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Verschwörungstheorien Bilderberger, New World Order, Schattenregierungen, Weltregierung oder gar Weltdiktatur?

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Alt 01.10.2014, 19:13   #1
basti_79
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Standard Verschwörungstheorien

Ich frage mich immer wieder, warum Verschwörungstheorien so großen Erfolg haben, warum sie weitererzählt werden, trotzdem ihre Erklärungskraft eigentlich ziemlich gering ist. Ich verstehe hier unter Verschwörungstheorien solche, die zunächst anscheinend Unwahr sind. Das Celler Loch oder die Invasion in der Schweinebucht sind wahr. Trotzdem sie verschwörerische Anteile hatten, sind die deswegen in meinem Sinne keine Verschwörungstheorien.

Jeder weiß, dass jeder sowohl für als auch gegen eine Sache reden kann. Ich denke, das ist bei einer Natursprache (also bei einer, die Menschen zur Kommunikation verwenden) gegeben. Sprachen, die diese Möglichkeit nicht geben, wären irgendwie unvollständig. Was würden wir denn davon halten, wenn wir meinetwegen zum Neubau der Autobahnbrücke rein gar nichts sagen könnten, wenn dieser schon feststünde, nicht in Frage gestellt werden kann? Wahrscheinlich würden wir uns ziemlich veräppelt vorkommen.

Die Extremform einer kontroversen Debatte ist die Sophisterei. Manchmal bemerkt man, dass es den Rednern nicht nur um die Darstellung einer Aussage geht, sondern vor allem um die Debatte an sich. Von aussen sieht das dann aus, als ob zwei Menschen miteinander streiten, und sich weder annähern noch irgendwie erreichen.

Das ist wohl auch der Grund dafür, warum Debatten manchmal zeitlich begrenzt werden, oder von den Zuhörern verweigert. Oder dass manch einer sich sogar der Möglichkeit, zu reden verweigert.

Gerade dort scheinen Verschwörungstheorien anzugreifen. Zum einen sind die zugehörigen Debatten meist atemberaubend lang, bestes Beispiel sind die hiesigen Mittelalter-Threads. Allein, um sich da einzulesen, würde man ziemlich lang brauchen. Zum anderen sind die Inhalte meist wenig beeindruckend. Meistens handelt es sich formal um Indizienprozesse. 20 Fakten werden gennant, der Leser muss "verbinde die Punkte" spielen, und am Ende kommt dann meist ein recht einfaches Weltbild zum Vorschein.

Da sind dann eben die Amerikaner Schuld. An allem. Oder die Russen. Oder sonstwer. Hauptsache nicht man selber. Zum einen deckt man ja die Verschwörung auf, zum anderen hätte man von vornherein die besseren Ideen gehabt. Gerade dort wird es aber meistens dünn. Selbst, wo noch Realitätsbezug vorhanden ist, etwa bei der Frage, warum denn am 11.9.2001 nicht die Abfangjäger gestartet wurden (das kam zu spät), oder bei der, wie es denn zum Attentat auf das Oktoberfest überhaupt kommen konnte, Vorschläge, wie man solche Vorkommnisse verhindern könnte, finden sich meistens nicht. Sie erschöpfen sich meist in "ohne die Verschwörung wäre alles viel besser gewesen".

Das ist ja sogar so. Die Frage nach der Funktion und den Mechanismen von Verschwörungstheorien bleibt. Neben der Tatsache, dass viele davon voll sind mit Unsinn, also so grobschlächtig, dass nur ein Bruchteil der Menschheit überhaupt sich davon überzeugen lassen kann - schlicht, weil wahrscheinlich oft das eigene Wissen ausreicht, den Unsinn zu erkennen - die Zielgruppe ist also ziemlich eng, ist ja die Wirkung auf die Realität überschaubar. Meistens beschränkt sie sich darauf, einige Leute zu fanatisieren, die dann versuchen, die VT weiterzugeben. Das funktioniert nur bedingt. Traurige Fälle, in denen dahinter Strukturen stehen, die denen einer Psychosekte ähneln, mal aussen vor: nirgendwo sonst findet man Leute, die sich aufs "daneben liegen" spezialisieren.

