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Fake News Vorsätzliche Falschmeldungen, Umgang damit auf politischer und zwischenmenschlicher Ebene

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Alt 24.07.2018, 09:26   #1
perfidulo
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Standard Kriegsschuldlüge - VT/Hoax vom Feinsten

Es jährt sich zum 100 Mal die Zeit, in der die sogenannte "Kriegsschuldlüge" in die Welt gesetzt wurde, die das politische und wirtschaftliche Leben in den 1920er Jahren geprägt hat und letzlich dem Faschismus den Weg bereitet hat. Das von dem Machern nicht so nicht geplant und auch nicht vorhersehbar, aber so kann es gehen.


Im Sommer 1918 musste für die Oberste Heeresleitung (OHL) eingestehen, dass der Grosse Krieg, der später der "Erste Weltkrieg" genannt wurde, "im Feld" nicht zu gewinnen war. Es gab Verzweiflungsaktionen, wie die Bombardierung von London mit Zeppelinen oder der uneingeschränkte U-Boot-Krieg. Das führte aber nur zum Kriegseintritt der USA mit nahezu unbeschränkten Ressourcen.
Die OHL drängte auf Friedensverhandlungen, allerdings mit ziemlich unrealistischen Forderungen, aber immerhin.
Gleichzeitig wurde die Fiktion auf den Weg gebracht, dass das "Heer im Felde unbesiegt" sei und es wurde alles in die Wege geleitet, die Schuld den Sozialdemokraten (stellvertretend für die Zivilgesellschaft) in die Schuhe zu schieben.
Die Sozialdemokraten (Ebert, Scheidemann) machten begeistet mit, weil sie endlich gebraucht wurden, nachdem sie Jahrzehntelang als Parias behandelt wurden. Mit den "Sozialistengesetzen" waren sie einst sogar vieler legaler Wirkungsmöglichkeiten beraubt worden und hatten eine raffinierte Untergrundagitation entwickelt.
Nun sollten sie für die Ergebnisse der Waffenstillstandsverhandlungen gradestehen.

