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Alt 28.02.2017, 15:51   #1
basti_79
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Standard Dokument übergeben: "Chemtrails: Sauberer Himmel?"

Jemand übergab mir dieses Dokument mit den - sparsamen - Worten:
Zitat:
hier hast du wissenschaftliche Belege
Wir hatten vor mehreren Monaten über das Thema "Chemtrails" geredet, seitdem eigentlich nur über Cloudbusting, "alternative Medizin" und religiöse und weltanschauliche Fragen. https://www.scribd.com/document/3404...017-Chemtrails Durchaus typisch für Texte aus diesem Formenkreis wird der Text mit einigen Bildern eingeleitet, auf denen man einen Unterschied zwischen "gesundem Himmel" und "verseuchtem" erkennen soll. Unterschiede gibt es da - zwischen den Fotos. Die zu untersuchende Behauptung wäre, ob diese Unterschiede auf äussere Einflüsse zurückgehen, oder durch die Auswahl der Fotos zustande kommen.

Da ich demjenigen einmal versprochen hatte, mich mit solch einem Dokument inhaltlich zu beschäftigen, tue ich das jetzt.
1. ETH Zürich: Die Atmosphärenphysikerin Prof. Ulrike Lohmann – aluminiumhaltige Nanoteilchen in der Luft!
Zunächst einmal fällt auf, dass Frau Lohmann diesen Text anscheinend nicht autoritisert hat - die Redakteure der Broschüre haben anscheinend einfach ihr Bild und ihre Meriten verwendet und in einen anderen Kontext gesetzt. Abseits davon, dass das schlechter Stil ist, wird die ursprüngliche Aussage arg verfälscht und mit politischen Zitaten verknüpft. Was da von der ETH wirklich gemessen wurde, kann man (Primärquelle ist leider nicht kostenfrei verfügbar) auf einem Satz Folien hier nachvollziehen:

http://www.nanoparticles.ch/archive/2016_Lohmann_PR.pdf

Man hat da den Ruß, der aus einem typischen Flugzeugtriebwerk ausgestoßen wurde, eingefangen und charakterisiert, um zukünftig Voraussagen darüber machen zu können, welche Wirkung Flugzeugabgase auf die Bildung von Wolken haben. Es ist schon lange geläufig, dass Flugzeugabgase Wolken hervorbringen können, und da es so viel Flugverkehr gibt, wäre es wichtig, mehr darüber zu erfahren. Anders, als in der Broschüre angedeutet wird, wird keine Aussage über absolute Mengen gemacht, sondern es wird letztendlich nur die Zusammensetzung dieses Russes gemessen. Die absoluten Mengen sind erstaunlich gering: nach Yu et al. liegen sie knapp über 200 mg pro kg ausgestossenem CO2. Davon ist dann - unter ungünstigsten Bedingungen - weniger als 1% Barium. Der kleinste Schwellwert für Barium ist 0,72 mg/m³. Man kann das ohne weiteres nicht umrechnen, aber man kann wohl ohne weiteres sagen, dass man das Risiko eingeht, dass das Barium aus Flugzeugabgasen "lokale toxische Wirkungen" entfaltet, d.h. dass man sich etwas wie eine Bronchitis holen könnte, wenn man längere Zeit (rußige!) Flugzeugabgase einatmet. Hätte sich der Ruß vorher niedergeschlagen, wie er es zu tun pflegt, wäre diese Gefahr geringer.

