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Esoterik Alle esoterischen Themen, die sonst nirgendwo reinpassen...

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Alt 20.11.2015, 23:23   #1
basti_79
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Standard Das Konzert

Nach all den bösen Worten über Esoterik und Esoteriker möchte ich hier ein Erlebnis mit den lieben "Esos" wiedergeben, das ich vor kurzem gehabt habe, und das mir gezeigt hat, warum diese Leute das machen und was dabei auch herauskommen kann.

Angesagt war vor einigen Wochen ein Konzert mit zwei Künstlern - zur Weltheilung, oder ähnlich. Da der Sinn dieser Geschichte auch ohne Namen klar wird, und um Werbeeffekte zu vermeiden, lasse ich sie weg. Der Ort war eine Kneipe, die vor einiger Zeit auf "Schenkungswirtschaft" umgestellt hatte, nicht ohne - recht sonderbare - Erklärungen des Pächters. Jedenfalls kenne ich den Laden und bin da öfter mal zu Gast. Da Bekannte dieses Konzert ebenfalls besucht haben, bin ich dazugekommen.

Mir schwante übles. Die Künstler sahen aus, wie man sie sich vielleicht vorgestellt hat: Er mit wallendem, grauen Haar, in einem naturfarbenen, grob gewebtem Hemd mit Kordeln, sie mit rotbraun gefärbten Haaren in einem bunten Hippie-Kleid. Beide um die 60. Wie sich herausstellte, betreiben die beiden in der Schweiz eine Art Hotel, in dem man so etwas wie Wellness-Wochenenden mit esoterischer Betreuung verbringen kann. Man hatte einen Gong aufgestellt. Nach einigem Kennenlernen ging es dann vor etwa 30 Gästen los, vielleicht, wie man sich so etwas vorstellt: Gitarre und Gesang, vom Glück im Leben und der Natur und weiß nicht was. Weltklasse war die Musik nicht, aber gut aufgeführt und eingängig. Ein bißchen wie Folk-Rock mit esoterischem Einschlag.

Statt Applaus wurde gemeinsam "mmmmh" gesummt, die meisten Texte handelten - vage christlich vielleicht - von Vergebung, Selbstüberwindung und Schicksal. Eine gute Bekannte verabschiedete sich etwa nach einer halben Stunde, sie könne "diese Hirnfickerei" (ihre Worte) nicht ertragen. Ich bin trotz einer guten Portion Langeweile geblieben. Ist einfach nicht meine Musik gewesen. Viele Leute sind aber extrem mitgegangen, haben im Takt gewippt oder mitgeklatscht.

Etwas später wurde es dann doch noch spannend. Die Künstler gaben dem Publikum die Möglichkeit, Fragen zu stellen. Ein junger Mann fragte - offenbar recht dringend - etwa: "Wie sollen wir denn mit den Flüchtlingen umgehen?". Nach einer Erklärung, dass diese Frage derzeit überall gestellt wird, wobei die Künstlerin durchblicken ließ, dass sie diese überflüssig findet, erläuterte sie, dass jeder Mensch sich auf einer Reise befände, und dass wir diesen Leuten mit Freundlichkeit und Respekt begegnen sollten. Ich war angenehm überrascht. Nicht etwa wegen der Frage, sondern wie gewandt diese Frau das - vielleicht erahnbare - Motiv der Angst oder Unsicherheit abwendete und eine Antwort gab, die ich politisch völlig akzeptieren kann. Das hatte ich nicht erwartet, auch wegen des schlimmen Rufs der Szene. Weitere Fragen wurden nicht gestellt.

Im Anschluß wurde es etwas skurril, es wurde "gechannelt" - die Frau hat da zu Kalimbaklängen ihres Partners esoterische Texte improvisiert. Von Reinkarnation und Unio Mystica und so. Und wie wir überhaupt umgeben seien von Geistwesen. An dieser Stelle konnte ich mir das Lachen kaum verkneifen. Das Publikum hat aber anscheinend alles für bare Münze genommen - das als Hinweis darauf, wie weit die Aufklärung gedrungen ist. Anderseits war das schon "ausgesuchtes" Publikum - wer dahin gekommen ist, wusste, worauf er sich einlässt.

Zum Abschluß wurde wieder etwas musiziert, diesmal deutlich angeregter, mit Texten, die auf Selbstbestimmung und Eigenständigkeit hinwiesen. Ein Lied hieß anscheinend "Nein!". Ich bin mir nicht ganz sicher, ob die Künstler die Ironie verstanden haben. Jedenfalls war das Konzert dann zuende, die Künstler erhielten ihren (wirklich verdienten) Applaus, und ich hatte noch Gelegenheit, mit den beiden zu reden.

