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Künstliche Intelligenz Deep Learning, KI in der Praxis, Turing-Tests

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Alt 18.04.2017, 08:38   #1
basti_79
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Standard Maschinenethik

Zitat:
Zu beachten ist, dass die strikte Trennung zwischen Ethik und Moral, die in der deutschsprachigen Philosophie und überhaupt Wissenschaft üblich ist, im englischsprachigen Raum nicht immer besteht [...]
Wie kann das denn sein? Was ist überhaupt der Unterschied zwischen Ethik und Moral? Meiner Meinung nach ist "Ethik" verhandelte oder verhandelbare "Moral", sonst nichts.

Die menschliche Moral erwächst zunächst aus instinktiven Empfindungen (das war zumindest bei mir so: Mein Gewissen "ist" das "Wissen" darüber, dass jemand anderes leidet - es kommt vom Mitgefühl), die "nicht-embodied" Minds wie etwa künstlichen Intelligenzen nicht haben können. Ich muss ja wissen, wie es beispielsweise schmerzt, wenn einem ein Hammer auf den Fuss fällt, damit ich an der stelle Mitgefühl haben kann. Wenn mir jemand beispielsweise von zwei Ausserirdischen erzählt: "Boltrok hat Okram den Zorg gegeben", weiß ich nicht, ob das jetzt gut wäre oder schlecht.

Das heißt, man müsste intelligenten Maschinen auf dem Wege der Ethik (also dem der Verhandlung) die Moral "beibringen". Wenn sich die heutige Generation der (pädagogisch orientierten?) Geisterwissenschaftler das nicht traut, oder gar nicht so weit denken mag, mag das einen von mehreren Gründen haben:
  • Es wurden Äpfel mit Birnen verglichen. Beide im Text (S. 3) genannten Beispiele für "unmoralische Maschinen" verfügen weder über ein Bewusstsein noch über einen Körper, das heißt, es fehlen alle Grundlagen für Moral
  • Die "Theory of Mind" der Betroffenen reicht nicht so weit, sich einen "Geist" ohne (menschlichen) Körper vorstellen zu können
  • Die Betroffenen haben eine düstere Ahnung davon, dass ihre Pädagogik/Didaktik zum hohlen Ritual verkommen ist (was man insbesondere in Bezug auf Ethik und Moral unterstellen könnte, wenn man mal die Gesellschaft betrachtet)
  • Es wird übersehen, dass man - zum Zwecke der Diskussion - "unmoralische Maschinen" als Werkzeug (ihres Erschaffers oder Benutzers) betrachtet und künstlich Intelligente als im ethischen Sinne vergleichbar mit Menschen
Diese Vergleichbarkeit rührt daher, dass es auch bei Menschen zahllose Freak Cases gibt (Straftat im Wahn, geistige Behinderung, Notwehr, Wachkoma), die riesige Probleme aufwerfen, noch bevor überhaupt Grundbegriffe geklärt sind.

Zitat:
Mein Augenmerk gilt selbstständig fahrenden Autos, Pflege-, Therapie- und Sexrobotern, Fotodrohnen sowie Chatbots
Diese Fälle beleuchten ja besonders grell die Schnittlinie zwischen "menschlich" und "künstlich" - da geht es um Tätigkeiten, die wir als inhärent menschlich begreifen (Wohlgemerkt: die Autos führen die Liste an!), die aber wechselnde Grade von Beteiligung der Maschine an ethischen Entscheidungen aufweisen.
  1. Autofahren: im Allgemeinen keine besonders ethische Tätigkeit. Man kann ethische Fragen auf Grundlage des Autoverkehrs konstruieren. Wer die aber ohne Autos nicht konstruieren kann, dem mangelt es an Fantasie.
  2. Pflegeroboter: erst einmal treffen Pfleger kaum Entscheidungen, und dann braucht man - bis auf allgemeine Erwägungen zu Chatbots - auch dort keinen Sonderfall "der Pfleger ist ein Roboter".
  3. Therapieroboter: halte ich für durchaus vorstellbar, allerdings wird dann erstens die Therapeutenkaste sauer, und zweitens sind Patienten ja nach wie vor für sich selber verantwortlich - Therapeuten entlassen mitunter akut suizidgefährdete Menschen in die Freiheit.
  4. Sexroboter: Also, Fantasie in allen Ehren - sicherlich könnte man einen "Sexroboter" bauen, aber wer behauptet, der könnte jemanden so anregen wie ein menschlicher Partner, der hat da schlicht nicht genug Lebenserfahrung
  5. Fotodrohne: Für mich lässt sich kein Unterschied zu nicht-intelligenten Fotodrohnen mit menschlichem Benutzer erkennen. Die Verantwortung geht über auf die Fotodrohne, das war's.
  6. Chatbots: Ja, das ist jetzt echt schwierig. Nicht. Es würde langen, den Chatbot so zu programmieren, dass er sich als solcher zu erkennen gibt, um die meisten Probleme zu lösen. Wie so ein Chatbot überhaupt irgendein ethisches Problem verursachen soll, ist nicht erkennbar.
Lobend muss man (angesichts der offensichtlichen Hintergründe) anerkennen, dass er selber verstanden hat, dass alles auf "Verantwortung" zurückgeht.



