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Alt 27.07.2009, 18:20   #1
Zeitungsjunge
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RSS-Feed Chronischer Juckreiz

Nun haben wir also, offiziell, eine neue Volkskrankheit. Etwa 17 Prozent der Bevölkerung, so stellte sich kürzlich heraus, leiden unter lästigem dauernden Juckreiz, Pruritus genannt. Beim Lesen der Meldungen könnte man den Eindruck bekommen, dass es sich um eine neue Entwicklung handelt, aber das halte ich für unwahrscheinlich. Vielmehr ist chronischer Juckreiz bisher ein unterschätztes und wenig untersuchtes Problem gewesen. Pruritus ist zwar schon seit Jahrhunderten bekannt, doch erst jetzt wurde in Münster ein medizinisches Zentrum für die Behandlung von chronischem Juckreiz gegründet

Es ist gar nicht so lange her, da galt Juckreiz noch als Variante des Schmerzempfinden. Schmerz und Juckreiz (aber auch Temperaturempfinden) verwenden teilweise die gleichen Nervenleitungen, und können auf diesem Weg leicht beeinflusst werden. Trotzdem spricht viel dafür, dass beide fundamental unterschiedliche Sinneswahrnehmungen sind. Es gibt jedenfalls keinen fließenden Übergang zwischen Schmerz und Juckreiz – das eine kann nicht ins andere überführt werden. Zusätzlich lösen viele schmerzstillende Medikamente Juckreiz erst aus, während schädliche Stimuli, die Schmerzen auslösen können, Juckreiz effektiv unterdrücken können. Untersuchungen auf zellulärer Ebene zeigen auch, dass es an besonderen Typen von Sinneszellen juckt.



Wenn es juckt, dann ist meistens etwas mit der Haut faul. In den letzten paar Hunderttausend Jahren war der Hauptgrund irgendein Parasit, und deswegen kratzen wir uns an den entsprechenden Stellen. Der Kratzimpuls ist so fest verdrahtet, dass man ihm praktisch nicht widerstehen kann. Neben Parasiten können auch Entzündungen der Haut oder heilende Wunden jucken. Oft jedoch liegt die Ursache im wahrsten Sinne des Wortes tiefer. Möglicherweise bis zu 50% aller hartnäckigen Juckreize basieren auf systemischen Erkrankungen wie Nierenversagen und anderen Stoffwechselstörungen, AIDS, Tumorerkrankungen, Diabetes, Allergien und andere. Hinzu kommen psychische Ursachen und Nebenwirkungen von Medikamenten.

Die Juck-Sensoren
Das Juckgefühl hat seinen Ursprung in der obersten Schicht der Haut oder der Schleimhäute. Dort liegen die C-Fasern, eine spezielle Form von Nervenenden die 1997 entdeckt wurde. Diese Nervenfasern sind nicht von einer Myelinscheide umgeben und leiten Nervenimpulse vergleichsweise langsam weiter. Dafür decken sie ungewöhnlich große Hautbereiche ab und reagieren auf das Molekül Histamin. Histamin-sensitive Nervenfasern wurden auch im Zentralnervensystem von Katzen gefunden, ein weiterer Hinweis auf ein separates Sinnesnetzwerk für Juckreize. Jucken kann fast jede Stelle des Körpers, bei mir sind es zum Beispiel die Gehörgänge[1].

Verschiedene körpereigene und fremde Chemikalien können dieses Netzwerk anregen. Ganz oben auf der Liste steht natürlich Histamin, das mit den Mastzellen des Immunsystems zusammenhängen. Tatsächlich können auch andere Mastzell-Mediatoren Juckreiz auslösen. Andere körpereigene Aktivatoren sind Serotonin und einige Neuropeptide. Ein wichtiger Auslöser von Juckreiz sind Cytokine, die bei Entzündungsreaktionen vom Immunsystem freigesetzt werden: Entzündungen jucken bekanntlich. Als Schmerzmittel eingesetzte Opiate lösen ebenfalls oft Pruritus aus, speziell bei Kaiserschnitt-Geburten tritt diese (vorübergehende) Komplikation erstaunlich häufig auf. Es ist diese große chemische Vielfalt, durch die Juckreiz so schwer zu lindern ist. Manchmal helfen Antihistamine, in anderen Fällen Naloxon.

Schon die Ursache für hartnäckigen Juckreiz zu finden ist oft nicht einfach. Plötzlich auftretender lokaler Juckreiz spricht eher für eine konkrete Hautkrankheit, wenn es langsam losgeht sollte man eine systemische Ursache in Betracht ziehen. Wenn Familienmitglieder und Verwandte anfangen sich zu kratzen ist es jedenfalls eher ein Fall für den Kammerjäger... Aber das ist ein Thema für sich.

Eine Vielzahl von Ursachen...
Insgesamt ist Pruritus nach wie vor rätselhaft, speziell die Pathophysiologie von Juckreiz im Zusammenhang mit entzündlichen Hauterkrankungen, zum Beispiel atopischer Dermatitis, bei der stark juckende Ekzeme auftreten, die nicht heilbar sind. Es ist wahrscheinlich, dass der Juckreiz genau wie der Schmerz zu einem großen Teil im Kopf passiert, wie der Pruritus im Gehirn repräsentiert ist, weiß man allerdings nicht. Genauso wenig existiert ein brauchbares Tiermodell für Juckreiz, und eine Methode Juckreiz zu lindern, ist schon gar nicht in Sicht.