Außer vielleicht in religiösen Gemeinschaften. Ganz abstrakt betrachtet, ähneln sich da viele Argumente. Es ist Unsinn, ich muss aber daran glauben. Es ist so angeordnet worden. Es wird andere Menschen befreien. Bruchstücke von typischen religiösen Inhalten finden sich in wohl jeder VT. Ausgehend von der Memetik würde sich sagen, dass das selbstverständlich ist. Defiziente Meme (die etwa die in sie gesetzten Erwartungen nicht erfüllen können - die meisten Religionen versprechen den Frieden, die wenigsten bringen ihn) werden sich nur dann durchsetzen können, wenn sie andere selektionsvorteile Mitbringen, etwa das Missionsgen oder das "die Wahrheit"-Gen.

Der Unterschied zu in sich widerspruchsfreien Gedankengebilden (oder zu solchen, die Widersprüche verdrängen) ist unverkennbar. Es ist ein emotionaler Anspruch, den Verschwörungstheorien bedienen: Auch Du darfst die Wahrheit kennen, auch Du darfst sie (gegen Widerspruch sogar) verbreiten. Es ist ja die Wahrheit. Innerlich besteht ausser diesem emotionalen Zusammenhang wenig, meist handelt es sich um ein Mosaik aus verschiedenen Gedanken, die nicht so recht zueinander passen wollen.

Der immer noch wichtigste Weg, etwa den 9/11-Truthern zu begegnen, besteht darin, sie aufzufordern, eine Alternative zu schildern, also einen Hergang, eine Zeitlinie, die dieselben Dinge beschreibt wie "die offizielle Variante", aber eben so, dass sich ein verschwörerischer Nebensinn ergibt.

Daran scheitert man meist. Das ist kein Wunder. Es handelt sich um eine ziemlich komplexe Aufgabe, die auch noch etwas, gewissermassen schriftstellerisches, Talent verlangt. "Die offizielle Variante" braucht sich daran gar nicht messen lassen. Es ist selbstverständlich, dass es da nur einen Ablauf gegeben haben kann, dass man sich über die Motive der handelnden zurückhalten wird, dass auch ein eher katalogartiges Protokoll ausreichen muss usw. - eine Verschwörungstheorie, die dagegen anstinken will, hätte es nicht leicht.

Die Form, in der "die offizielle Variante" präsentiert wird, macht es gezielt leicht, darin Fehler zu finden und zu benennen. Da man sie nur so wird korrigieren können. Das führt natürlich dazu, dass bald alle nachweisbaren Fehler verschwunden sind, und das Ergebnis eine zwar nicht besonders unterhaltsame, aber immerhin doch nützliche Form angenommen hat.

Eine Verschwörungstheorie, die so präsentiert würde, hätte es sehr schwer. Leute würden sie so zerpflücken, wie man es mit der offiziellen Version tun kann, wenn es dann da etwas zu pflücken gibt. Nur, dass Verschwörungstheorien halt nicht so schön einfach zusammenpassen. Alles muss da gewollt sein, Teleologisch, erzählt, in Kontext gesetzt, damit man den Sinn überhaupt erkennen kann. Dieser Satz etwa:

"Die Flugzeuge waren in Wirklichkeit Hologramme"

ergibt nur in diesem speziellen Kontext überhaupt Sinn. Zusatinformationen (etwa, wer dieses Hologramm wie hätte projizieren können, wie Flugzeugtrümmer gefunden werden konnten, wie man einen Unterschied erkennen könnte) fehlen. In den offiziellen Schilderungen steht dagegen etwas wie:

"Mohammed Atta geht um 7:10 an Bord des Flugzeugs, das den Flug AA 77 bedienen soll"

Sicher, ohne weiteren Zusammenhang bleibt das auch trocken, aber zumindest kann man dem Satz formal einen Platz im Leben zuweisen. Man könnte feststellen, ob es einen Menschen gab, der so hieß, ob es das Flugzeug gab usw. - all das fehlt bei so einer Behauptung wie der ersten. Noch schlimmer, die Notwendigkeit, so präzis zu werden, so explizit, wie im zweiten Beispiel, scheint Verschwörungstheoretikern vollkommen abzugehen.