Zitat:
Menschen sollen, so der Gedankengang, Verantwortung tragen, und nur sie können sie tragen. Wenn man Moral auf Maschinen verschiebt, entzieht man sich gemäß dieser Position der Primär- und Sekundärverantwortung.
Nein. Bzw. ist das genau dasselbe Problem wie beim - allseits beliebten - Befehlsnotstand. Intelligente Maschinen können durchaus in bestimmten Teilen programmiert handeln, d.h. die Ethik ist da dieselbe wie bei programmierten Maschinen oder bei einem Beamten im Einsatz.



Meiner Meinung nach ist das interessanteste Problem das der Belohnung und Bestrafung. Genau wie biologische neuronale Netze "konditioniert" man künstliche. D.h. man kann KI's, letztendlich mit denselben Wirkungen wie bei Säugetieren, belohnen und bestrafen. Der Knackpunkt ist: beides wird (auf Seiten der KI) nicht von Gefühlsregungen begleitet. KI's haben kein "soziales Hirn" (kein Mittelhirn) und demzufolge (bislang) noch keine Gefühle, und wenn sie sie hätten/haben werden, können wir zum Zwecke der Diskussion menschliche Gefühle unterstellen. Aber derzeit ist so eine Belohnung oder Bestrafung einfach nur so etwas wie eine "Umprogrammierung". Das heißt, das Verhalten der Maschine in vergleichbaren Situationen ändert sich, aber ein Betrachter erhält keinen Eindruck von Lust oder Leid. Da beides Empfindungen sind, die in unsere Körper "eingebaut" sind, an denen es KI's ja mangelt, können KI's diese nicht haben. Das kann dann dazu führen, dass die entsprechende Verhaltensänderung wenig beeindruckend erscheint und also nicht ernst genommen wird, was dann genaugenommen ein ethisches Problem der Menschen ist, nicht das der Maschinen.


Das wirft auch die Frage auf, ob man KI's überhaupt mit menschlich scheinenden Gefühlsregungen ausstatten dürfe. Es ist ja so, dass diese dann auch beliebig zugeordnet werden können. Man stelle sich nur eine masochistische Sex-Roboter-Sklavin vor. Sie würde die (vom Erschaffer/Programmierer/Benutzer) vorgegebene Aufgabe erfüllen, aber dabei auch den Benutzer falsch prägen, nämlich darauf, ihr Schmerzen zuzufügen. Das Muster ist da dasselbe wie bei Pornos: Pornodarstellerinnen zeigen in der Regel "bei der Arbeit" keine Zeichen von Zuneigung oder gar Lust. Geht ja auch schwer, bei der Arbeit. Das heißt, Menschen die Pornos gucken, gucken sich an, wie Frauen Sex haben, die keine Lust darauf haben. Gerüchtehalber hat das schon Konsequenzen in der Lebensrealität vieler Leute, in dem Sinne, als dass sie gar nicht wissen, wie Frauen aussehen, die gerade Spaß am Sex haben. D.h. da sind tatsächlich ethische Fragen zu berücksichtigen, die aber "eigentlich" alle schon geklärt sind. Und wenn ich jemals einem "weiblichen" Roboter begegne, der auch nur halbwegs überzeugend flirten kann, dann wäre ich schon begeistert ob der Fortschritte der Technik.



Ein weiteres Beispiel für den mangelnden Nutzen der Geisteswissenschaft. Anstatt sich z.B. mit den wirtschaftliche Folgen der fortschreitenden Automatisierung auseinanderzusetzen oder mit Ethik zwischen - heute schon lebenden - Menschen, wird da so ein Heißluftballon gestartet.

https://www.heise.de/tp/features/Ueb...n-3344452.html
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Perfidulo: Ich hatte erst vor, einen Roman darüber [über das verschwundene Mittelalter] zu schreiben.
Groschenjunge: Was ist der Unterschied zum Jetzt?
Perfidulo: Es quasseln nicht dauernd Leute dazwischen.
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geisteswissenschaften

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