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Alt 05.03.2014, 20:08   #17
Acolina
Hausdrachen
 
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Warum ich Religion (wie auch andere Ideologien) für gefährlich halte, zeigt auch schön dieses Beispiel:
Zitat:
Nirgendwo lässt sich diese schwarze Pädagogik idealtypischer beobachten als in den kirchlich organisierte Heimen. Eindrucksvoll beschrieb dies der SPIEGEL-Journalist Peter Wensierski in seinem Buch „Schläge im Namen des Herrn“ (2006). Von der Überzeugung getragen, dass Kinder böse und von der Erbsünde gezeichnet seien, zielte die christliche Erziehung darauf, diesen Makel zu korrigieren: totale Überwachung und Kontrolle, akkordähnliche Zwangsarbeit, hartes körperliches Strafregime und psychische Erniedrigung waren die christlichen Methoden der Erziehung.
Autoritäre Erziehung in Heimen - Christliche Hiebe: Die Geschichte der Heimerziehung ist eine von brutaler Gewalt. Vor allem die christlichen Kirchen machen sich bis heute schuldig.

Michael Schmidt-Salomon hat das mal hier ("Offenheit statt Offenbarung - Über Humanismus, Agnostizismus und die Diskursunfähigkeit "der Religiösen"", lohnt sich durchaus ganz zu lesen) gut beschrieben:
Zitat:
Die Regenwasser-Dachrinnen-Hypothese

An dieser Stelle der Argumentation taucht regelmäßig ein Einwand auf: All das Unrecht, das da im Namen der Religion geschah und noch immer geschieht, sei nicht auf die „Religion an sich“, auf den Glauben an eine sich offenbarende höhere Macht, zurückzuführen, sondern auf kriminelle Menschen, die sich unberechtigterweise der religiösen Überzeugungen bemächtigten und diese schamlos für ihre niederen Interessen ausbeuteten. Dieses Argument erinnert an Ramakrishna, der auf die Frage, warum Religionen entarten, geantwortet haben soll, dass das Regenwasser rein sei, dass es aber, wenn es Dach und Gassen, die unsauber sind, durchlaufen habe, seine ursprüngliche, reine Klarheit verlöre. Diese „Regenwasser-Dachrinnen-Hypothese“ wird heute von vielen vertreten, doch sie ist falsch: Denn Inhumanität ist keine bloß zufällige Perversion von Religion, Inhumanität ist für Religion konstitutiv, sie ist die eigentliche Wurzel der Religion.

Dies wird deutlich, wenn wir uns veranschaulichen, was eine Religion auf abstrakter Ebene als Religion kennzeichnet: Religionen sind Weltanschauungssysteme, die auf einem Bündel von Aussagen über die Struktur der „Welt an sich“ beruhen, von dem aus Sollsätze für die „Welt des Menschen“ abgeleitet werden. Die Kopplung von Seinssätzen über die „Welt an sich“ mit Sollsätzen für die „Welt des Menschen“ ist für Religion konstitutiv. Sie ist die Grundlage jeder Religion. Eine Grundlage, die sowohl erkenntnistheoretisch unhaltbar ist, als auch fundamental gegen die Regeln des Diskurses, gegen das Prinzip der Gleichberechtigung verstößt. Um dieses Argument zu verstehen, ein kurzer erkenntnistheoretischer Exkurs.

Absage an den Olymp

Eine der größten und wichtigsten Leistungen der kritischen Vernunft ist die Erkenntnis des konstruktivistischen Charakters unserer Weltwahrnehmung und die damit verbundene Absage an den Olymp. Die menschliche Vernunft ist bescheidener geworden. Sie behauptet nicht mehr, die Welt aus olympischer Perspektive erkennen zu können, sie weiß, dass sie dazu nicht in der Lage ist, weil sie selbst „die Welt“ anthroporelational konstruiert. Der Kern dieser Erkenntnis lässt sich in einem einzigen Satz ausdrücken, den zu beherzigen erste WeltbürgerInnen-Pflicht sein sollte: Wir können die Welt nicht wahrnehmen, wie sie losgelöst von unserer Wahrnehmung existiert. [...]

Religion und Diskurs

Die Idee des Diskurses, das Konzept des „herrschaftsfreien Dialogs“, hat als Denkvoraussetzung die Annahme, dass Argumentierende auf gleichberechtigten Diskussionsebenen miteinander verhandeln. Die Akzeptanz der Gleichwertigkeit der Argumentationsgrundlagen ist dabei notwendige Voraussetzung der angestrebten Konsensbildung. Die religiöse Reklamierung eines Anspruchs auf offenbarter „Welt an sich“-Wahrheit verstößt fundamental gegen dieses Grundprinzip des Diskurses, denn der religiöse Mensch benutzt im Gegensatz zum nichtreligiösen nicht nur Argumente, die in der „Welt des Menschen“ beheimatet sind (die gegeneinander abgewogen und modifiziert werden können), er benutzt zudem Argumente, die ihrem Anspruch nach einer höheren Ebene angehören (die durch menschliche Argumente nicht aufgehoben werden können). Durch diese pseudotranszendentale Verstärkung seiner Argumente wird der religiöse Mensch argumentativ unangreifbar. Er steht über den Dingen, berichtet über höhere Einsichten. Konsequenz: Er überhöht sich selbst, übervorteilt und erniedrigt seine(n) nichtreligiöse(n) KommunikationspartnerIn, der/die in der Kommunikation nicht mit gezinkten Karten spielt.