Das scheint Methode zu haben. Diese besondere Art des Ausdrucks bewirkt, dass das geäußerte auf eine bestimmte Art der Realität enthoben wird. In einer normalen Sprechsituation wird es schon schwer, das erste Beispiel in Frage zu stellen. Leute, die so etwas sagen, kann man normalerweise so gar nicht konfrontieren. Dessen verweigert man sich da einfach.

Ich nehme inzwischen an, dass Verschwörungstheorien gewissermassen das Spiegelbild darstellen zu einer hochamtlichen Verlautbarungen. Anscheinend ist es Leuten intuitiv ersichtlich, dass man alles in Frage stellen kann, und dass es manchmal ganz schön nützlich ist, etwas in Frage zu stellen.

Wenn der Verschwörungstheoretiker nämlich einmal, wider erwarten, Recht haben sollte, dann gebührt ihm die Ehre, als derjenige zu gelten, der die Wahrheit zuerst verkündet hat. Das erklärt dann auch diese Strategie der Streuung. Getreu dem Motto "auch ein Blindes Huhn findet einmal ein Korn" machen Verschwörungstheorien oft einen breit gefächerten, etwas beliebigen Eindruck. Als ob da jemand nicht genug hätte bekommen können. Wenn nur das Ergebnis konsistent ist mit einer Sprengung des WTC, ist jedes Mittel Recht. Innere Widersprüche spielen keine Rolle.

Und praktischerweise kann man dann auch gleich ein (in der Praxis wohl so gut wie immer negatives) Werturteil über irgendwelche Menschen fällen. Die Regierung der USA, die Leute sind einfach das letzte - oder sowas. Das passt dann wieder zum Anspruch, es selber nicht besser machen zu müssen oder gar zu können, zum "einsamer Rufer in der Wüste"-Bild. Dass bis hierher durchaus kontrovers diskutiert wurde, unter welchen Umständen man möglicherweise ein Passagierflugzeug abschiessen dürfte, scheint diese Leute nur wenig tangiert zu haben. Es geht eben "nur" um Emotionen, nur um das eigene Recht. Ich setze das "nur" in Anführungszeichen. Anscheinend ist da ja ein Bedarf, den die Institutionen (Kirchen, Behörden usw.) nicht erfüllen können oder wollen. Was man aber als notwendig verstehen kann.

Das halte ich für traurig. Ich selber versuche, mich nicht von meinen eigenen Emotionen blenden zu lassen. Man kann manchmal sehen, wie schwer mir das fällt. Zumal einige Verschwörungstheoretiker nichts anderes im Sinn haben, als etwa einen Antisemitismus zu verbreiten unter dem Deckmantel der Aufklärung. In solchen Fällen geschieht das offensichtlich bewußt, wird gezielt ein solcher Gedanke in eine Verschwörungstheorie eingewoben. Wohl, weil das ab und zu sogar funktioniert.

Ich finde das furchtbar und schlüssig zugleich. Wohl schon immer wurde durch die Verbreitung "unwahrer" Geschichten (denkt nur an Märchen, Legenden, Mythen usw.) Kultur vermittelt, wurden Gedanken kommuniziert, die sich anscheinend der Aussprache entziehen. Die Frage "glaubst Du an Märchen?" ergibt in meinem Umfeld nur übertragen Sinn. Märchen bekommt man als Kind vorgelesen. Sie sind nicht im wörtlichen Sinne wahr. Trotzdem bleiben sie im Gedächtnis und bilden einen Teil meines kulturellen Erbes.

