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Alt 07.07.2017, 15:28   #101
basti_79
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Meiner Meinung nach hatte ja gerade der Venkman immer wieder nachgefragt. Diese Fragen habe ich nicht als rein rhetorisch betrachtet, wie man es vielleicht tun könnte. Also wäre es vielleicht gut, dort anzufangen.

Zitat:
Zitat von Charly
Wann ist der Zufall unrealistisch?
Ich lese die Frage so: "Wann können wir 'Zufall' als Erklärung für ein Ereignis ausschließen?" - ganz im Sinne Poppers' kritischen Rationalismus.

Das hängt ganz vom gemeinten Ereignis ab. Man kann so als Faustformel sagen: wenn man in einem Experiment nicht alle bis auf 2 oder 3 Bedingungen unter Kontrolle des Experimentators bringen kann, dann ist das Experiment wertlos.

Deine Erfahrungen haben (anscheinend alle) die Qualität "Mein übernatürlicher 6. Sinn hat mich vor einem Unglück bewahrt". Noch dazu scheint dieser Sinn so gut wie immer eine der Formen der Hauptsinne anzunehmen. Mich selber bringt das erst einmal zu der Frage, ob es sich bei diesem 6. Sinn nicht um vorbewusst verschobene, normale Wahrnehmungen handelt. Also hättest Du z.B. das Baustellenfahrzeug schon gesehen, die Wahrnehmung ist Dir aber eben auf diesem, von Dir als ungewöhnlich bezeichneten, Weg bewusst geworden.

In meiner Erfahrung gibt es durchaus ein Phänomen wie "Priorität" bei Sinneswahrnehmungen [*]. Das heißt, besonders wichtige Wahrnehmungen werden anscheinend "out of Band" markiert (d.h. verändern nicht ihre Gestalt) und rücken so in den Mittelpunkt meiner Aufmerksamkeit. Das können Hinweise auf Gefahren sein, aber auch allgemein Überraschungen oder aber Dinge, die mir besonders wichtig sind. Ohne das jetzt ins Lächerliche ziehen zu wollen: darunter fallen z.B. Gesichtszüge, Mimik oder auch bestimmte Körperteile von Frauen, die ich begehre, oder Gegenstände, auf die ich einen "Fetisch" entwickle, mein Spinner z.B., mein Smartphone oder meine Computerhardware. Besonders heftig kann diese Markierung werden bei Nachrichten anderer Leute (allgemein Nachrichten, obwohl da gesprochene Sprache und Schrift natürlich Sonderrollen einnehmen).

Wenn diese "Priorität" besonders hoch ist, kann die Wahrnehmung durchaus eine gewissermaßen "übernatürliche" Qualität annehmen. Dass ich bei einer Frau, die ich über alles Liebe, auf 100 m eine winzige Regung im Gesicht wahrnehmen kann, oder dass ich mich ganz genau an den Tonfall eines anderen in einem Gespräch vor Wochen erinnere, der mir jetzt verrät, dass jemand anderes gelogen haben muss, oder so etwas. Ich schreibe gewissermaßen, weil ich weiß, dass all das Ausbünde meines Nervensystems sind, und es keiner übernatürlichen Erklärung Bedarf.

Das ist einfach das Ergebnis jahrmillionenlanger Adaption an eine Umwelt, die zuerst nur aus körperlicher Präsenz in einer gefährlichen Wildnis Bestand, und in der vor vielen hunderttausend Jahren die Gehirne einer bestimmten Familie der Primaten so groß wurden, dass sie auf einmal in der Lage waren, beliebige Symbole mit Inhalt zu füllen. Woran man sich natürlich auch erst einmal wieder adaptieren musste.

Religion (mit den Varianten oder Erweiterungen des heutigen "Glauben ans Übernatürliche" oder der Esoterik z.B.) sehe ich als (beinahe notwendige) Vorstufe auf dem Weg zu einem individuellen, wachen, kompatiblen Bewusstsein. Das rührt daher, dass, wenn ein Gehirn noch nicht in der Lage ist, sämtliche Erfahrungen zu "integrieren", d.h. in der richtigen Intensität im Gedächtnis abzulegen, und bedarfsgerecht darauf zu reagieren und zu kommunizieren, man heutzutage auch überleben kann, wenn man nicht individuell, nicht wach oder nicht kompatibel ist.

Ich würde sogar so weit gehen, zu behaupten, dass niemand das Recht hat, Leute aus ihrer letztendlich selbstverschuldeten Unmündigkeit zu befreien. Das müssten die schon selber erledigen. Das rührt auch aus der Erfahrung her, dass nur wenige abstrakte Inhalte, die ich im Laufe meines Lebens gelernt habe, im Alltag nützlich waren, und dass man meistens auch noch ziemlich angefeindet wird, wenn man nützliche Inhalte zu verbreiten versucht. Manche Leute wollen scheinbar nichts anderes, als in der Unmündigkeit verharren.

[*] = hier wie bei allen Ausführungen zum Thema Wahrnehmung ist zu beachten, dass ich das Asperger-Syndrom habe, und dass die Art und Weise meiner Wahrnehmung sich deswegen von der beim Großteil der Bevölkerung erkennbar unterscheidet.
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Perfidulo: Ich hatte erst vor, einen Roman darüber [über das verschwundene Mittelalter] zu schreiben.
Groschenjunge: Was ist der Unterschied zum Jetzt?
Perfidulo: Es quasseln nicht dauernd Leute dazwischen.
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