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Alt 15.10.2016, 16:31   #1
basti_79
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Standard Das große Aufräumen in den Geisteswissenschaften

In diesem Artikel wird (in englischer Sprache) nicht nur eine Zeitlinie einiger großer Kontroversen in den Sozial- und Geisteswissenschaften aufgestellt, sondern auch der verheerende Effekt bestimmter Erkenntnisse auf einige Ideologien geschildert.

Diese Kritik fügt sich in mein Bild von den Geisteswissenschaften ein. Ich kritisiere schon seit langem, dass es da wenig solide Grundlage gibt. Mit solider Grundlage meine ich, dass Erhebung und Verarbeitung technisch korrekt durchgeführt werden müssen. Bei den Sozialwissenschaften kann man dann auch immer noch ethische Fragen stellen. In aller Regel führt das dazu, dass die Daten nicht verwertbar sind. "Technisch korrekt" wäre meiner Meinung nach:
  • Die Erhebung selber ist rechtfertigbar (möglicherweise nicht der Fall z.B. beim Milgram-Experiment)
  • Die gezogene Schlußfolgerung (der normative Aspekt) ist ethisch unproblematisch (Beim Milgram-Experiment kann man z.B. schlußfolgern, dass man vermittels Autorität erfahrungsgemäß sämtliche Gesetze ausser Kraft setzen kann - das wäre aber ethisch problematisch)
  • Die Stichprobe wurde groß genug gewählt
  • Die Informationsflüsse wurden untersucht und die getroffenen Aussagen wurden entsprechend gewählt (Stichwort "Doppelblind-Studie") - ganz wichtig dabei: Sprache, Reihenfolge der Fragen etc. untersuchen
  • Die Statistik wurde fehlerfrei gerechnet
  • Es muss unterschieden werden zwischen deskriptivem Aspekt und Normativem
Typische Fehlleistungen erkennt man üblicherweise in der Pädagogik. Da wird munter die Zahl der erreichten Abschlüsse als Hinweis auf die Funktion des Systems Schule verwendet, statt aller Gewalt- und Straftaten werden nur die gewertet, die "schwer" wären oder zu einer Sanktion innerhalb des Systems (Zirkelschluss!) geführt haben, es werden unethische Befragungen durchgeführt (solche, bei denen klar ist, dass falsche Antworten sanktioniert werden, mitunter erheblich), Maßnahmen werden als erfolgreich dargestellt, obwohl der Erfolg in Frage steht etc.

Wer mehr verstehen will: Die von mir geforderten Kriterien lassen sich z.B. in einem Sequenzenkalkül darstellen und derart auf Zirkelschlüsse, Stichprobenauswahl etc. untersuchen. Da würde natürlich - ähnlich wie in diesem Artikel - zuerst einmal eine kleinere Katastrophe eintreten: sehr viele Arbeiten müssten als mangelhaft zurückgewiesen werden, und im Sinne eines Schneeballeffekts könnten sich diese (erkannten) Fehler dann fortpflanzen, da ja aus falschem beliebiges folgt.

In dem Artikel wird auch das zugrundeliegende Problem erwähnt, das überhaupt erst zu diesem Zustand führte:

Zitat:
She’s implicitly following what I’ve sometimes called the research incumbency rule: that, once an article is published in some approved venue, it should be taken as truth.
Man kann natürlich nur für wahr nehmen, was nachweislich wahr ist - also Kriterien wie den obigen folgt. Interessanterweise werden "übernatürliche" Studien als Beispiel verwendet. Das ist plakativ, da "übernatürliche" Dinge ja bekanntermaßen nicht passieren. Dort sind Fehler aber besonders häufig und leicht zu finden.

http://andrewgelman.com/2016/09/21/w...-have-changed/
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Perfidulo: Ich hatte erst vor, einen Roman darüber [über das verschwundene Mittelalter] zu schreiben.
Groschenjunge: Was ist der Unterschied zum Jetzt?
Perfidulo: Es quasseln nicht dauernd Leute dazwischen.
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