Hierbei ist es wichtig, hervorzuheben, dass der dargestellte Verstoß gegen das Prinzip der Gleichberechtigung – gegen die Humanität von Kommunikation – unabhängig ist von der Qualität der Inhalte, die der religiöse Mensch in der Argumentation ansonsten vertritt. (Humanistisch-emanzipatorisch denkende TheologInnen müssen sich vorwerfen lassen, dass der Ausgangspunkt ihrer Argumentation den von ihnen angestrebten Zielen unüberwindbar widerspricht: Die religiöse Begründung ihrer Humanität entspringt einer radikalen Inhumanität, der Nichtachtung der menschlichen Wurzeln der Wirklichkeitskonstruktion.) An diesem Punkt zeigt sich, wie wenig stimmig die „Regenwasser-Dachrinnen-Hypothese“ (s.o.) ist: Die Inhumanität der Religion ist eben kein zufälliges Resultat profaner historischer Interessen. Es ist absolut nicht verwunderlich, dass das religiöse Modell der Wirklichkeit, welches sich in seiner theoretischen Begründung arrogant über das Menschliche hinwegsetzt, dies auch in seinem gesellschaftlichen Wirken immer wieder praktiziert. Die Grundidee der Religion ist bereits das Problem. Das wird deutlich am Phänomen des religiösen Fundamentalismus.
Den im taz-Artikel beschriebene Umgang mit Kindern bzw. das dahinter stehende Menschenbild ("Der Mensch ist von Geburt an schlecht, sündig, nur durch Jesus Christus kann er "gut" werden, wie das hier auf Erden geschieht, bestimmen wir...") habe ich vor rund 3 Jahrzehnten in der Behindertenhilfe einer großen christlichen Einrichtung noch selbst erlebt. Um so gläubiger "Hauseltern" und Mitarbeiter waren, um so gefürchteter waren sie. Einen ganzen Tag Einsperren im "Stübchen" (bis auf Matratze und Klo leere Zelle) wegen "Widerworte gegen die Hauseltern" (also das Haus leitende Diakonenpaar) war keine Seltenheit. Essensentzug bei der Verweigerung des obligatorischen Gottesdienstbesuchs war auch nicht unbeliebt. Natürlich alles zum Wohle des bösen, sündigen behinderten Menschen. Auch Aussagen, dass Gott schon seine Gründe gehabt habe, einen Menschen mit Behindeung zur Welt kommen zu lassen und dies auf besondere Sünden in der Familie zurück gehe, bekam ich nicht selten zu hören. Gleichzeitig galten besonders behinderte Frauen als Freiwild.

Alles da oben über Kinderheime gesagte, traf auch auf Behinderteneinrichtungen zu.

Natürlich würde dergleichen heutzutage die große Mehrheit der hier lebenden Christen niemals tun, findet es genauso verabscheuungswürdig wie ich und sicher auch du. Auch unser Law sicher. Keine Frage. Aber das ist kein Erfolg der Religion, ihres Glaubens, ihrer heiligen Schriften. Das ist der Erfolg der Aufklärung. Deshalb geht heute auch kaum noch ein Christ hierzulande von einem persönlichen Gott aus (Grundlage des Christentums) oder kann sich wirklich mit dem Glaubensbekenntnis identifizieren (siehe z.B. hier). Meine persönliche Erfahrung ist, dass sehr viele Christen hierzulande gar nicht wissen, was sie da glauben (sollen), wenn man es ihnen erzählt, distanzieren sie sich meist schnell davon Das führt oft zu einem amüsanten Herumeiern

Aber diese Zivilisationsschicht (oder wie man es nennen mag) ist dünn (nicht nur bei Christen und anderen Religiösen, nur die können sich halt - s.o. - so schön auf ihre höhere Macht berufen). Was passiert, wenn sich Christen tatsächlich auf ihren Glauben berufen, sieht man z.B. gerade in Uganda, wo Katholiken und Anglikaner Homosexuelle hetzen und nicht selten ermorden. Noch heute glauben Katholiken an Exorzismus, bilden Exorzisten aus, malträtieren psychisch etc. kranke Menschen mit dergleichen.

Kardinal Meisner: "in betenden Händen ist die Waffe vor Mißbrauch sicher." (Predigt vor Soldaten, Kölner Dom, 30.1.1996)

Lies hier mal, was Christen so alles über meinesgleichen sagen (oder lies, was Law hier so über mich sagt ): Feindesliebe: Prominente Christen diffamieren Agnostiker und Atheisten

Das zeigt schön, dass das Menschenbild, das oben in den christlichen Kinderheimen und Behinderteneinrichtungen zutage tritt, keineswegs heute nicht mehr unter Christen anzutreffen ist. Ganz im Gegenteil. Wenn die könnten, wie sie wollten... Siehe da, wo sie können, wie sie wollen.

Natürlich reicht die einfache Trennung von Staat und Religion nicht aus, sie ist nur ein Teil der Lösung. Dazu muss unbedingt auch eine für alle gültige Ethik wie die Menschenrechte, die sich eben nicht auf höhere Mächte beruft, kommen, die nicht durch Religionen beschnitten werden darf.
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Die freiheitlich-demokratischen Ideale und Werte, die sich jetzt auch im Grundgesetz finden, wurden während der Aufklärung gegen die sich auf Gott und Bibel berufenden Kirchen durchgesetzt. Und weder der Gott Jahwe des Alten Testaments noch der Vater Jesus Christi, noch beide in einer Person, noch Allah vertreten die Werte unseres freiheitlich-demokratischen Staates. Sie müssen sie erst noch erlernen. (Gerd Lüdemann, Theologieprofessor)
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