Das Militär und die Adelskaste, die nachweislich für den Krieg verantwortlich war, sollten ungeschoren davonkommen und ihre Privilegien retten. Die Sozialdemokraten hätten am liebsten sogar den Kaiser behalten, der aber unter seinen eigenen Leuten als nicht mehr haltbar betrachtet wurde. Aber einen Thronverzicht lehnte er starrköpfig ab. So wurde auf höchster Ebene geputscht und er rauschte schmollend mit seinem Sonderzug vom belgischen Spa (besetzt) in die freien Niederlande.
In Berlin und im ganzen Reich war die Freude gross. Schon seit Monaten gab Streiks und Demonstrationen für den Frieden und um Brot, die mit brutaler Gewalt unterdrückt worden waren.
Jetzt wurden Arbeiter- und Soldatenräte gegründet um den Laden selbst zu übernehmen und gerechter zu organisieren.
Das war den nun regierenden Sozialdemokraten ein Dorn im Auge. Über eine geheime Telefonleitung verständigte sich der neue Reichskanzler Ebert mit der OHL über die Bekämpfung der Anarchie. Die nun freigewordenen Kapazitäten der Reichswehr (es war ja Waffenstillstand) konnten zur Bekämpfung der "Aufständischen" eingesetzt werden. Diese "Anarchisten" waren meist wackere Sozialdemokraten, die glaubten endlich das tun zu dürfen, wovon sie jahrelang geträumt hatten. Der Sozialdemokrat Noske bediente sich rechter Freikorps, die unter anderem Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht umbrachten, was nie gesühnt wurde.
So konnte die "alte Ordnung" mit ein paar Konzessionen (Frauenwahlrecht) gerettet werden und die Hetze gegen die "Linken", die Schuld an Deutschlands Elend waren, beginnen.
Es waren schwere Jahre, woran auch die ungeheuerlichen Forderungen der Sieger schuld waren. Teile von Deutschland (Ruhrgebiet) waren besetzt.
Trotz vieler Versuche pazifistische gesinnter Kräfte in allen Ländern konnte kein Gefühl des Friedens aufkommen. Deutschland musste stark sein und sich militärisch gegen die böse Welt drumherum verteidigen.
Diese Ideologie, die im Bürgertum verankert war, ebnete den Nationalsozialisten den Weg. Gegen alles "linke", die "Vaterlandsverrräter" konnte hemmungslos gehetzt werden. Dazu hatte sich in Russland der Kommunismus etabliert, der angeblich auch expansive Gelüste hatte und Deutschland von Osten bedrohte, so dass jeder Kommunist als Agent Moskaus diffaniert werden konnte. Also als Landesverräter, worauf die Todesstrafe stehen sollte.
Die Fiktion, die von der OHL im Herbst 1918 in die Welt gesetzt worden war, zeigte Wirkung.
Doch statt gemeinsam gegen die Feinde der Demokratie von rechts zu kämpfen, zankten sich Sozialdemokraten und Kommunisten. Die Stigmatisierung, den Krieg verloren zu haben, wo man doch gerade kurz vor dem Sieg an allen Fronten gewesen sei, bleib. Eine Flut von Schriften mit dieser Tendenz wurde veröffentlicht und wird von den Rechten heute noch für bare Münze genommen. Kriegskritische Bücher (dazu kamen zunehmend Filme) wurden unterdrückt und verboten.
Man sollte 100 Jahre danach sich daran erinnern, wie eine infame Lüge die Weltgeschichte beeinflusst hat.
Im nachhinein ist es leicht zu sagen, das hätte man unterbinden können. Etwa durch konsequente Abrüstung, Abschaffung der Reichswehr, Enteignung des Adels, Nationalisierung der Grundstoffindustie. Das wurde alles vorgeschlagen. Die Fürstenenteignung scheiterte knapp.
Aber die rechten Sozialdemokraten glaubten, die alten Mächte als Garanten gegen die "Anarchie" zu brauchen.
Nur in einem gab es bescheidene Fortschritte: Die Kirche, die Waffen gesegnet hatte, wurde vom Staat getrennt. Sie behielt aber bis heute viele Priviliegien, weil man auf das Bündnis von Thron und Altar nicht verzichten wollte.
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Alt 24.07.2018, 13:52   #2
Lawrence P. W.
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Und danach gab es das Versailler Diktat- ein weiterer Grundstein für den nächsten Krieg...
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Alt 24.07.2018, 15:00   #3
perfidulo
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Zitat:
Zitat von Lawrence P. W. Beitrag anzeigen
Und danach gab es das Versailler Diktat- ein weiterer Grundstein für den nächsten Krieg...
Ich hatte schon befürchtet, Du würdest mir vorhalten, dass meine Kenntnisse in Geschichte ähnlich lückenhaft, wie über Religionswissenschaften seien.


Zu Versailler-Vertrag muss man sagen, dass es einsichtige Politiker auf beiden Seiten gab, die sich um Milderung bemüht haben. Das wurde aber von bestimmten Kräften bei den Allierten zurückgewiesen, die den Konkurrenten Deutschland winselnd am Boden liegend sehen wollten.
Damit wurde zweifellos die Radikalisierung befeuert. Allerdings kann man den Sieg der Nazis nicht mit schlechter Wirtschaftslage in Verbindung bringen. 1933 hatte der Aufschwung schon eingesetzt und das verbuchten die Nazis dann als ihre Leistung. Selbst der Bau von Autobahnen hatte lange vorher begonnen.
Auch der Holzvergaser, der gemeinhin als typische Nazi-Technologie betrachtet wird, wurde Anfang der 1920er Jahre in Frankreich entwickelt. Auch unter dem Gesichtspunkt, aktionsfähig zu bleiben, wenn die Deutschen das Öl abdrehen sollten. Es wurde von Kriegsminister Maginot massiv gefördert. Später wechselte Georges Imbert (eigentlich Lothringer) nach Deutschland und sein System wurde millionenfach gebaut.
Das wurde dann in der deutschen Literatur natürlich nicht so dargestellt und die Lücken finden sich bis heute in den Veröffentlichungen.
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Alt 24.07.2018, 15:49   #4
Lawrence P. W.
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Zitat:
Zitat von perfidulo Beitrag anzeigen
Ich hatte schon befürchtet, Du würdest mir vorhalten, dass meine Kenntnisse in Geschichte ähnlich lückenhaft, wie über Religionswissenschaften seien.
...
Ich wollte nur ergänzen.