Mir stellt sich die Sache so dar, dass ich in der Vergangenheit oft unnötig genau auf die Fehler geschaut habe, die in dieser Szene passieren. Es gibt aber wohl auch gute Dinge.
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Alt 21.11.2015, 11:02   #2
sunray
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Zitat:
Zitat von basti_79 Beitrag anzeigen
Nach all den bösen Worten über Esoterik und Esoteriker möchte ich hier ein Erlebnis mit den lieben "Esos" wiedergeben, das ich vor kurzem gehabt habe, und das mir gezeigt hat, warum diese Leute das machen und was dabei auch herauskommen kann......

......Mir stellt sich die Sache so dar, dass ich in der Vergangenheit oft unnötig genau auf die Fehler geschaut habe, die in dieser Szene passieren. Es gibt aber wohl auch gute Dinge.
Ja, es ist immer durchaus besser wenn man sich seine eigene Meinung bildet. Als vom hörensagen her zu urteilen und zu pauschalisieren.
Esos sind dann wohl doch nicht so braun wie ihr kürzlich in einem Tread dargelegt habt, oder?
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Kann mich nicht so gut ausdrücken, habe dafür wenig Probleme mit Verständnis.
Die Energie ist tatsächlich der Stoff, aus dem alle Elementarteilchen, alle Atome und daher überhaupt alle Dinge gemacht sind, und gleichzeitig ist die Energie auch das Bewegende.
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Alt 21.11.2015, 11:59   #3
perfidulo
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Zitat:
Zitat von sunray Beitrag anzeigen
Esos sind dann wohl doch nicht so braun wie ihr kürzlich in einem Tread dargelegt habt, oder?
Es gibt solche und solche Esos.

Vor einiger Zeit waren manche Esos nahe an der Umwelt- und Friedensbewegung (Erdheilung).

Aber die Gefahr nach rechts abzudriften ist real, weil Esoterik meist verlangt den kritischen Verstand abzuschalten und dem jeweiligen Guru (Führer) blind zu glauben.

Und wenn es kein lebenden Führer gibt, dann gibt es eine Heilige Schrift. Der Unterschied zu anerkannten Religionen ist nicht sehr groß.
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Alt 21.11.2015, 12:29   #4
sunray
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Zitat:
Zitat von perfidulo Beitrag anzeigen
Es gibt solche und solche Esos.

Vor einiger Zeit waren manche Esos nahe an der Umwelt- und Friedensbewegung (Erdheilung).

Aber die Gefahr nach rechts abzudriften ist real, weil Esoterik meist verlangt den kritischen Verstand abzuschalten und dem jeweiligen Guru (Führer) blind zu glauben.

Und wenn es kein lebenden Führer gibt, dann gibt es eine Heilige Schrift. Der Unterschied zu anerkannten Religionen ist nicht sehr groß.
Es gibt immer solche und solche und die Gefahr abzudriften existiert bei jeder Ideologie.
Selbst diejenigen die sich einreden ideologielos zu sein, glauben daran.
Also die Gefahr abzudriften besteht immer, das hat wenig mit der Ideologie zu tun.
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Alt 21.11.2015, 16:01   #5
basti_79
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Zitat:
Zitat von sunray Beitrag anzeigen
Esos sind dann wohl doch nicht so braun wie ihr kürzlich in einem Tread dargelegt habt, oder?
Das war beides keine Aussage über Esoteriker im Allgemeinen. Wie hier ausgeführt wurde, scheint es da eine ungesunde Überschneidung zu geben. Wahrscheinlich liegt das daran, dass das Korrektiv fehlt. Übrigens ist auch nicht alle Esoterik abhängig von "Gurus". Ich denke, es ist eher so, dass manche Nazis verstehen, was mit den Esos los ist, und diese für ihre Zwecke mißbrauchen.
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Alt 21.11.2015, 19:14   #6
Acolina
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Ich denke, das Problem liegt da, dass Esoterik (nennen wir sie mal die neuzeitliche, die Ende des 19. Jhdts., insbesondere aber auch Anfang des 20. entstand) ihre Wurzeln in der braunen, völkisch-nationalen, auch rassistischen Ecke hat (z.B. Theosophie, Anthroposophie und Konsorten). Wie auch die ganze "gesunde Nahrung", auch Vegetarismus/Vegan-Bewegung. Und leider schlagen diese Wurzeln immer noch durch, meist mehr, manchmal weniger. Klar ist nicht jeder Eso deshalb ein Rechter, aber der Schoß scheint - meinen persönlichen Erfahrungen nach (und die sind reichlich ) - sehr fruchtbar.
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Die freiheitlich-demokratischen Ideale und Werte, die sich jetzt auch im Grundgesetz finden, wurden während der Aufklärung gegen die sich auf Gott und Bibel berufenden Kirchen durchgesetzt. Und weder der Gott Jahwe des Alten Testaments noch der Vater Jesus Christi, noch beide in einer Person, noch Allah vertreten die Werte unseres freiheitlich-demokratischen Staates. Sie müssen sie erst noch erlernen. (Gerd Lüdemann, Theologieprofessor)
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Alt 22.11.2015, 00:20   #7
perfidulo
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Zitat:
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Ich denke, das Problem liegt da, dass Esoterik [...] ihre Wurzeln in der braunen, völkisch-nationalen, auch rassistischen Ecke hat.
Ist es nicht eher umgekehrt?

