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Alt 22.04.2012, 19:22   #7
Sakslane
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Hm... Versuchen wir mal, das ganze ein wenig in den Kontext der ART zu bringen - oder umgekehrt, die ART ein wenig im Lichte deiner These zu erläutern.

Du hast völlig Recht damit, dass jede Größe in der ART von einem "Beobachter" abhängig ist. Ein solcher Beobachter ist in der ART definiert durch 1. eine Weltlinie, also eine Kurve in der Raumzeit, entlang der er sich bewegt, sowie 2. durch ein entlang dieser Weltlinie mitbewegtes, lokales Koordinatensystem. Diese Weltlinie definiert zugleich auch die "Eigenzeit" des Beobachters, d.h. die Zeit, die eine von ihm mitgeführte Uhr anzeigt. Unter Verwendung seines Koordinatensystems misst ein solcher Beobachter nun an jedem Punkt seiner Weltlinie (d.h. für jeden Wert seiner Eigenzeit) physikalische Größen, wie z.B. die Krümmung der Raumzeit (und damit die Gravitation) oder elektromagnetische Felder. Ein anderer Beobachter, der andere Koordinaten benutzt, misst andere Werte für die gleichen Größen - beide können ihre Messergebnisse mittels der Lorentztransformation vergleichen.

In der ART haben diese Beobachter einige Eigenschaften, die in diesem Zusammenhang wichtig sind. Insbesondere liegt die Weltlinie jedes Beobachters innerhalb der Raumzeit. Es gibt also keinen "externen Beobachter" oder "externen Standpunkt", von dem aus man die gesamte Bewegungshistorie der Massen im Universum wahrnehmen könnte. Jeder Beobachter misst zu jeder Zeit nur die Felder, die an diesem Punkt seiner Weltlinie (also an einem Punkt der Raumzeit) vorhanden sind. Nur diese Felder bestimmen, welche Kräfte auf ihn wirken und wie er sich weiter bewegt, wenn er sich im freien Fall befindet. Insbesondere bestimmen diese Felder damit auch die Bewegung aller Massen im Universum.

Die Frage ist nun, wodurch diese Felder an einem bestimmten Punkt der Raumzeit bestimmt werden. Auch darauf gibt die ART eine Antwort: Die Werte der Felder ergeben sich durch die Materieverteilung, und zwar nicht durch die Materieverteilung innerhalb der gesamten Raumzeit, sondern nur in einem gewissen Ausschnitt davon, den man als "Vergangenheitslichtkegel" bezeichnet. Das ist der Teil der Raumzeit, von dem aus ein Signal zu dem Punkt geschickt werden kann, an dem wir die Felder betrachten. Nur von dort aus kann die Materie einen Einfluss auf die Felder nehmen, und damit letztlich auch auf die Bewegung von anderer Materie, die diesen Punkt passiert.

Wenn wir dies nun auf deine These anwenden, dann folgt daraus: Im Rahmen der ART hängt die Bewegung der Materie und die damit verbundenen Felder (und damit letztlich auch die Geometrie der Raumzeit, die nichts anderes ist als ein solches Feld), nicht von der gesamten Bewegungshistorie (also einem Echo oder "Massenabdruck" - oder gar ihrer zukünftigen Position) ab, sondern nur von der Materieanordnung in einem begrenzten Bereich der Raumzeit. Das ist auch ganz gut so, denn ansonsten würden z.B. heutige Ereignisse prinzipiell die Vergangenheit beeinflussen können, und das hätte dramatische Folgen nicht nur für die Physik, sondern auch für unseren Alltag.

Trotzdem ist es natürlich immer gut und sinnvoll, sich solche Gedanken über das Universum zu machen - allein schon deshalb, weil man dadurch immer ein Stück mehr vom Universum verstehen kann, und natürlich auch davon, warum Dinge in der Physik gerade auf die eine oder andere Art und Weise erklärt werden, und wo es dort noch Lücken gibt.
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