Ich weiß, es ist schwer für dich, aber ich greife dich nicht mit jedem Post an, wenn ich mit deiner Meinung nicht einverstanden bin, benenne ich es in der Regel direkt.
Und ich denke, dass wir über unsere üblichen Differenzen hinaus durchaus auch verbindendes haben.
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Alt 24.07.2018, 17:17   #5
basti_79
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Erst einmal: Hübscher Text. Meine Anmerkungen:

Zitat:
Zitat von perfidulo Beitrag anzeigen
Es jährt sich zum 100 Mal die Zeit, in der die sogenannte "Kriegsschuldlüge" in die Welt gesetzt wurde, [...]
Meiner Meinung nach ist es heute komplett irrelevant, wer an welchen früheren Kriegen "Schuld" war. Das liegt daran, dass sich alle Kriege auf die Frage zurückführen lassen, wer wen (wirtschaftlich) ausbeuten darf. Meiner Meinung nach sollet man "niemand niemanden" antworten, um diese Logik auszuhebeln.

Zitat:
Die OHL drängte auf Friedensverhandlungen, allerdings mit ziemlich unrealistischen Forderungen, aber immerhin.
Heißt das, dass man der OHL unterstellen kann, etwaige Friedensverhandlungen sabotieren zu wollen?

Welche Sorte Mensch lässt eigentlich ausgerechnet Soldaten (!) über Fragen von Krieg oder Frieden verhandeln? Wie wurden die Forderungen der OHL damals von den Empfängern bewertet, wer wurde als Empfänger betrachtet?

Zitat:
Gleichzeitig wurde die Fiktion auf den Weg gebracht, dass das "Heer im Felde unbesiegt" sei und es wurde alles in die Wege geleitet, die Schuld den Sozialdemokraten (stellvertretend für die Zivilgesellschaft) in die Schuhe zu schieben.

Die Sozialdemokraten (Ebert, Scheidemann) machten begeistet mit, weil sie endlich gebraucht wurden, nachdem sie Jahrzehntelang als Parias behandelt wurden.
Das solltest Du noch ausführen. Ich persönlich kann mir jetzt nur diffus vorstellen, wie das vonstatten gegangen sein soll. Im Einzelnen mache ich folgende Fragen aus:
  1. Die SPD war bekanntlich vor dem Krieg umgefallen und hatte dafür gestimmt, Kriegsanleihen zu verkaufen, das heißt, den Krieg ermöglicht. Hat sie ihre Position während des Kriegs verändert, oder ist das nur der Eindruck, den die heutige SPD erfolgreich erzeugt?
  2. Wie kommt es, dass sich die SPD in diese Rolle gefügt hat? Meiner Meinung nach ist die einzige sinnvolle Antwort, dass sie im Krieg wesentlich an Einfluß verloren hat und die Tatsache, dass sie immerhin wieder ins Gespräch kam, nutzen wollte.

Zitat:
Mit den "Sozialistengesetzen" waren sie einst sogar vieler legaler Wirkungsmöglichkeiten beraubt worden und hatten eine raffinierte Untergrundagitation entwickelt.
Äh, die Sozialistengesetze waren vor dem Krieg aktuell, sogar noch vor dem "Revisionismusstreit" (den man vielleicht als Folge dieser Gesetze ansehen kann). Die "raffinierte Untergrundagitation" kann ich nichtmal ausmachen. Gute Tarnung also...

Zitat:
Nun sollten sie für die Ergebnisse der Waffenstillstandsverhandlungen gradestehen.
Wie konnte man dieses Blech überhaupt verkaufen?

Zitat:
Die Sozialdemokraten hätten am liebsten sogar den Kaiser behalten, der aber unter seinen eigenen Leuten als nicht mehr haltbar betrachtet wurde.
Das scheint innerlich widersprüchlich. Wie war es denn nun wirklich? Und inwiefern war Deutschland damals eine "konstitutionelle Monarchie"?

Zitat:
Schon seit Monaten gab Streiks und Demonstrationen für den Frieden und um Brot, die mit brutaler Gewalt unterdrückt worden waren.
Zu welchem Zeitpunkt? Bei Kriegsende?

Zitat:
Jetzt wurden Arbeiter- und Soldatenräte gegründet um den Laden selbst zu übernehmen und gerechter zu organisieren.
Mit nachweislich durchschlagendem Erfolg </ironie>.