Da der Ruß aus den Triebwerken von fliegenden Flugzeugen in großer Höhe freigesetzt wird, wird er auf dem Weg nach unten in größeren Luftmengen verteilt. Dabei wird z.B. auch das Barium so weit verdünnt, dass am Boden kein Einfluss von Flugzeugabgasen mehr erkennbar ist. Um das mal ins Verhältnis zu setzen: damit es zu erkennbaren Bleivergiftungen kam, mussten Millionen Tonnen Tetraethylblei (das zu etwa zwei Dritteln aus Blei besteht) verbrannt werden. Der Verbrauch durch Flugbenzin beläuft sich auf 13% [x] von 4.1 Mrd. t Erdöl [x], also auf gut 500 mio. t. Selbst, wenn man Barium und Blei als vergleichbar toxisch betrachtet (was nicht der Fall ist, Blei ist ein starkes Nervengift, Barium nicht), müsste man eine sehr dehnbare Auffassung von Wahrheit haben, um zu behaupten, es könnten sich am Boden gefährliche (oder auch nur messbare) Bariumkonzentrationen ergeben.

Wie üblich für Chemtrail-Geschichten wird dann auch das Aluminium bemüht. Da sieht es noch knapper aus mit der Argumentation. Aluminium ist nicht nur ziemlich wenig (wenn überhaupt) giftig, es ist auch noch ziemlich häufig. Während bei Barium immerhin die theoretische Möglichkeit besteht, dass man den Eintrag in die Umwelt durch Flugbenzin nachweisen könnte, halte ich das bei Aluminium wegen dessen Häufigkeit für völlig unmöglich. Da ausserdem das Barium aus dem Benzin (bzw. aus dem Öl, das auch immer zum Teil mit verbrannt wird) stammt, müsste man es in Autoabgasen ungefähr in vergleichbaren Mengen finden. Da viel mehr Öl in Automotoren verbrannt wird als in Flugzeugbenzin, dürfte so auch viel mehr Barium freigesetzt werden. Der Eintrag durch Autoabgase wird jedoch (merkwürdigerweise) nicht thematisiert.

Der Abschnitt über die Arbeiten Lohmanns und ihrer Kollegen wird mit einem Hinweis auf ein anderes Thema beendet:
Zitat:
Was sind die genmanipulierten Pflanzen und die sogenannten Termintorsamen, die nur einmal aufkeimen, aber sich nicht vermehren können, anders als die totale Lebensmittelkontrolle.
Schon der zweite Abschnitt ist noch einmal deutlich dürrer.
2. "Schweizerschülerinnen haben Aluminium und Barium im Wasser nachgewiesen"
Die Autoren der Broschüre scheinen ihre Quelle nicht einmal selber gelesen zu haben. Dort steht nämlich, was dieser Nachweis bedeutet: nicht besonders viel. Ausgehend vom - alarmistischen, hysterischen - Ergebnis wird schlicht und einfach behauptet, dass dieses stimmig sei. Das ist ein Zirkelschluss. Welche Grenzwerte man bei Aluminium und Barium anlegen sollte, ob diese überschritten wurden - keine Auskunft.
3. Chemtrails – Nachweis für Aluminium und Barium im Schweizer-Regenwasser
Der dritte Abschnitt präsentiert das "Ergebnis" (eigentlich eher: dessen politische Interpretation) des zweiten Abschnitts noch einmal. Doppelt gemoppelt hält besser, oder was?
4. Zeugnis: "Ich bin hier, um zu bezeugen dass es die Chemtrails wirklich gibt."
Dieser Abschnitt weicht etwas vom bisherigen Muster ab. Die ersten drei Abschnitte zitierten (mehr oder weniger genau) Menschen, die behauptet hatten, mit naturwissenschaftlichen Mitteln ungewöhnliches in der Umwelt gemessen zu haben. Im vierten Abschnitt werden verschiedene Aussagen von (mehr oder minder fachlichen) Fachleuten präsentiert, die man mit viel gutem Willen so lesen kann, als würden sie die Existenz von Chemtrails untermauern. Abseits davon, dass es sich durchweg um Autoritätsargumente handelt, ist bei einigen der Fachleute bekannt, dass sie nicht davon ausgehen, dass es Chemtrails überhaupt gibt, ja, sich sogar teilweise weigern, in diesen Zusammenhang gebracht zu werden.