Kürzlich hat mir zum Beispiel jemand (wohl aus dem Neuheidnischen Kontext heraus) eröffnet, dass er "Frau Holle" mit einer vorgeschichtlichen Gottheit (!) identifiziere. Darüber kann ich einfach nichts sagen, erstens sind durchaus denkbare Vorgängermythen verschwunden, zweitens kenne ich deswegen keinen Weg, darüber die Wahrheit zu erfahren. Das ist irgendwie schade darum, aber andererseits denke ich, dass das ja wohl auch egal ist und dass das Endprodukt eines solchen Gedankens höchstens eine Religion sein könnte.

Religionen haben wir hier aber schon mehr als genug. Ich möchte davon abraten, Gedanken zu pflegen, die zur Enstehung weiterer führen. Selbst eine urgermanische religiöse Vorstellung geht mir als Bestandteil der autochtonen Bevölkerung nicht weniger auf den Keks als jede beliebige christliche, nur um ein Bespiel zu nennen. Das ist ja ganz klar ein genetisches Argument: wir bräuchten hier eben "unsere eigene" Religion, und die soll so nah wie möglich an der Ursprünglichen sein. Oder an der als Ursprünglich wahrgenommen. Meines Wissens haben Neuheiden von der hiesigen Antike ungefähr so viel Ahnung wie ich davon, wie man eine Katze brät. Gar keine also.

Solcherlei deformierte Argumentation scheint sowohl Religionen als auch Verschwörungstheorien wesentlich zu sein. Ohne die Möglichkeit solcher Argumentation gäbe es wohl beides nicht. Da sag ich dann immer, wenn's den Leuten Spaß macht und niemandem schadet: nur zu. Die Grenze zwischen harmlosem Hobby und schädlicher Agitation ist aber gerade bei solchen Formen der Argumentation schnell überschritten. Also meine persönliche, im Sinne des Selbstschutzes wie in dem des Abwendens von Unheil. Manchmal fasse ich mir, gelinde gesagt, einfach öffentlich an den Kopf. Danke für die Aufmerksamkeit.

https://www.youtube.com/watch?v=D-x0KRfF_Is
https://www.youtube.com/watch?v=6RI9wVgOO1s
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Perfidulo: Ich hatte erst vor, einen Roman darüber [über das verschwundene Mittelalter] zu schreiben.
Groschenjunge: Was ist der Unterschied zum Jetzt?
Perfidulo: Es quasseln nicht dauernd Leute dazwischen.
basti_79 ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 03.10.2014, 17:03   #2
Lawrence P. W.
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Da sprichst du viel Wahres, gerade Unwahrheit und Wahrheit sind nicht leicht zu differieren.
Auch hier gibt es ja ziemlich "durchvernagelte" VT - Vor allem ab Seite 5...
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Letztendlich muss jeder Atheist dran glauben
Der Glaube ist eine Realität von den Dingen, die wir hoffen.
Nietzsche "Gott ist tot" ............................................ Gott "Nietzsche ist tot"
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Alt 08.10.2014, 17:11   #3
basti_79
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Woran magst Du denn festmachen, ob es sich bei irgendeinem Gedankengebäude um eine Verschwörungstheorie handelt?
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Alt 12.10.2014, 15:09   #4
perfidulo
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Dazu einen Hinweis an anderer Stelle.

Hätte auch hier gepaßt.

http://forum.grenzwissen.de/showpost...6&postcount=70

Zitat:
Front Psychol. 2013 Jul 8;4:409. doi: 10.3389/fpsyg.2013.00409. eCollection 2013.
"What about building 7?" A social psychological study of online discussion of 9/11 conspiracy theories.
__________________
Vor jeder Antwort beachten: Ich bin kein Adept der Fantomzeit!
perfidulo ist offline   Mit Zitat antworten
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