Zitat:
Das war den nun regierenden Sozialdemokraten ein Dorn im Auge.
Warum? Meiner Meinung nach ist die einzige gültige Antwort: weil sich solche "Räte" nicht kontrollieren lassen - weil das auch nicht ihr Sinn ist. Die SPD hat also bereits damals ihre Basis verraten.

Zitat:
Über eine geheime Telefonleitung verständigte sich der neue Reichskanzler Ebert [SPD] mit der OHL über die Bekämpfung der Anarchie.
Was mag man damals wohl unter "Anarchie" verstanden haben?

Zitat:
Doch statt gemeinsam gegen die Feinde der Demokratie von rechts zu kämpfen, zankten sich Sozialdemokraten und Kommunisten.
Tun sie wohlgemerkt noch immer (KPD, PSG usw.). Der Grund liegt meiner Meinung nach darin, dass die Spezialdemokraten immer wieder einen "Kapitalismus light" zu verkaufen versucht haben, der niemals funktioniert hat. Und der Grund dafür ist die Tendenz des Kapitalismus zur Krise.

Zitat:
Die Stigmatisierung, den Krieg verloren zu haben, wo man doch gerade kurz vor dem Sieg an allen Fronten gewesen sei, bleib.
An der Stelle hätte ich mir gewünscht, dass Du erklärst, wie denn überhaupt so eine erhebliche Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit zustandekommen konnte.

Das erinnert mich auch daran, dass kürzlich ein Historiker eine Analyse vorgenommen hat, ob das dritte Reich überhaupt eine Chance auf den Gewinn des Krieges bzw. auf eine (wenn auch begrenzte) Expansion hatte. Das Ergebnis war: kein Bisschen. Das war reine Selbstüberschätzung.

Zitat:
Im nachhinein ist es leicht zu sagen, das hätte man unterbinden können. Etwa durch konsequente Abrüstung, Abschaffung der Reichswehr, Enteignung des Adels, Nationalisierung der Grundstoffindustie. Das wurde alles vorgeschlagen. Die Fürstenenteignung scheiterte knapp.


Beachtlich, dass Dir z.B. "Demokratisierung aller Lebensbereiche", "Grundversorgung für alle" und andere kluge Ideen hier nicht über die Tasten kommen...

Zitat:
Zitat von perfidulo Beitrag anzeigen
Zu Versailler-Vertrag muss man sagen, dass es einsichtige Politiker auf beiden Seiten gab, die sich um Milderung bemüht haben. Das wurde aber von bestimmten Kräften bei den Allierten zurückgewiesen, die den Konkurrenten Deutschland winselnd am Boden liegend sehen wollten.
s.o.

Zitat:
Allerdings kann man den Sieg der Nazis nicht mit schlechter Wirtschaftslage in Verbindung bringen. 1933 hatte der Aufschwung schon eingesetzt und das verbuchten die Nazis dann als ihre Leistung. Selbst der Bau von Autobahnen hatte lange vorher begonnen.


Du willst ernsthaft sagen, hätte es damals ein Wirtschaftssystem gegeben, das z.B. eine gleichmäßige(re) Verteilung von Gewinnen bewirkt hätte, wären die Nazis nie so groß geworden, wie sie wurden?

Das würde ich für eine äußerst bedenkliche Fehleinschätzung halten.

Was außerdem ist der Bezug zur heutigen Zeit? Der fehlt mir in diesem Text ein wenig. Ich bekomme auch den Eindruck, die Stoßrichtung ist etwa: "wehe, wehe - wir leben in einer Vorkriegszeit". Soll heißen: da die Eliten ja immer noch so denken wie man es 1870 noch für akzeptabel gefunden hätten, werden sie demnächst einen Krieg anordnen, und da die demokratischen Strukturen im wesentlichen dysfunktional sind, müssen wir alle uns damit abfinden. Bestenfalls: SPD wählen und darauf hoffen, dass sie nicht schon wieder umfällt.
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basti_79 ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 24.07.2018, 18:04   #6
perfidulo
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Was Du nicht alles hineininterpretierst und offensichtlich hast Du von der Epoche nur oberflächliches Wissen.


Es ging nur darum auf eine 100 Jahre alte VT hinzuweisen, quasi zum Gedenktag irgendwann im Oktober/November.


