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Alt 14.02.2016, 18:25   #1
basti_79
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Standard Technologieoptimismus

In letzter Zeit scheinen Ideen häufiger aufzutreten, in denen Technologie eine Spur optimistisch betrachtet wird. Neben dem hysterischen Transhumanismus, einer Ideologie, deren Inhaltsleere ihrem Heilsanspruch in nichts nachsteht, gehört dazu der Glaube an "die Singularität". Eines fernen Tages würden Computer bzw. darauf laufende Software "intelligent genug" werden, und dann schlauere Software programmieren, und immer so weiter, bis alle Probleme der Menschheit gelöst sind.

Typisch für solche Technologieoptimismen ist der Glaube daran, dass "erst einmal" alles so weitergehen muss wie bisher - das heißt, bis die Prophezeiung erfüllt wurde. Das ist ein typisches Element von Prophezeiungen: das erwünschte oder erwartete ist noch nicht der Fall, und erst einmal muss alles weitergehen wie bisher.

Als Beispiel für Institutionen solcher Ideologien will ich zwei Fälle erwähnen. Der eine wäre "Singularity University", anscheinend ein Ableger der NASA.

http://www.welt.de/wirtschaft/webwel...t-geloest.html

Zitat:
Er glaubt an eine bessere Welt durch Technik: "In zehn Jahren werden wir kostenlose Bildungswerkzeuge haben, die besser unterrichten als menschliche Lehrer", sagt Nail.
So etwas zu erzählen ist natürlich in einer deutschen Tageszeitung doppelt zynisch. Zum einen gibt es solche Werkzeuge schon, in Deutschland ist das, was man damit tut, aber immer gerade die Antithese von "Bildung". Das ist so ein Kulturphänomen, nach dem als "Bildung" nur das bezeichnet wird, was unter Gewaltdrohungen und großer Qual in die Hirne junger Menschen gebracht wurde. Die Frage nach der "Qualität" von "Lehrern" bzw. von "Bildungskonzepten" spielt eine nachrangige Rolle, taugt allenfalls dazu, zu entscheiden, welches Individuum die schlimmere Krankheit trägt bzw. welche behördlich angeordnete Sozialstruktur die für die Individuen am meisten schädlliche ist.

Das Wort "unterrichten" ist wahrscheinlich bei der Übersetzung falsch gewählt worden. "Gut unterrichten" bzw. "wohlerzogen" bedeutet in Deutschland, dass Kinder und Jugendliche ohne Laut- oder Willensäußerungen in erstarrter Körperhaltung vor irgendeinem Beamten verharren, und danach für den Rest ihres Lebens Freude und Dankbarkeit zum Ausdruck bringen. Je länger sich so etwas hinzieht, desto besser ist der "Unterricht". Die "Aufgabe", die Qualität und Dauer dieser Erstarrung zu kontrollieren, könnten Computer ohne weiteres übernehmen, was leider immer wieder am Widerstand der Lehrer scheitert. Gemeint war wahrscheinlich etwas wie "bilden", und das ist ja etwas, was trotz erheblicher Opfer gar nicht mehr stattfinden kann. Bzw. bei einem "Erfolg" dazu führt, dass einfach alles weitergeht wie bisher.

Zitat:
Langweilige, anstrengende, gefährliche und seelenlose Arbeit muss nicht mehr von Menschen gemacht werden.
Das ist hoffnungslos optimistisch. Es berücksichtigt eben nicht die Tatsache, dass in Deutschland solche Arbeit gewohnheitsmäßig angeordnet wird. Es geht nicht um das "machen müssen". Es geht darum, dass das System erhalten werden muss. Das heißt, nach der Automatisierung bzw. der Singularität wird man die Menschen unter Gewaltdrohungen dazu zwingen müssen, "langweilige, anstrengende, gefährliche und seelenlose Arbeit" zu leisten. Ein witziges Detail am Rande ist, dass diese Umschreibung anscheinend das Berufsbild "Soldat" präzise fasst. Das heißt, Analog zur Arroganz gegenüber Kriegsdienstverweigerern wird man feststellen, dass "Soldat" genau der Beruf ist, den man nun am wenigsten durch Maschinen wird ersetzen können. Ansonsten "gehen ja die Arbeitsplätze verloren".

