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basti_79 10.04.2017 15:54

Stillstand im Schulsystem 2005-2010
 
Die unter Lehrern und ihren Unterstützern verschriene Bertelsmann-Stiftung hatte schon 2005 (!) versucht, zu erheben, in welchem Maße Schüler ihren Alltag meinen, selber bestimmen zu können, und was Lehrer uns dazu zu sagen wissen. Ich kann mich düster daran erinnern, dass diese Studie innerhalb der Piratenpartei verschiedentlich thematisiert wurde, und dabei weder die Bertelsmann-Stiftung, noch die Studie besonders gut wegkamen. Allerdings konnte mir nie einer erklären, was denn nun das Problem gewesen wäre, oder was der Inhalt der Studie genau wäre. Als mich ein Bekannter jetzt auf eine neuere Studie hinwies, hatte er auch gleich den passenden Link:

http://www.jungbewegt.de/fileadmin/m...rgerechnet.pdf

Als ich das Vorwort gelesen hatte und das Stichwort "mitWirkung!", fiel es mir wie die Schuppen vor die Augen: das musste die berühmte Bertelsmann-Studie sein. "Jungbewegt" ist ein Projekt der Bertelsmann-Stiftung, wie man an deren Werbung und an der Website von Jungbewegt erkennen kann.

Die Studie selber strotzt vor Realitätsverdrängung oder vielleicht sogar -verlust. Nicht nur, dass da Lehrer gefragt wurden, was sie denken würden, was Schüler antworten würden, und dann aus den Differenzen (Abb. 3, S. 17) nicht der Schluss gezogen wird, dass Lehrer eine rosarote Brille tragen und den Anspruch mit der Wirklichkeit verwechseln - Die Pfeiffer-Studie beleuchtete ja, wie allgemein bekannt, beinahe gleichzeitig ein ganz anderes Themenfeld und malte ein ganz anderes Bild von der Schule bzw. von der Lebenswirklichkeit der Kinder und Jugendlichen.

Interessant ist auch die interne Verortung der Studie. In der URL taucht die Formel "Beteiligung junger Menschen in Kommunen" auf. Dabei sind Schulen Landesbehörden. Die Kommunen "dürfen" sie zwar bezahlen (bis auf die Lehrergehälter), und alle Opfer der so bezeichneten Instiutionen leben (bis auf pendelnde Lehrer-Opfer) in der entsprechenden Kommune, aber die Schulen selber sind unter der Fuchtel ("Fach- und Dienstaufsicht") der Schulämter, und das sind nun einmal Landesämter.

Jedenfalls fällt da auch auf, dass schon in der Theorie - im von der Studie abgefragten Rahmen - keine wesentliche Mitbestimmung stattfindet. Nur mal ein paar Vorschläge, was Schüler mitbestimmen könnten und meiner Meinung nach auch sollten:
  • Auswahl von Lehrern, Themen und Unterrichtsmaterialien
  • Zusammensetzung von Lerngruppen
  • Festlegung materieller Normen (z.B.: Umgang mit Smartphones, etwaige Kleiderordnungen vom Burkaverbot bis zur Schuluniform, Kriminalität und Delinquenz)
  • Festlegung abstrakter Normen (z.B.: Beschwerderechte, Verfahren bei Übergriffen der Lehrer)
Diese ältere ("Bertelsmann-")Studie scheint also davon auszugehen, dass Schulen "a priori" ihre Zwecke erfüllen und auch die richtige Form haben, und dass eigentlich nur noch z.B. über die Ziele etwaiger Klassenfahrten diskutiert wird.


Der Kontext war eine Diskussion über eine neuere (2010) Studie:


http://www.pedocs.de/volltexte/2013/...tiebildung.pdf


in der diese erste Studie erwähnt wird. Witzigerweisewird die bei Beltz verlegt. In dieser Studie wird die erste Studie zitiert. Es gibt keinen Hinweis darauf, dass dem Autoren des jüngeren Textes die inhaltlichen Mängel der ersten Studie auch nur aufgefallen wären, oder dass er (immerhin 5 Jahre später) auf den Gedanken gekommen wäre, man könnte die einstmals erhobenen Daten nochmal erheben, es könnte sich ja etwas geändert haben.


Und all das hat jetzt Pädagogen und ihre Unterstützer seitdem nicht dazu veranlasst, festzustellen (bzw. die Feststellung zuzugeben), dass die Schulen faschistoid strukturiert sind, dass diese Form von "Pädagogik" eher etwas mit "Deskription" zu tun hat oder mit "potjemkischen Dörfern", zumindest jedoch reformiert gehört. Nein, all das war Grund genug, in den 7 Jahren (! - ein halbes Schülerleben) seither weiterzumachen wie bisher.


Meines Wissens ist das eine historische Ausnahmeerscheinung. Vernünftige Menschen oder solche mit intaktem Gewissen hätten spätestens nach der ersten Studie Reformen angeregt und dann auch verwirklicht, oder sie hätten sich aus ethischen Gründen den Institutionen entziehen müssen. Wie seht ihr das?


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