Es war logisch, dass die OHL verhandelt. Es war Krieg, der normale Parlamentarismus und die Zivilverwaltung waren ausser Kraft gesetzt worden im August 1914.
Wenn die militärische Führung meint, nicht mehr kämpfen zu wollen, dann nimmt sie mit der Gegenseite Kontakt auf und redet über einen Waffenstillstand.

Die Verhandlungsbasis war insofern unrealistisch, als man nichts von den Eroberungen (Landgewinne in Frankreich, ganz Belgien, riesige Gebiete im Osten) hergeben wollte. Es würde zu weit gehen, die auf die Details einzugehen.
Damals ging es noch um Kohle und Erz, sowie Agrarflächen. Öl kam erst langsam. Erst als keine Pferde mehr zu bekommen waren, bequemte sich das Heer auch Lastwagen zu requirieren. Damit wurden Rumänien und der Kaukasus interessant für Annexionen.

Zur Rolle der Sozialdemokratie ist viel veröffentlicht worden, aber das würde zu weit führen, da es um die Kriegsschuldlüge geht.
Aber nur soviel: Die SPD hat sich während des Krieges in der Friedensfrage gespalten, ohne dass die Abweicher aus der Partei austraten. Erst im Dezember 1918 wurde die KPD gegründet - von diesen Abweichlern.
Darüber ist die SPD heute noch sauer.
Aber unter den Gewerkschaften und in den Betrieben war der Wunsch nach einem Ende des Krieges stark. Es gab 1917 und 1918 grosse Streiks. Das versuchte der kaisertreue Teil der SPD zu unterbinden. Wir erinnern uns Luxemburg und Liebknecht sassen im Knast! Und eine Reihe anderer auch oder waren an die Front abkommandiert worden.
Beschäftige Dich einfach mal mit der USPD und den revolutionären Obleuten. Leider sind die Darstellungen, die explizit von der SPD oder früheren SED kommen ziemlich unbrauchbar.
Die Arbeiter- und Soldatenräte wurden von der SPD verraten, die auf das bürgerliche Modell des Parlamentarismus gesetzt hat. Da kann man nicht erfolgreich sein, wenn einem die eigenen Leute in den Rücken fallen. Von daher ist Ironie fehl am Platz - Treuer und Wut wären angebracht.

Das gehört zum Verrat der SPD, der aber eigentlich mit dem Eintritt in die Regierung begonnen hat. Aber das sind nur ein paar Wochen.


Ich freue mich, dass jetzt wirder sachlich diskutiert wird. Mal sehen, was El Mahdi dazu sagt.
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Alt 24.07.2018, 18:29   #7
basti_79
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Zitat:
Zitat von perfidulo Beitrag anzeigen
Es war logisch, dass die OHL verhandelt. Es war Krieg, der normale Parlamentarismus und die Zivilverwaltung waren ausser Kraft gesetzt worden im August 1914.
Das heißt, die OHL war De Facto das herrschende Organ? Nicht etwa der Kaiser? Das macht doch einen wesentlichen Unterschied.

Zitat:
Wenn die militärische Führung meint, nicht mehr kämpfen zu wollen, dann nimmt sie mit der Gegenseite Kontakt auf und redet über einen Waffenstillstand.
Ja, und weil der Staat damals so ein Riesenhaufen Mist war, haben sie das halt verkorkst, damit sie später auf typisch narzisstische Art und Weise jemand anderem die Schuld in die Schuhe schieben konnten. Und wer nationalistisch verblendet war und ggf. genauso narzisstisch, hat das geglaubt.

Und heute kann man die Sache ja immer noch so darstellen, dass die Demokraten damals "schlau genug" waren, den offenen Widerstand zurückzustellen und sich in die Sklaverei zu begeben...

Zitat:
Die Verhandlungsbasis war insofern unrealistisch, als man nichts von den Eroberungen (Landgewinne in Frankreich, ganz Belgien, riesige Gebiete im Osten) hergeben wollte. Es würde zu weit gehen, die auf die Details einzugehen.
Dazu kommt noch, dass damals selbstverständlich Demokratie und Rechtsstaat keine Rolle spielten. An dieser Stelle mal einen ausdrücklichen Dank an Dich: der Status Belgiens in der Zwischenkriegszeit war mir bislang nicht geläufig, und ich war auch eben erst auf den Gedanken gekommen, den mal zu recherchieren. Das kann ich letztendlich nur als grobe Fahrlässigkeit meines Geschichtslehrers (ich hatte in der fraglichen Zeit im wesentlichen in jedem Jahr ein- und denselben) bezeichnen.

