Einzelnen Beitrag anzeigen
Alt 18.11.2010, 19:21   #2
Atlantologe
Lebendes Foren-Inventar
 
Benutzerbild von Atlantologe
 
Registriert seit: 28.03.2009
Beiträge: 4.369
Standard

Hallo erst mal und willkommen an Board!

Ich stimme mit dir im Wesentlichen überein, was deine Einstellung gegenüber Atlantis betrifft; allerdings hast du dich aus meiner Sicht in 2 wesentlichen Punkten geirrt, auf denen du aber dein ganzes Konstrukt aufhängst.

Erstens hielten die Phönizier soweit ich weiß in Iberien nur eine Hafenstadt: Gadis=Cadiz, evtl. noch ein, zwei kleinere Hafenstädte, aber eben nur Hafenstädte, mehr nicht. Andalusien (und auch die Algarve), also das Binnenland, gehörte zur Zeit der Phönizier (späte Bronzezeit) zu Tartessos, und die Tartesser waren eben keine Phönizier. Wenn es dort Silber gab, mussten es die Phönizier eben von den Tartessern erwerben.

Mir leuchtet auch nicht ganz ein, weshalb das für die Erfindung von Atlantis wichtig gewesen sein sollte.

Zweitens – und das ist mein Hauptkritikpunkt – kann ich nicht verstehen, wozu ein blühendes Atlantis im Atlantik erfunden worden sein soll, um die Leute von Andalusien und den Silberminen abzulenken. Dann wäre es doch günstiger gewesen, andere Seevölker aus dem östlichen und zentralen Mittelmeer daran zu hindern, überhaupt nach Iberien zu segeln. Aber während der Zeit der Phönizier waren sie als Seemacht ja ziemlich konkurrenzlos. Wozu also ein blühendes Atlantis erfinden?

Es gibt allerdings eine Hypothese – weiß nicht ob du die kennst –, die auch mit den Phöniziern zusammenhängt und fast identisch ist mit deiner Geschichte, jedoch mit umgekehrtem Vorzeichen. Nach dieser Hypothese war Atlantis tatsächlich eine Erfindung der Phönizier, und tatsächlich auch aus dem Grund, andere Seevölker in die Irre zu führen bzw. von der eigentlichen Absicht abzulenken. Bis dahin praktisch identisch mit deiner Geschichte.

Jetzt der große Unterschied: Kern der von den Phöniziern in die Welt gesetzten Legende war der Untergang von Atlantis: Späterhin aber entstanden gewaltige Erdbeben und Überschwemmungen, und da versank während eines schlimmen Tages und einer schlimmen Nacht (25d) das ganze streitbare Geschlecht bei euch scharenweise unter die Erde, und ebenso verschwand die Insel Atlantis, indem sie im Meere unterging. Deshalb ist auch die dortige See jetzt unfahrbar und undurchforschbar, weil der sehr hoch aufgehäufte Schlamm im Wege ist, welchen die Insel durch ihr Untersinken hervorbrachte.

Das ist der Kern der Legende und der Täuschung. Die Phönizier erfanden die Legende vom unbefahrbaren, versumpften Atlantik. Und warum? Offenbar betrieben sie entlang der europäischen und marokkanischen Atlantikküste, aber auch mit den Inseln (Kanaren, Madeira, vielleicht auch Azoren, möglicherweise sogar mit Völkern an der amerikanischen Ostküste) Handel und hielten das Seefahrts- und Handelsmonopol auf dem Atlantik. Wahrscheinlich fürchteten sie spätere Konkurrenz durch junge aufstrebende Nationen wie z.B. Griechen und den Völkern aus Italien und Sizilien und streuten daher die Legende vom versumpften Meer vor den Säulen des Herakles als abschreckendes Beispiel für alle, die es wagen sollten, sich so weit nach Westen hinaus zu wagen.

Im Gegensatz zu deiner Geschichte wollten die Phönizier potenzielle Konkurrenz nicht von Andalusien abhalten (und sie vielmehr auf den Atlantik locken), sondern im Gegenteil sie vom Atlantik möglichst lange und konsequent durch Abschreckung fernhalten.

Allerdings halte ich auch diese Geschichte von der Atlantis-Erfindung durch die Phönizier für frei erfunden.
Atlantologe ist offline   Mit Zitat antworten