Zitat:
Als Instrument schlägt Nail ein universelles Grundeinkommen vor – und ist auch hier langfristig kalifornisch-optimistisch: Die Generation, die mit dem Internet aufgewachsen ist, sei schon viel gemeinschaftlicher eingestellt.
Das erklärt dann auch, warum die ganzen Nazis bei BGE-Diskussionen so laut zetern. Die verstehen, dass das ganze System darauf aufbaut, dass, wer nicht "arbeiten will, nicht essen soll". Selbstverständlich muss erst einmal alles so bleiben, wie es ist, deswegen wird man bei der "Singularity University" zwar irgendwas von Weltraum und Computern faseln, aber nichts für ein BGE tun, bis nicht die Singularität eingetreten ist.

Eine andere Institution für solche Ideen ist das "Venus Project" von Jacques Fresco.

https://www.thevenusproject.com/

Mangels medialer Exposition entgeht den Medien die Möglichkeit, darzustellen, dass, wenn sich irgend etwas ändert, die Welt sofort untergeht und jede Veränderung deswegen vermieden werden muss. Den nimmt man einfach gar nicht ernst.

Zusammengefasst könnte man sagen, dass bis jetzt jede Technologie, die etwas hätte bewirken können, an den Behörden gescheitert ist. Es gibt keinen Grund, zu denken, dass Beamten umdenken könnten oder gar Veränderungen akzeptieren. Der einzige Weg dazu, Behörden an die Realität anzupassen, ist und bleibt, abzuwarten, bis Beamten sterben (bzw. in den Ruhestand gehen) und durch neue ersetzt werden.

Und solange die Behörden die Möglichkeit dazu haben, auszuwählen, wer sie beerbt, wird das auch noch eine Weile so bleiben. Im "Notfall", sollte sich irgendeine Änderung erkennen oder erahnen lassen, oder eine Form von Bewegung in der Bevölkerung wird der Bundestag schlicht und einfach den Staat zu einer Diktatur umbauen und nach aussen hin von "innenpolitischen Angelegenheiten" reden.

Das ganze hätte man auch einfacher haben können, sich z.B. wie die Amish oder Mennoniten in irgendeiner Kolonie niederlassen und in der frühen Neuzeit leben. Und dann rumjammern, wenn einem auffällt, dass nicht jeder so bescheuert ist, Dummheit als Intelligenz zu feiern. Obwohl. Eigenlich ist es ja so. Bloss, dass man in der Beamtenkaste denkt, dass die Zivilisten ihr zuzuarbeiten hätte.

Wenn eine größere Menge Zivilisten herausfindet, was hier alles gelaufen ist, bevor die Beamten ihre Strategie von "Stillstand" auf "Entwicklung" geändert haben, wird es wahrscheinlich etwas ungemütlich werden. Die einzige Chance der Behörden ist, zu verhindern, dass Zivilisten nachdenken. Und das geschieht hier immer heftiger und macht die Leute immer kränker.

Ich weiß nicht, ob die Geschichtswissenschaftler überhaupt einen Bedarf dafür erkennen, dieses Phänomen und damit diese Zeit auch überhaupt zu benennen. Wahrscheinlich werden sie es nicht tun, auch damit niemand versteht, was überhaupt vor sich geht. Meine Vorschläge wären:
  1. Die große Lethargie
  2. Beamtenmikado
  3. blinde Ideokratie
  4. Zynismus
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Perfidulo: Ich hatte erst vor, einen Roman darüber [über das verschwundene Mittelalter] zu schreiben.
Groschenjunge: Was ist der Unterschied zum Jetzt?
Perfidulo: Es quasseln nicht dauernd Leute dazwischen.
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