Das liegt unter anderem auch daran, dass es nicht einmal sichere Daten darüber gibt, wo und wie häufig es eigentlich juckt. Die Grenze zwischen normalem, episodischem Juckreiz und einem echten lästigen Pruritus ist fließend, viele Patienten und auch Ärzte unterschätzen den Effekt. Dabei kann dauernder Juckreiz, beziehungsweise das reflexartige Kratzen, großflächige Wunden, Entzündungen und Gewebezerstörung verursachen.

Behandelt wird der Kram meist mit allen möglichen Hautsalben, gelegentlich Antihistaminika, Naloxon, verschiedenen Badezusätzen oder anderen Mittelchen. Die Erfolgsquote ist laut Literatur überwiegend sehr mäßig, abgesehen von den Fällen, in denen eine zugrunde liegende Krankheit als direkte Ursache identifiziert werden kann.

Nierenversagen ist eine der systemischen Krankheiten, bei denen es einen kausalen Zusammenhang zu Juckreiz gibt. Bis vor einigen Jahren waren noch bis zu 80% der Dialysepatienten von diesem urämischen[2] Pruritus betroffen, vor allem an Armen, Rücken und Gesicht. Diese Quote ist allerdings sehr stark zurückgegangen, möglicherweise aufgrund besserer Blutwäsche und Überwachung. Der Juckreiz wird stärker, je länger die letzte Dialysesitzung zurückliegt, und verschwindet meist abrupt nach einer Nierentransplantation. All das spricht dafür, dass es sich beim renalen oder urämischen Pruritus höchstwahrscheinlich um Vergiftungssymptome handelt, ausgelöst von Abfallstoffen, die nicht ausgeschieden werden.

Wenn man der einschlägigen Literatur glauben darf, gibt es kaum etwas, was nicht gegen den urämischen Pruritus ausprobiert wurdeAktivkohle, Capsaicin, Heparin, Lidocain, Thalidomid, Weizengrieß, rückfettende Cremes oder ultraviolette Strahlung. Am effektivsten beseitigen den Juckreiz jedoch effektive Dialyse und – dauerhaft – eine Nierentransplantation.

Lebererkrankungen lösen ebenfalls oft Juckreiz aus. Besonders heimtückisch ist der cholestatische Pruritus, bei dem Kratzen oft keine Erleichterung verschafft, doch jucken tun fast alle Leberkrankheiten und auch zum Beispiel Karzinome des Gallenganges. Im Fall von AIDS kann Juckreiz sogar eines der ersten Symptome sein – gemerell geht die Immunschwäche sehr oft mit Pruritus einher, sei es ohne Ursache oder durch externe Faktoren wie Pilze oder Parasiten.

Auch Depressionen und Psychosen können ohne ersichtlichen Grund mit starkem Juckreiz verbunden sein, in diese Kategorie fällt auch der Dermatozoenwahn, den ich hier schon mal erwähnt hatte. Pruritus nimmt aus bislang ungeklärter Ursache mit dem Alter zu, vermutet wird, dass neben allgemein trockenerer Haut auch Alterskrankheiten wie Atherosklerose oder Degeneration der Nervenenden dafür verantwortlich sein könnte. Das Problem beim psychisch bedingten Juckreiz ist einfach, dass es sich um eine reine Ausschlussdiagnose handeln muss – erst wenn definitiv keine physische Ursache vorliegt, kann man sagen, dass der Grund im Gehirn ist. Angesichts der enormen Vielzahl möglicher Auslöser nahezu ein Ding der Unmöglichkeit

und keine Therapie
Eine allgemeine Therapie für Juckreiz gibt es aus den genannten Gründen nicht – entscheidend ist, dass die zugrunde liegende Erkrankung identifiziert und behandelt wird. Patienten wird geraten, provozierende Faktoren zu vermeiden, zum Beispiel durch angemessene Kleidung (Baumwolle), Verzicht auf exzessives Baden oder Duschen, Strategien gegen unwillkürliches Kratzen oder Vermeiden von Stress. Darüber hinaus gibt es eine ganze Reihe Methoden, mit denen man den Symptomen zu Leibe rückt, das Spektrum reicht von befeuchtenden oder Capsaicin-haltigen Hautsalben über lokale Anästhesie, den immunmodulierenden Macroliden wie Tacrolimus bis hin zu reinen Placebo-Verfahren wie Akupunktur.

Der Placebo-Effekt ist bei Pruritus besonders wirkmächtig – bei bis zu zwei Dritteln aller Probanden dieser (merkwürdigen) Studie führte eine bloße Scheinbehandlung zu einer deutlichen Verbesserung. Das funktioniert natürlich auch in die andere Richtung – wenn man sich einredet, dass etwas wahnsinnig juckt, dann wird genau das auch passieren.
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[1] Das hat den Vorteil, dass ich die betroffenen Stellen nicht kratzen kann. Es hat allerdings auch den Nachteil, dass ich die betroffenen Stellen nicht kratzen kann...

[2] Der Name ist irreführend, denn Harnstoff ist nicht der Auslöser des Juckreize

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