Einige andere der genannten Fachleute sind als Unterstützer der Chemtrail-Idee bekannt. In der Broschüre wird nicht auf die unterschiedlichen Positionen hingewiesen, sondern es werden Befürworter und Gegner Seite an Seite gestellt. Es werden auch in diesem Abschnitt keine Argumente aufgegriffen, sondern im Gegenteil, es scheint nur darum zu gehen, darzustellen, dass "der Laie staunt und der Fachmann sich wundert". Was die Leute für Hintergründe haben, was sie für Argumente vortragen, wird ausser Acht gelassen. Es wird stattdessen mit Fettdruck und anderen Möglichkeiten der Betonung von Emotionen gearbeitet.
5. Resultate der Forschung bei der Empa in Dübendorf-Schweiz
Da geht es um Feinstaub - der zwar ein Problem ist, aber ja nicht in reiner Form auftritt. Es ist geläufig, dass der meisten Feinstaub nicht aus Flugzeugtriebwerken stammt. Das Format dieses Abschnitts folgt eher dem des vorhergehenden, mit ähnlichen Problemen.

Ins Auge fällt eine - isolierte - Behauptung:
Zitat:
Aluminium ist neurotoxisch.
Diese Behauptung geistert schon seit langer Zeit durch die Köpfe der Menschen. Ich meine mich zu erinnern, schon zu meiner Schulzeit davon gehört zu haben, dass Aluminium als Ursache für die Alzheimer-Krankheit in Betracht gezogen wurde. Erkenntnisfortschritt hat es da (trotz hochempfindlicher Messemthoden, s.o.!) keinen gegeben, Menschen, die mit Aluminium arbeiten, haben keine besonderen Krankheiten, die nachweisbaren Konzentrationen sind minimal und die Behauptung scheint auch nur da (zwischen etlichen "Zeugenaussagen") zu stehen, um den Leser aufzuschrecken.

Die Zitate befassen sich mal mit der (unterstellten) Giftigkeit des Aluminiums, mal mit der (politischen oder wissenschaftlichen) Einordnung von Chemtrails. Besonders viel Wert wird anscheinend auf die Titel der zitierten gelegt, und wieder scheinen Argumente zu fehlen. Es geht in diesem Dokument noch etliche Seiten so und ähnlich weiter, später werden wieder viele farbige Fotos präsentiert - komplett mit Deutung, es werden Heilversprechen gemacht, die Themen changieren etwas, aber bis zum Schluss fehlt der Überblick.

Meine Diagnose: typisch für die Chemtrail-Szene, nichts Neues, schon bei oberflächlicher Prüfung fallen etliche Abschnitte durch, mit Wissenschaft hat das nichts zu tun, eher mit ideologisch verzerrter Darstellung, und anstelle der Autoren dieser Broschüre würde ich aufpassen, dass ich nicht in einer nächsten Ausgabe eine Gegendarstellung abdrucken muss, oder nachher noch eine Verleumdungsklage an den Hals bekomme.

Dem Boten (den ich hier ungenannt lasse, aber auf diesen Beitrag hinweisen werde) möchte ich mitteilen, dass ich solche Dokumente kenne, in dem Sinne, als dass mir jedes Jahr etwa 5 davon zugespielt werden (die wenigsten befassen sich allerdings mit Chemtrails), dass man Gemeinsamkeiten auch unabhängig vom konkreten Thema erkennen kann, dass die Schwächen immer dieselben sind, dass auch dieses Dokument mich nicht von der Chemtrail-Hypothese überzeugen konnte, und dass ich da schlicht andere Maßstäbe anzusetzen scheine als viele andere. Was dann wieder erklärt, warum diese Dokumente so gerne zirkuliert werden.
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Perfidulo: Ich hatte erst vor, einen Roman darüber [über das verschwundene Mittelalter] zu schreiben.
Groschenjunge: Was ist der Unterschied zum Jetzt?
Perfidulo: Es quasseln nicht dauernd Leute dazwischen.
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