die heutige "Wattebausch-Psychiatrie", in der man selbst mit Krankschreibungen noch geizt (Arbeit macht eben frei), kann dergleichen natürlich nicht leisten.

Zitat:
Zitat von Hengartner
Zudem verbessert Psychotherapie auch das soziale Funktionsniveau der Patienten, was Medikamente nicht können.
An der Stelle wäre es interessant, zu erfahren, was genau "das soziale Funktionsniveau" ist, und wie es erhoben wird. Wahrscheinlich spielen disziplinierte Lohnarbeit, auf "lebenslänglich" angelegte Aufrechterhaltung auch höchst problematischer Beziehungen, Glauben in die Güte und die Kompetenz der Regierungen letztendlich tragende Rollen.

Felix von Leitner kommentiert diesen Artikel wie folgt:

Zitat:
Wusstet ihr, dass bei Pharma-Studien "Patienten mit starker Placebo-Reaktion oftmals ausgeschlossen werden"?

Ich auch nicht! Aber anscheinend lässt sich anders bei kaum einem Medikament noch Wirksamkeit größer Placebo nachweisen. Das ist ja mal krass.

Oh, und:

Bei den Wirksamkeitsstudien der Medikamente gebe es systematische Verzerrungen bei der Placebo-Kontrolle. Beispiele sind, dass Patienten mit starker Placebo-Reaktion oftmals ausgeschlossen werden und viele Patienten sowie Forscher aufgrund der gemeldeten Nebenwirkungen erraten könnten, wer Placebo bekam und wer den Wirkstoff. Außerdem seien schwerwiegende Nebenwirkungen unterschlagen oder so umformuliert worden, dass die Antidepressiva in einem besseren Licht dastehen. Ein allgemeines Problem seien die finanziellen Verstrickungen vieler Forscher mit der Pharmaindustrie.
Das ist natürlich bei einer Doppelblindstudie nicht vorteilhaft, wenn Patienten oder Ärzte erkennen können, in welcher Gruppe ein Patient ist.
  1. Verzerrt er da die Aussage der Studie, die sich ausdrücklich auf Antidepressiva bezieht, eindeutig. Die Aussage lässt sich nicht z.B. auf Antibiotika oder Blutdrucksenker übertragen - der Eindruck soll aber anscheinend entstehen
  2. Ist das gemeinte Vorgehen auch schlüssig, wenn man weiß, dass es einen entsprechend starken Placeboeffekt bei manchen Patienten gibt. Selbst bei den ohnehin problematischen Antidepressiva
  3. Geht er ins Extrem: den gemeinten Antidepressiva wird eine 10%-ige Wirkung nachgewiesen - bzw., dass sich 90% der Wirkung auf Placebo-Effekte zurückführen lassen. Das ist immer noch 10% mehr als "gar keine Wirkung", und "lässt sich nicht unterscheiden" ist auch eine andere Aussage.
  4. Bewirken die genannten Phänomene ("finanzielle Verstrickungen", mangelnde Verblindung etc.) in der Summe wahrscheinlich wenig - was wohl für viele Menschen ein Grund ist, die Glaubwürdigkeit der evidenzbasierten Medizin (im Artikel ein Link, bei Fefe keiner...) zu unterminieren - um den zweifellos vorhandenen Placeboeffekten etwas entgegenzusetzen

Wohlmeinend könnte man unterstellen, Fefe will nur letzteres erreichen - sein Kommentar lässt diesen Schluss aber nicht zweifellos zu. Er bewirkt, dass Zweifel bezüglich der "Schulmedizin" auftreten, nicht etwa nur gegenüber Antidepressiva oder Psychiatrie im Allgemeinen. Diese sind vielleicht berechtigt, und sollten auf jeden Fall Gegenstand der öffentlichen Diskussion werden - aber doch nicht so!
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Alt 30.03.2018, 14:46   #2
basti_79
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Jetzt hat er immerhin meinen Versuch, das Geschriebene richtig zu stellen, veröffentlicht. Danke, Fefe!

https://blog.fefe.de/?ts=a443ff59
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antidepressiva, placebo

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