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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Kommunikationsbedarf


basti_79
17.11.2014, 21:48
Das Wort "Redebedarf" hat einen schlechten Klang. Wie eine Drohung klingt es, wie eine Ankündigung von Strafe. Als ob miteinander Reden etwas schlechtes sei. Eine Diskussion würde ich jeder Gewalt vorziehen. Das mag der Grund sein, warum ich so gern diskutiere.

Eigentlich ist Redebedarf etwas gutes. Wo Menschen haargenau dasselbe wissen, sich im gleichen Strom der Gedanken bewegen, nicht über den Tellerrand schauen, die Filterblase auflösen, wie auch immer, geschieht zumindest keine Kommunikation.

Dann werden Allgemeinplätze ausgetauscht. Gespräche über das Wetter haben einen schlechten Ruf. Dabei könnte man doch darüber so viel sagen. Hier in Deutschland zum Beispiel ist das Wetter äußerst wechselhaft. Wir haben hier alles, vom zentimeterdicken Eispanzer bis hin zur dschungelartigen Schwülwärme. Menschen aus anderen Ländern kennen solch ein Phänomen nicht. Da ist nur Tag und Nacht, und beides ziemlich heiß. Oder ewige Kälte, so dass man sich bei Temperaturen um 10° C schon T-Shirts anzieht. Weil es so warm ist.

Wahrscheinlich wird Menschen in solch einer Situation schnell langweilig. Anders kann ich es mir nicht erklären, dass künstliche Diskussionen eröffnet werden, die schließlich in Kriegen enden. Gerüchtehalber geht etwa der 30jährige Krieg auf die Frage zurück, ob "Gott" denn nun drei Dinge in einem seien oder ein Ding, was drei... Aspekte? ... hat?

Dergleichen kann man nur noch genetisch erklären. Man hat halt die Leute befragt, die übriggeblieben waren, und etwas erkannt wie: "Es gab da einen religiösen Streit, und ein wesentlicher Punkt war die Frage der so genannten Dreieinigkeit". Dass heute noch Menschen, die vermutlich kein besonders strenges Ritual praktizieren wollen, sich als "Dreigestirn" bezeichnen, könnte damit auch im Zusammenhang stehen.

Dort ist Kommunikation. Man kann über jede Religion sagen was man will, Redebedarf erzeugen die Dinger zumindest. Jede Menge davon. Und immer wieder erkennt man die Vielgestaltigkeit der Menschheit. Da hat einer eine Überzeugung, die man schon aus den Grundlagen heraus ableht. Da denkt einer etwas ganz skurriles. Da erscheint uns eine Vorstellung irgendwie ästhetisch, aber auch eigentlich ganz vernünftig. Während andere Leute das wieder ganz anders sehen.

Religionen scheinen gewissermassen ursprüngliche Medien zu sein. All das, was man auch den Medien im engeren Sinne zuschreibt (Uneinigkeit, Künstlichkeit, Gleichschaltung), scheint auf Religionen im besonderen Maße zuzutreffen. Wenn es irgendwo langweilig wird, wird schnell ein Schisma erzeugt, um Redebedarf herzustellen. Und das ist ja ganz einfach. Man nimmt einfach irgendeine fantastische Behauptung und stellt sie in den Mittelpunkt der Rede. Irgendwo steht einer auf und sagt: "das hast Du Dir ausgedacht".

Manchmal wird das Schisma geheilt, manchmal bleibt es bestehen und manchmal eskaliert es, wie im 30jährigen Krieg. Nicht viel mehr gibt es über die religiöse Strategie zu sagen.

Nachhaltiges Kommunikationsverhalten kann nur dort entstehen, wo nicht die Schismen betont werden, sondern die grundlegenden Gemeinsamkeiten. Dass niemand Krieg will, ist mir selbstverständlich. Wo Leute zum Krieg aufrufen, frage ich: warum willst Du das? Ebenso reagiere ich auf viele Polarisationsbemühungen. Ich kann Euch sagen, dass es nicht der Streit selber ist, der die Welt zerstört. Es ist die Eskalation von Streit hinein in die Gewalt. Und die sollte auf alle Fälle vermieden werden.