Zitat:
Zur Rolle der Sozialdemokratie ist viel veröffentlicht worden, aber das würde zu weit führen, da es um die Kriegsschuldlüge geht.
Lass uns das Thema doch erst einmal eingrenzen.

https://de.wikipedia.org/wiki/Kriegsschuldl%C3%BCge

(Wie so oft ist die Wikipedia bei Definitionsfragen außerordentlich hilfreich)

Was ist Deine Proposition?
  1. Heute Glauben manche Leute noch die (orginale) "Kriegsschuldlüge", was man nicht tun sollte
  2. Es gibt heute (mit der Kriegsschuldlüge) vergleichbare Verschwörungstheorien, vor denen man warnen sollte
  3. Es verbietet sich, parallelen zwischen der Zwischenkriegszeit und somit der damaligen Behandlung der "Kriegsschuldlüge" und der heutigen Zeit zu ziehen
  4. Anderes (bitte ausführen)

Zitat:
Aber nur soviel: Die SPD hat sich während des Krieges in der Friedensfrage gespalten, ohne dass die Abweicher aus der Partei austraten. Erst im Dezember 1918 wurde die KPD gegründet - von diesen Abweichlern.
Darüber ist die SPD heute noch sauer.
Da sieht man's mal wieder: das größte Problem der Nachkriegszeit ist die mangelnde Fähigkeit der Individuen, Konflikte zu verarbeiten bzw. sogar zur Lösung zu führen. Alles nur Scheinlösungen.

Um die Atmosphäre etwas zu lockern, hier mal ein original DDR-Witz:

Zitat:
1976, 9. Parteitag der SED. Stoph hält eine furchtbar lange, furchtbar langweilige Rede über die Lage der Versorgung des Bezirks Halle mit Backwaren. Immer wieder steht ein Genosse während dieser auf und ruft:

"Herr Stoph, was ist mit dem Klopapier?"

etc. pp. - Stoph redet unermütlich weiter. Irgendwann wird es ihm zu bunt und er brüllt zurück:

"Genosse, Lecken Sie mich doch mal am Arsch!"

Der Genosse gibt leise zurück: "Aber das ist doch auch nur eine Zwischenlösung!"
Zitat:
Aber unter den Gewerkschaften und in den Betrieben war der Wunsch nach einem Ende des Krieges stark. Es gab 1917 und 1918 grosse Streiks.
Immerhin. Problem ist hier erst einmal die "Kriegsbrille". Was ist mit diesen basisdemokratischen Impulsen nach Ende des Krieges passiert?

Zitat:
Beschäftige Dich einfach mal mit der USPD und den revolutionären Obleuten. Leider sind die Darstellungen, die explizit von der SPD oder früheren SED kommen ziemlich unbrauchbar.
Das ist jetzt mit Blick auf die neuere Geschichte interessant: Warum haben SPD und SED es nicht geschafft, die (inneren!) Probleme der Zwischenkriegszeit später sauber darzustellen? Ich erinnere daran, dass ich vor kurzem, sehr zu Deinem Unmut, dargestellt hatte, wie und mit welchem Ergebnis deren Vereinigung nach 1990 vonstatten gegangen war.

Zitat:
Die Arbeiter- und Soldatenräte wurden von der SPD verraten, die auf das bürgerliche Modell des Parlamentarismus gesetzt hat.
Formal scheint diese Antwort korrekt. Warum haben sich die "Arbeiter- und Soldatenräte" das überhaupt bieten lassen?

Zitat:
Da kann man nicht erfolgreich sein, wenn einem die eigenen Leute in den Rücken fallen. Von daher ist Ironie fehl am Platz - Treuer und Wut wären angebracht.
Ich sage ja ausdrücklich, dass, wer diese Zeit miterlebt hat, und die SPD und ihre Auswüchse nicht spätestens 1950 als unbrauchbar verworfen hat, als Mittäter gelten muss.
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Perfidulo: Ich hatte erst vor, einen Roman darüber [über das verschwundene Mittelalter] zu schreiben.
Groschenjunge: Was ist der Unterschied zum Jetzt?
Perfidulo: Es quasseln nicht dauernd Leute dazwischen.
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