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Fake News Vorsätzliche Falschmeldungen, Umgang damit auf politischer und zwischenmenschlicher Ebene

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Alt 21.08.2018, 09:51   #1
perfidulo
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Standard Der Hoax vom Waldsterben

Der Zusammenhang mit der Klimadebatte ist nicht von der Hand zu weisen.
Zitat:
Mit einer Publikation von 1979 zur “Deposition von Luftverunreinigungen und ihre Auswirkungen in Waldökosystemen im Solling” etablierte der Forstwissenschaftler Bernhard Ulrich (1926 – 2015) schließlich die Annahme eines Zusammenhangs zwischen Abgasen – vor allem Schwefel – und einem vermeintlich drohenden Zusammenbruch des gesamten “Waldökosystems”. Obwohl es sich dabei zunächst nur um eine Hypothese auf noch dünner, empirischer Grundlage handelte, schlossen sich ihm Förster und andere Wissenschaftler, Studierende, aber vor allem eben auch große Teile der Umweltbewegung an. Dass “noch nicht alle wissenschaftlichen Fragen beantwortet” seien, wurde dabei durchaus anerkannt, doch im Sinne eines “Vorsorgeprinzips” erschien jedes Abwarten als letztlich geldgieriges Taktieren. Das Narrativ vom “Sterben” des Waldes und – dann notwendig – Menschen wurde so zur Zuspitzung des Zusammenpralls aus neuen Umweltprotesten und etablierter Energie- und Wirtschaftspolitik. Teile der Industrie versuchten noch – erfolglos – mit einem Gegengutachten eines Physikers und eines Juristen die Erzählung anzufechten, doch mehr und mehr Medien griffen sie auf. Metzger gelingt dabei der Nachweis, dass es eben nicht nur der (inzwischen dazu gemäßigt selbstkritische) SPIEGEL von 1981 war, sondern dass es schon davor eine Vielzahl von Berichten in lokalen wie auch überregionalen Berichten (wie der Süddeutschen Zeitung) gegeben hatte. Der SPIEGEL griff sozusagen erfolgreich auf, was bereits in der Luft lag…

Aus einem Kommentar zur Dissertation vonBirgit Metzger in Spektrum.


Zitat:
Aus religionswissenschaftlicher Sicht ist dabei interessant, dass sich zwei Merkmale von Mythen (gegenüber Theorien) auch hier durchsetzten: So wurde 1. die Überprüfbarkeit des Waldsterbens (als These) faktisch ausgehebelt. Journalisten, Politiker, aber auch Abertausende Bürgerinnen und Bürger strömten in die Wälder, um sich unter der Anleitung von Forstfachleuten – nicht selten gar auf eigenen Waldsterben-Lehrpfaden – vom Waldsterben zu überzeugen. Schwache, kranke und sterbende Bäume wurden dabei als offensichtliche Hinweise auf das Waldsterben gedeutet. Aber auch “scheinbar” gesunde Forste dienten als Demonstration dazu, wie “schleichend” das Sterben voranging, oder dass die Pflanzen sich in verzweifelter “Notblüte” übten!



[....]

Fazit
Die Dissertation von Birgit Metzger ist mehr als nur ein Stück Kultur- und Umweltpolitikgeschichte. Hier finden wir bemerkenswerte Entdeckungen zu vielen Themen, die auch heute noch diskutiert werden – beispielsweise zu der Rolle von Medien, Wissenschaftlern (samt “Skeptikern” und “Leugnern”) und diverser Lobbygruppen, zum Mit- und Gegeneinander von “Staatseliten” und “Zivilgesellschaft” und zum Aufkommen populistischer Bewegungen, die mit Warnungen vor vermeintlich drohenden Katastrophen und dem Anspruch absoluter Wahrheiten die “Systemparteien” herausfordern. Auch am Beginn des 21. Jahrhunderts haben sich ja kleine und große, alte und neue Medien mächtig an der Angstmache um eine vermeintliche “Islamisierung” beteiligt (man denke auch an die Ankündigungen und Vorababdrucke des pseudo-wissenschaftlichen “Deutschland schafft sich ab” (2010) von Thilo Sarrazin (SPD) in BILD und SPIEGEL) – die uns wahrscheinlich 2040 mindestens ebenso absurd erscheinen wird wie Heutigen die damaligen Titel zum “Waldsterben”.
Zugleich zeigt Metzger jedoch überzeugend auf, dass keine finsteren Superverschwörer diese Erregungswellen kontrollieren, sondern dass sie in einem komplexen Zusammenspiel zwischen Wissenschaft, Politik und Medien entstehen und letztlich von der Nachfrage der Bürgerinnen und Bürger selbst getrieben werden. Wie schon im Karlsruher Medienethik-Seminar selbst wage ich die These zu verstärken, dass Menschen als evolvierte “Homo religiosus” eben auch nach Mythen, Sinn und Gemeinschaft hungern und dabei auch dazu neigen, sich die Welt durch apokalyptische Katastrophenszenarien, Verschwörungserzählungen und Feindbilder “bedeutungsvoller” zu gestalten. Auch vermeintlich säkulare und wohlhabende Menschen leben häufig lieber in einer Welt vermeintlich kosmischer Konflikte, gefühlter Angstlust und heldenhafter Rettungsaktionen als in ihrem eigentlichen, häufig leider langweiligen Alltag. Entsprechend möchte ich Metzgers Arbeit “Erst stirbt der Wald, dann Du” ausdrücklich auch Kolleginnen und Kollegen aus der Religions- und Geschichtswissenschaft, den Theologien, Philosophien und der Politikwissenschaft empfehlen. Denn in diesem wunderbar interdisziplinären Werk finden Sie viele verblüffende Entdeckungen – und nicht weniger Möglichkeiten zu neuen, faszinierenden Fragen!

__________________
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Alt 21.08.2018, 10:25   #2
basti_79
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Registriert seit: 18.11.2005
Beiträge: 10.689
Standard

Die Sache ist kompliziert.

Zitat:
Zwar wurde das Waldsterben von einigen Kritikern als reines Medienphänomen betrachtet, welches ein übertriebenes, apokalyptisches Szenario heraufbeschworen und Alarmismus ausgelöst hätte.

Unter Verweis auf tatsächlich zu beobachtende Waldschäden sei das „Waldsterben“ aber ebenso nicht als ein bloßes Medienphänomen im Sinne eines radikalen Konstruktivismus zu deuten.
https://de.wikipedia.org/wiki/Waldsterben
__________________
Perfidulo: Ich hatte erst vor, einen Roman darüber [über das verschwundene Mittelalter] zu schreiben.
Groschenjunge: Was ist der Unterschied zum Jetzt?
Perfidulo: Es quasseln nicht dauernd Leute dazwischen.
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