Das völkisch-rassistische war ein Aspekt, der von den späteren Nazis herausgegriffen und überzeichnet wurde.

Wir haben im Umfeld der Lebensreformbewegung (die Grenzen zu Esoterik sind fließend) viele anständige Leute, die sich beispielsweise für eine Beschränkung der Fortpflanzung "unwerter" Personen ausgesprochen haben. Alkoholiker beispielsweise. Aber die haben nie daran gedacht, diese Leute umzubringen. In der weit verästelten Anti-Alkohol-Bewegung zu Beginn des 20. Jahrhunderts war man sich ziemlich einig, daß Alkoholismus eine Erbkrankheit sei. Und da der Alkoholiker unbeherrschbar triebhaft sie, müsse man eben einen Schnitt machen, damit nicht weiter unkontrolliert Alkoholiker in die Welt gesetzt werden.

Es gab ein starkes Elitedenken. Der Esoteriker (Abstinenzler, Christ) hält sich für etwas Besonderes (Auserwählter), weil er irgendwie inspiriert wurde. Der Vegetarier glaubt das auch, weil er sich von Grünzeug ernährt, andere machen Yoga. Möglichkeiten gibt es viele.

Man wollte sich von der "Masse" abheben. Durch die Zusammenballung bei der Industriealisierung wurden Menschnmassen als etwas negatives wahrgenommen. Hier verortete der Bildungsbürger Primitivität, niedere Triebe, Degeneration usw. mit erblichem (also rassistischem) Hintergrund und nicht durch Bildung veränderbar.

Die Zugehörigkeit zu einem Kreis Erleuchteter (Auserwählter) versprach eine Distanzierung. Die Theosophen hatten sicher eine Schlüsselfunktion, aber es ist schwer bei ihnen etwas zu ihrer Praxis zu finden, was man als "böse" klassifizieren möchte. Das waren alles liebe, gebildete, gutsituierte Menschen, die niemand etwas zuleide tun wollten. Sie sahen sich nur als etwas besseres (eine neue Form von Adel, die auf Leistung, nicht Abstammung, beruhte) und berufen die Welt zu regieren.

Findet sich bei einem der Urväter der Idee eines Vereinten Europä

http://www.neue-ordnung.at/index.php?id=233

Im Nachhinein sieht man, daß vieles von der "braunen" Ideologie aufgesogen und übernommen wurde und das waren keine lieben, kultivierten Menschen mehr. So kann man auch heute ein Linie vom "Wandervogel" zur "Hitlerjugend" zeichnen, obwohl die Jungs und Mädels vom Wandervogel das sicher nicht beabsichtigt haben.

Man muß nicht bei jedem Esoteriker gleich "Nazi" schreien. Es sind eher gemeinsame Wurzeln im 19. Jahrhundert als die direkte Folge aus dem 20. Jahrhundert.

Man darf aber schon fragen, wo sie ihre Erleuchtung her haben und was sie damit vorhaben.
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Geändert von perfidulo (22.11.2015 um 00:28 Uhr).
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Alt 22.11.2015, 09:22   #8
basti_79
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Tatsächlich denke ich auch, dass das esoterische Element der NSDAP-Ideologie (Stichwort Wewelsburg) keine Randerscheinung war, sondern eher ein unverzichtbarer Grundstein. Ohne eine religiöse oder religionsförmige Letztbegründung hätte sich eine derart verdrehte Ideologie wohl nicht halten können. Das bedeutet ja auch, dass manche Leute an dieser gezweifelt haben müssen. Sonst hätte es dafür keinen Bedarf gegeben. Das macht es nicht besser, aber es kann diese Erscheinung zumindest erklären.
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